Rinderwahn - Beunruhigende Erkenntnisse - wissenschaft.de
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Rinderwahn – Beunruhigende Erkenntnisse

Zahlreiche Studien belegen: Die Seuche ist nicht im Griff. Ein mysteriöser Erreger, eine Seuche, die sich unerklärlicherweise immer weiter ausbreitet, eine Gefahr für die Bevölkerung: BSE – die bdw-Analyse.

Es besteht kein ernsthafter Zweifel mehr: Der Rinderwahnsinn BSE kann auch den Menschen befallen und die sogenannte „neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit“ hervorrufen. Es ist eine Infektionskrankheit, die der Mensch selbst erschaffen hat, indem er tote Schafe an Rinder verfütterte, die von Natur aus vegetarisch leben. Unter diesen Schafen waren Scrapie-kranke Tiere, mit „Schafwahnsinn“, einer seit langem bekannten Krankheit. Das Fleisch dieser Tiere war für Menschen harmlos, aber als der Erreger die Artenbarriere zwischen Schaf und Rind übersprang, verwandelte er sich in einen gefährlichen Infektionskeim, der seitdem Menschen und Tiere infizieren und töten kann. Der Mensch hat eine Büchse der Pandora geöffnet. Können die Forscher und Politiker sie wieder schließen? Wie groß ist die Gefahr durch verseuchtes Fleisch? Existieren zuverlässige Tests? Gibt es medizinische Hilfe? bild der wissenschaft analysiert den Stand der Forschung:

Läßt sich BSE-Fleisch sicher identifizieren?
Bislang ging Rindfleisch nur dann nicht über die Ladentheke, wenn die Kühe offensichtlich am Rinderwahnsinn BSE gelitten hatten: wenn sie schwankten oder sich seltsam verhielten. Ein wirklicher Gesundheitsschutz für den Verbraucher ist das nicht, denn Rindfleisch ist – zumindest als Tierfutter – am infektiösesten in den Monaten, bevor die Krankheit offen ausbricht, so die Erkenntnis von Neil Ferguson von der Universität Oxford. Bisher konnte man dieses Krankheitsstadium bei Rindern aber nicht erkennen. Die Lösung des Problems: Tests, um die krankmachenden Prionen direkt im Fleisch nachzuweisen. Drei solcher Tests haben inzwischen eine EU-Prüfung bestanden und dürfen angewendet werden:

  • Der Zuverlässigste: Der Schnelltest Prionics Check der Schweizer Firma Prionics. Nach Angaben von Forschungsleiter Dr. Bruno Oesch wurden nur bei ihm alle Proben sofort richtig markiert. Er kostet etwa 95 Mark pro eingeschickter Hirnprobe und dauert etwa acht Stunden.
  • Der Empfindlichste: Der Test der französischen Commission de l’Energie Atomique (CEA) in Gif sur Yvette Cedex. Er reagiert noch bei geringeren Prionen-Konzentrationen als die anderen.
  • Der Schnellste: Der Test der irischen Firma Enfer Scientific aus Newbridge in Kildare. Er dauert vier Stunden und kostet etwa 57 Mark pro Probe.
  • All diese recht einfachen Laoruntersuchungen können die gefährlichen Prionen schon sechs Monate vor den ersten klinischen Symptomen des Rinderwahnsinns nachweisen. In der Schweiz müssen seit dem letzten Jahr alle Rinder getestet werden, die sich in irgendeiner Weise merkwürdig benehmen, abmagern oder krank werden. In der Schlachthofpraxis läuft das Verfahren folgendermaßen ab: Für den BSE-Test der Schweizer Firma Prionics sticht der Tierarzt den geschlachteten Rindern eine Sonde in den Übergang vom Rückenmark zum Stammhirn und entnimmt eine Gewebeprobe. In dieser Hirnregion treten die krankmachenden Prionen zuerst und in hoher Konzentration auf. Die Veterinäre testen die Probe in einem sogenannten Western-Blot mit farbig markierten Antikörpern. Wenn auf dem Blot der markante Fleck der Prionen erscheint, beschlagnahmen die Amtstierärzte den Kadaver und lassen ihn vernichten.

