Antibiotika-Resistenzen in Gewässern in Niedersachsen nachgewiesen Resistente Keime auch in unserem Wasser - wissenschaft.de
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Antibiotika-Resistenzen in Gewässern in Niedersachsen nachgewiesen

Resistente Keime auch in unserem Wasser

Entnahme einer Wasserprobe (Foto: Kozorov/ Fotolia)
Resistente Bakterien, gegen die viele Antibiotika nicht mehr wirken, finden sich auch in Deutschland in Bächen, Flüssen und Badeseen. Das zeigen Wasser- und Sedimentproben, die der Norddeutsche Rundfunk (NDR) exemplarisch an zwölf verschiedenen Orten in Niedersachsen genommen hat.

Weltweit gelten Antibiotika-Resistenzen als eine der größten Gesundheitsgefahren und als Bedrohung für die gesamte moderne Medizin. Denn immer mehr bakterielle Krankheitserreger sind gegen die gängigen Antibiotika immun, die einst schärfsten Waffen der Medizin gegen Infektionen sind damit wirkungslos. Schätzungen zufolge sterben allein in Deutschland jedes Jahr mehrere Tausend Menschen durch multiresistente Keime.

Wie kontaminiert sind unsere Gewässer?

Klar war zwar bislang, dass Antibiotika-resistente Erreger in der Umwelt zu finden sind und sich dort ausbreiten können. Vor allem die Böden und Gewässer in China gelten als besonders stark mit resistenten Keimen durchsetzt – auch als Folge des nahezu ungebremsten Einsatzes von Antibiotika in der Tierhaltung. Wie stark die Gewässer hierzulande belastet sind, ist allerdings weitgehend unbekannt, da es bislang keine systematischen Kontrollen auf solche Erreger gibt.

Um mehr Klarheit zu schaffen, haben nun Mitarbeiter des NDR exemplarisch an zwölf Orten in Niedersachsen Wasser- und Sedimentproben genommen. Unter den Probenorten sind auch zwei Badestrände an der Thülsfelder Talsperre und am Zwischenahner Meer. Alle Proben wurden anschließend von Wissenschaftlern der Technischen Universität Dresden und des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung am Universitätsklinikum Gießen auf bakterielle Resistenzgene hin untersucht.

Resistente Erreger in allen Proben

Das Ergebnis: In allen Proben haben die Forscher Indizien für multiresistente Erreger nachgewiesen. Sie fanden sich sowohl an den beiden Badestellen als auch beispielweise im Fluss Hase, kurz hinter dem Ausfluss des kommunalen Klärwerks von Osnabrück. „Das ist wirklich alarmierend“, sagt der Antibiotika-Experte Tim Eckmanns vom Robert-Koch-Institut zu den Funden. „Die Erreger sind anscheinend in der Umwelt angekommen und das in einem Ausmaß, das mich überrascht.“

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Größtenteils handelt es sich bei den Keimen um sogenannte multiresistente gram-negative Bakterien (MRGN). Sie bereiten Ärzten seit einigen Jahren noch größere Sorgen als der gefürchtete Krankenhauskeim MRSA. Denn MRGN können gerade bei älteren oder immunschwachen Menschen zu schwerwiegenden Erkrankungen führen. Die resistenten Bakterien könnten mit dem Abwasser in die Umwelt gelangt sein. Denn wie der NDR mitteilt, sind die meisten Kläranlagen in Deutschland nicht darauf ausgelegt, solche Keime restlos zu entfernen.

Immun sogar gegen Reserve-Antibiotikum

Besonders kritisch sehen die Wissenschaftler Funde des sogenannten mcr-1-Gens an fünf der zwölf Probenorte. Bakterien, die solch ein Gen in sich tragen, sind resistent gegen das besonders wichtige Reserve-Antibiotikum Colistin. Das Notfallmedikament wird nur in lebensbedrohlichen Situationen eingesetzt, wenn alle anderen Antibiotika versagen. So will man verhindern, dass Bakterien auch gegen diese „Waffe“ der Medizin resistent werden.

Die Forscher halten es für wahrscheinlich, dass das Resistenzgen aus der Tierhaltung stammt, denn dort wird Colistin im Gegensatz zur Humanmedizin in größeren Mengen eingesetzt. Die resistenten Bakterien können dann beispielsweise über Gülle aus den Ställen auf Felder und in die Umwelt gelangt sein. Auch Tiere wie Insekten, Vögel oder Hunde können die Keime verbreiten.

Ministerien sehen „keinen Handlungsbedarf“

Nachdem die Ergebnisse vorlagen, hat der NDR mehrere Ministerien um Stellungnahmen gebeten. Auffallend dabei: Kaum jemand wollte für das Problem zuständig sein, einen Handlungsbedarf sah kaum eine Behörde. Das Bundesgesundheitsministerium verwies auf das Bundesumweltministerium. Dieses hält das Wissen zur Verbreitung von Resistenzen über die Umwelt nicht für ausreichend, um zu handeln – außer bei Badegewässern. Stattdessen seien zunächst systematische Untersuchungen nötig.

In Niedersachsen schätzen die zuständigen Landesministerien das Gesundheitsrisiko als gering ein und sehen keinen besonderen Handlungsbedarf. Sie verweisen auf bestehende Vorschriften und Kontrollen. Eine Untersuchung der Gewässer auf Antibiotika-resistente Keime wird als nicht erforderlich angesehen. Das Umweltministerium in Hannover teilte zu den Kläranlagen mit, sie erfüllten die gesetzlichen Vorgaben. Die Einführung einer zusätzlichen Reinigungsstufe sei „daher derzeit grundsätzlich nicht vorgesehen“.

Quelle: Norddeutscher Rundfunk

© natur.de – Nadja Podbregar
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