Riff-Paradox: Fischige Schlüsselfaktoren - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Umwelt+Natur

Riff-Paradox: Fischige Schlüsselfaktoren

Wichtige Winzlinge: Ein Vertreter der kryptobenthischen Rifffische. (Bild: Tane Sinclair-Taylor).

Unterwasserwelten voller bunter Fische… Wie kann ein solch üppiger Fischreichtum in Korallenriffen entstehen, obwohl sie in sehr nährstoffarmen Gewässern liegen? Zur Klärung dieses sogenannten Riff-Paradoxes trägt nun eine Studie bei: Eine unscheinbare Fischgruppe bildet demnach geradezu ein Füllhorn der Futterversorgung im Riff. Die am Grund lebenden, sogenannten kryptobenthischen Rifffische repräsentieren rund 60 Prozent des Futters der anderen Rifffische. Diese Versorgung ist kontinuierlich möglich, da die Winzlinge ihre Populationen in einem schnellen Zyklus von Leben und Tod ständig regenerieren können, zeigt die Studie.

Eigentlich müssten es Wüstengebiete der Ozeane sein: Das ausgesprochen klare Wasser im Bereich der Korallenriffe der Erde verdeutlicht, dass dort wenig nährstoffreiche Partikel unterwegs sind, die der Nahrungskette als Grundlage dienen könnten. Wie dort die berühmte üppige Vielfalt gedeihen kann, beschäftigt Wissenschaftler seit fast 200 Jahren – das Rätsel ist auch als „Darwin-Paradox“ bekannt. Als eine grundlegende Erklärung gilt, dass es in den Riffen einen sehr effektiven internen Nährstoffkreislauf gibt und/oder dass bestimmte Prozesse Nährstoffe aus den umliegende Freiwasserzonen in die Oasen des Lebens einspeisen. Details entsprechender Systeme sind aber nach wie vor unklar.

Winzlinge im Visier

In diesem Zusammenhang hat sich ein internationales Forscherteam nun mit der möglichen Rolle der kryptobenthischen Rifffische beschäftigt, denen zahlreiche Arten zugeordnet werden. Sie repräsentieren die kleinsten Vertreter der Wirbeltiere im Riff – sie erreichen Länge von nicht mehr als fünf Zentimetern. Sie leben am Grund oder verstecken sich in den Riffstrukturen – allerdings nützt ihnen das nur bedingt: Es ist bekannt, dass sie massenhaft von größeren Fischen gefressen werden.

Im Rahmen ihrer Studie haben die Forscher nun umfangreiche Untersuchungen der kryptobenthischen Fische in Riffen von Belize, Französisch-Polynesien und Australien durchgeführt. Zudem wertete das Team Untersuchungsdaten zu Larven in Riffen und in den benachbarten Freiwasserzonen durch. Außerdem entwickelten die Wissenschaftler Populationsmodelle, um Einblicke darin zu gewinnen, welche Rolle die kryptobenthischen Fische und ihre Larven in den marinen Systemen spielen.

Anzeige

Wie die Forscher berichten, zeichnet sich ab, dass die Winzlinge tatsächlich massenweise verspeist werden: Sie machen etwa 60 Prozent der Nahrung von größeren Fischen aus. Wie es die kryptobenthischen Fische trotz dieser enormen Verluste schaffen, ihre Populationen aufrecht zu erhalten, geht ebenfalls aus den Ergebnissen der Wissenschaftler hervor. Offenbar liegt die Ursache an dem enorm schnellen Generationswechsel und dem üppigen Vorrat an Nachwuchs. Wie die Forscher erklären, gibt es bei den kryptobenthischen Fischen eine interessante Besonderheit, was ihre „Kinderstuben“ betrifft: Während sich die Larven der meisten anderen Fischarten im offenen Ozean ausbreiten, wo nur wenige überleben, bleiben die Babys der meisten kryptobenthischen Fische in der Freiwasserzone in der Nähe der Riffe ihrer Eltern. Diese Larven können dann schnell die gefressenen Erwachsene im Riff ersetzen.

Ständiger Nachschub

„Wir fanden heraus, dass Larven von kryptobenthischen Fischen die Larvenfischgemeinschaften in der Nähe von Riffen absolut dominieren, was einen kontinuierlichen Strom von neuen Generationen winziger Fische als Nahrungsquelle für andere Riffkreaturen darstellt“, sagte Co-Autorin Carole Baldwin vom Smithsonian’s Tennenbaum Marine Observatories Network. „Es ist unglaublich, dass diese Fische so viel zum System der Korallenriffe beitragen. Sie sind so klein, dass wir ihre enorme Bedeutung lange nicht erkannt haben“, so die Wissenschaftlerin. Ihr Kollege Simon Brandl ergänzt: „Es ist faszinierend festzustellen, dass diese winzigen Fische tatsächlich einen Eckpfeiler der Korallenriff-Fischgemeinschaften repräsentieren.“

Wie die Wissenschaftler betonen, sind die unscheinbaren Schlüssel-Wesen in den Korallenriffen der Welt heute wohl wichtiger als jemals zuvor. Sie könnten die Widerstandsfähigkeit der Korallenriffe prägen, die sich derzeit durch den Klimawandel und durch weitere vom Menschen verursachte Stressfaktoren dramatisch verändern. Die Forscher hoffen, dass die große Vielfalt der kryptobenthischer Rifffische sie zu einer belastbaren Grundlage für das Überleben der Korallenriffe machen kann.

Quelle: Smitshonian, Science, doi: 10.1126/science.aav3384

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Smart Me|ter  〈[– mi–] m.; – –s, – –; El.〉 digitales Messgerät für den Verbrauch von Strom (auch Erdgas, Fernwärme oder Wasser), das diesen erfasst, speichert und an das Netzwerk des Dienstleisters, in der Regel den Stromversorger, übermittelt; mithilfe dieses ”intelligenten Zählers“ können z. B. Verbrauchsspitzen ermittelt werden und der Verbraucher selbst kann feststellen, wie hoch der Gesamtverbrauch von Strom und der von einzelnen elektrischen Geräte ist; →a. Smart Grid ... mehr

Dung|kä|fer  〈m. 3; Zool.〉 = Mistkäfer

Dau|er|pflan|ze  〈f. 19; Bot.〉 perennierende (mehrjährige) Pflanze

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige