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Riechen hilft Sehen

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Ein bisher unterschätzter Helfer der Augen: der Geruchssinn. (Thinkstock)
Menschen sind Augentiere – sie verlassen sich mehr als alles andere auf ihren Sehsinn, um ihre Umwelt wahrzunehmen und zu kategorisieren. Manchmal hilft ihnen dabei ihr Tastsinn oder ihr Gehör, allerdings auch nur dann, wenn die daraus stammenden Informationen wirklich auffällig sind und sich in den Vordergrund drängen. Die Nase dagegen scheint heute nicht mehr wirklich wichtig zu sein, um in der Welt zurechtzukommen – und das, obwohl der Geruchssinn ursprünglich sogar der wichtigste Sinn für die Wahrnehmung und Einschätzung von Objekten war. Genau aus diesem Grund hat sich ein chinesisches Forscherteam jetzt seine Rolle noch einmal genauer angeschaut – und festgestellt, dass die Nase den Augen durchaus wertvolle Hilfsdienste leistet.

Im Fokus der Forscher stand die Frage, wie das Gehirn in Zusammenarbeit mit den Augen diejenigen Objekte aus der Vielzahl der Gegenstände auswählt, denen wir unsere Aufmerksamkeit widmen. Bereits seit längerem ist bekannt, dass dabei zwei Faktoren eine Rolle spielen: die Eigenschaften der Objekte selbst, wie Farbe oder Form, und die Bewertung durch das Gehirn, das die Aufmerksamkeit wie ein Spotlight auf bestimmte Gegenstände lenken kann. Der Geruch eines Gegenstandes, so die Überlegung der Forscher, spielt vermutlich vor allem für ersteres eine Rolle – schließlich ist er ebenfalls eine Eigenschaft eines Objektes und daher fest mit ihm verknüpft. Kann er also ähnlich wie eine grelle Farbe die Aufmerksamkeit und damit den Blick auf einen bestimmten Gegenstand lenken, obwohl er meist nicht genau lokalisiert werden kann?

Den Duft in der Nase, das passende Objekt im Auge

Um das zu prüfen, entwarf das Team eine ganze Reihe verschiedener Wahrnehmungstests. Bei allen bekamen die Probanden – insgesamt 188 – Fläschchen mit klaren Flüssigkeiten vorgesetzt, die mit einem y-förmigen Nasenstück ausgestattet waren. Dieses Nasenstück sollten sie in ihren Nasenlöchern positionieren und dort lassen, solange sie die eigentlichen Aufgaben erledigten. In einigen Fällen enthielten die Fläschchen Rosenduft, in anderen ein Zitrusaroma und in wieder anderen eine Chemikalie, die nach Bananen roch. Einige Fläschchen dienten als eine Art Placebo-Kontrolle: Sie beherbergten nur Wasser, von dem die Probanden jedoch annahmen, dass es zusätzlich mit einem Duftstoff versetzt war.

In einer der Testreihen bekamen die Teilnehmer auf einem Bildschirm im Kreis angeordnete Haushaltsgegenstände zu sehen – alle gelb eingefärbt und alle gleich groß. Sie sollten so schnell wie möglich angeben, ob sich darunter eine Banane befand und wenn ja, wo diese platziert war. In einigen Fällen hatten sie dabei den Bananenduft in der Nase, manche schnüffelten an Rosen- oder Zitrusduft und andere glaubten lediglich, ein schwaches Bananenaroma zu riechen. Ergebnis: Wer tatsächlich den Bananenduft schnupperte, war deutlich schneller beim Auffinden der gesuchten Frucht – vor allem dann, wenn sehr viele Objekte gescannt werden mussten. Alle anderen Gerüche oder vermeintlichen Gerüche hatten dagegen keinen Einfluss auf die Geschwindigkeit der Wahrnehmung.

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Geruch beschwört geistiges Bild herauf

Erstes Fazit des Teams: Offenbar ist der Geruch im Gehirn fest mit dem Bild des entsprechenden Objektes verdrahtet und lenkt daher die Aufmerksamkeit gezielt auf Dinge, die diesem Bild entsprechen. Diese Annahme bestätigte sich auch in der zweiten Versuchsreihe, bei der die Probanden entweder Rosen- oder Zitrusduft in der Nase hatten. Sie sollten dann ein kleines Kreuzchen auf der Mitte eines Bildschirms fixieren, auf dem anschließend ganz kurz nebeneinander die Bilder einer Zitrone und einer Rose auftauchten. Es folgte wieder das Kreuz, bevor – ebenfalls für extrem kurze Zeit – auf einer Seite des Monitors ein unscharfes Streifenmuster auftauchte. Aufgabe der Probanden war es, die Orientierung der Streifen zu erkennen.

Auch hier zeigte sich ein interessanter Effekt: Mit Rosenduft in der Nase konnten die Teilnehmer die Aufgabe viel schneller und korrekter erfüllen, wenn das Muster auf der Seite des Monitors erschien, auf dem vorher die Rose zu sehen gewesen war. Für den Zitrusduft galt das Umgekehrte. Und wieder ließ sich die Aufmerksamkeit der Probanden nicht in die Irre führen: Wurde ihnen zwar gesagt, dass sie unbewusst schwachen Rosenduft einatmeten, sie diesen aber tatsächlich gar nicht wahrnahmen, gab es keinerlei messbaren Geschwindigkeitseffekt. Gesamtresümee: Die Nase hilft demnach sozusagen, den Suchscheinwerfer der Aufmerksamkeit auf das entsprechende Objekt zu richten und lenkt damit auch den Blick dorthin. Sie hebt also aus der geistigen Karte, die das Gehirn von der Umgebung anfertigt, bestimmte Punkte heraus und lässt sie in den Vordergrund treten. Man sollte also einfach häufiger mal seiner Nase folgen, raten die Forscher.

Quelle:

© wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel
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