    In Deutschland werden solche Tests noch nicht gefordert, obwohl der für Lebensmittelsicherheit zuständige EU-Kommissar David Byrne die Mitgliedstaaten dazu drängt. Seit dem April dieses Jahres bietet die Firma Bovina den Schweizer BSE-Test in Lizenz für deutsche Schlachter an. Als Vorreiter läßt der Metzger Rainer Sommer bei Heilbronn seine geschlachteten Rinder testen – eine Aktion, die unter seinen Kollegen zu empörten Protesten führte: Rindfleisch aus Baden-Württemberg sei sicher und der Test nur teuer und überflüssig, verkündete die zuständige Fleischerinnung. Nachgeprüft hat diese Behauptung aber vor Metzger Sommer noch keiner. Bisher sind seine Befunde „negativ“. Das beauftragte Labor fand zum Glück keine Prionen in den geschlachteten Kühen.
    Unbeirrt davon arbeiten die Forscher an noch empfindlicheren Tests, denn die existierenden Verfahren sind nur sinnvoll bei Tieren, die älter als 30 Monate sind, da sich erst dann genügend krankheitsverursachende Prionen gebildet haben können. Wissenschaftler um den Mainzer Molekularbiologen Werner Müller und die US-amerikanische Forscherin Mary Jo Schmerr haben inzwischen einfachere Tests entwickelt, bei denen die Prionen schon im Blut oder in der Gehirnflüssigkeit von Rindern entdeckt werden können. Sie sind aber noch nicht offiziell auf ihre Zuverlässigkeit getestet.

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    bdw-Fazit: Die bisher von der EU zugelassenen Tests können erst nach der Schlachtung und nur bei älteren Tieren eingesetzt werden. Sie erhöhen die Sicherheit für den Verbraucher, bieten aber keinen vollständigen Schutz, da man bis heute nicht weiß, wie infektiös Rindfleisch jüngerer infizierter Tiere ist.

    Gibt es gesundes Fleisch von kranken Tieren?
    Prionen befinden sich vor allem in den Nerven. Der BSE-Erreger steckt somit besonders im Gehirn und erreicht dort immer die höchste Konzentration. Aber auch das Rückenmark, innere Organe und Muskelfleisch sind von Nerven durchzogen. Der britische BSE-Experte John Collinge vom Imperial College in London vermutet daher, daß Muskelfleisch wesentlich infektiöser ist, als man bisher annimmt. Außerdem können die Prionen beim Schlachten aus dem Gehirn austreten: Der Veterinärmediziner Haluk Anil von der Universität Bristol fand heraus, daß nach dem Bolzenschuß in den Schädel das Herz noch eine Weile weiterschlägt und so Hirngewebe durch das verletzte Gefäßsystem in den Körper transportiert wird. Beim Zerlegen des Tieres kann zudem hochinfektiöses Hirn- und Nervengewebe in Kontakt mit dem vermeintlich ungefährlichen Muskelfleisch kommen.

    bdw-Fazit: BSE-Erreger können in jedem Teil des Tieres vorkommen – wenn auch in geringer Konzentration. Ob es genügend sind, um einen Menschen zu infizieren, weiß man nicht.

    Links zum Thema BSE

  • Augen auf beim Rindfleischkauf. Was bedeuten die Kennzeichnungen? Wo sind die Haken? http://www.wdr.de/tv/markt/archiv/00/0522_1.html
  • MadCow Page – Aktuelle Nachrichten und Presseberichte zu BSE http://mad-cow.org
  • Prion Picture Gallery – wie sehen Prionenmoleküle aus? http://www.mad-cow.org/~tom/prion_structure_folder/gallery.html
  • Der BSE-Test von Prionics, technische Beschreibung und eine Fülle von Literaturhinweisen http://www.prionics.ch
  • Berichte des britischen BSE-Untersuchungsausschusses http://www.bse.org.uk
    ===Thomas Willke
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