Rhythmische Gehirngymnastik - wissenschaft.de
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Rhythmische Gehirngymnastik

Die Bevorzugung einfach aufgebauter Musikrhythmen in westlichen Kulturen ist nicht angeboren, sondern eine Frage der Gewöhnung. So haben beispielsweise die an komplexe Musik gewöhnten Bewohner des Balkans überhaupt keine Probleme, dem Rhythmus mazedonischer oder bulgarischer Volkstänze zu folgen, während nordamerikanische Erwachsene damit überfordert sind. Kleinkinder dagegen zeigen keine Vorliebe für einfache Rhythmen: Sie können die komplexe Taktstruktur ebenso gut erfassen wie den einfacheren westlichen Rhythmus. Diesen Zusammenhang beschreiben Erin Hannon von der Cornell-Universität in Ithaca und Sandra Trehub von der Universität von Toronto in der Fachzeitschrift Psychological Science (Bd. 16, Nr. 1, S. 48) .

Menschen, die in einer westlichen Kultur aufgewachsen sind, haben häufig Probleme, komplexeren Rhythmen fremder Musik zu folgen. Sie tendieren dazu, die Taktstruktur im Geiste so zu verändern, dass sie den einfacheren Regeln der westlichen Rhythmen folgt. Bei diesen Rhythmen wird immer wieder die gleiche Taktstruktur wiederholt, in der sich starke und schwächere Schläge meist in einem einfachen Verhältnis abwechseln. So besteht ein Takt bei einem Walzer beispielsweise aus drei gleich langen Schlägen, von denen der erste stark betont ist. Die indische oder auch die südosteuropäische Musik folgt dagegen deutlich komplexeren Rhythmen, in denen sich beispielsweise Takte mit drei, zwei und vier Schlägen ständig abwechseln.

Um zu überprüfen, ob es eine angeborene Vorliebe für den einfacheren Rhythmus gibt, spielten die Psychologinnen 54 nordamerikanischen Studenten Auszüge aus Musikstücken mit einfacher und mit komplexerer Rhythmik vor. Zum Teil waren diese Stücke so verändert, dass die ursprüngliche Taktstruktur zerstört war. Die Studenten erkannten diese Veränderungen jedoch nur dann, wenn sie in Musikstücke mit einfacheren Takten eingefügt worden waren. Bei komplexeren Rhythmen bemerkten die Probanden solche Modifikationen dagegen nicht.

Das änderte sich, als die Forscherinnen die Versuche mit 17 bulgarisch- oder mazedonischstämmigen Einwanderern wiederholten, die seit ihrer Kindheit sowohl an komplexe als auch an einfache Rhythmen gewöhnt waren: Sie hatten keine Schwierigkeiten, die Veränderungen in beiden Musiksorten zu erkennen. In einem dritten Test untersuchten Hannon und Trehub 64 Kleinkinder im Alter von sechs bis sieben Monaten. Interessanterweise bemerkten die Kinder ebenfalls bei beiden Musikstilen die Veränderungen.

Offenbar ist die Verarbeitung von rhythmischen Strukturen im Gehirn zu Beginn des Lebens sehr flexibel, schließen die Forscherinnen aus diesen Ergebnissen. Eine jahrelange Gewöhnung an eine bestimmte Art von Taktstruktur veranlasst dann jedoch wahrscheinlich eine Umorganisation im Gehirn, so dass fast nur noch die gewohnten Rhythmen wahrgenommen werden.

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ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel
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