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Erde+Klima Umwelt+Natur

RINGEN UM DEN REGENWALD

Die Zerstörung der Wälder am Amazonas schreitet fort. Marktanreize für Umweltschutz und ein Nationaler Klimaplan sollen den Raubbau endlich stoppen.

Knapp 12 000 Quadratkilometer Regenwald wurden im brasilianischen Amazonasgebiet zwischen August 2007 und Juli 2008 gerodet – das 13-Fache der Fläche von Berlin. Das bedeutet einen leichten Anstieg im Vergleich zum Vorjahr und damit das Ende einer hoffnungsvollen Entwicklung. Denn drei Jahre hintereinander waren die Abholzungsraten gesunken – bis Mitte 2007. Damals hatte sich die brasilianische Regierung noch damit gebrüstet, dass strengere Kontrollen, neue Schutzgebiete und eine neue Forstpolitik den Erfolg ermöglicht hätten (siehe bdw 1/2008, „ Holzen mit Samthandschuhen“). Doch viele Wissenschaftler trauten der Botschaft nicht: „Mächtige Interessengruppen werden testen, ob die Regierung ernst macht mit den Kontrollen“, prophezeite Adalberto Veríssimo von der Umweltorganisation Imazon in Belém.

Der Test ließ nicht lange auf sich warten. Auf einer Fläche von 5,4 Millionen Quadratkilometern steht im Amazonasbecken der größte verbliebene Regenwald des Planeten. Gut 60 Prozent davon besitzt Brasilien, das den Zustand seines Anteils am Ökosystem heute zumindest dokumentiert. Gegen Ende eines jeden Jahres gibt das brasilianische Raumfahrtzentrum INPE anhand von Satellitendaten eine Rodungsstatistik für den Zeitraum August bis Juli heraus (siehe Grafik rechts). Seit 2004 bietet das INPE obendrein monatliche Daten. Und die wiesen schon Ende 2007 auf einen steilen Neuanstieg der Rodungen hin.

Dabei sind Brasiliens Umweltgesetze vorbildlich. Maximal ein Fünftel seines Landes darf ein Eigner im amazonischen Regenwald unter Auflagen roden. Doch oft hat die Administration nicht die Mittel, teils auch nicht den Willen, das durchzusetzen. Einen starken Einfluss haben die Preise wichtiger Rohstoffe am Weltmarkt. Vor allem die Preise für Soja und Palmöl legten Anfang 2007 wieder zu. Vor Ort kommt es dadurch zu einer Zerstörungsstafette: Während Plantagen für Soja und Zuckerrohr oft im Cerrado entstehen, den weiten Savannenregionen in der Mitte Brasiliens, wandern Rinderzüchter weiter nach Norden in den Regenwald. Ende 2007 schnürte Brasília unter Umweltministerin Marina Silva ein Notpaket.

DAS RETTUNGSPROGRAMM

· Mehr Kontrolle: In mediengerechten Aktionen hoben Umweltbehörde Ibama und Polizei illegale Sägewerke aus, sammelten „herrenlose“ Rinder ein und erließen allein bis Juni 2008 Strafbescheide für illegale Rodungen in Höhe von umgerechnet 130 Millionen Euro.

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· Klärung der Besitzverhältnisse: In 36 Landkreisen, in denen die Entwaldungsraten sehr hoch sind, müssen sich alle Landbesitzer neu registrieren lassen. Die Richtung stimmt, denn gerodet wird meist auf juristischem Niemandsland. Es gibt kaum Kataster. Und erst deren Abgleich mit Satellitendaten könnte Straftäter, die illegal roden, wirksam überführen. „Das ist der Schlüssel für jede Politik am Amazonas“, sagt Tatiana de Carvalho von Greenpeace in Manaus.

· Einbeziehen des Finanzsektors: Im Februar 2008 beschloss das oberste Bankengremium, das Conselho Monetário Nacional, dass Farmer im Regenwald Amazoniens ab Juli 2008 nur dann Kredite bekommen, wenn sie sich als Besitzer ausweisen können und Umweltauflagen einhalten.

· Im Mai 2008 trat Marina Silva zurück. Massive Widerstände aus Wirtschaft und Politik hatten sie aus dem Amt getrieben. Dennoch konnte ihr Nachfolger Carlos Minc bei der Präsentation der Prodes-Daten Ende 2008 verkünden, man habe Schlimmeres verhindert. In der Tat sind die Rodungen seit Mai 2008 wieder rückläufig – womöglich ein Hinweis, dass der politische Druck gewirkt hat. Schon im kommenden Jahr, so Minc, sollten die Gesamtzahlen wieder sinken. Dabei helfen könnten zwei Entwicklungen. Zum einen stellt der Handel Umweltforderungen. Paradebeispiel dafür ist ein Soja-Moratorium. Überraschend hatten Mitte 2006 der Verband der Sojahändler ABIOVE und die Nationale Organisation von brasilianischen Exporteuren ANEC erklärt, sie würden zwei Jahre lang kein Soja kaufen, das von frisch gerodeten Regenwaldflächen stammt. Der nötige Druck kam von Lebensmittelfirmen, die wiederum durch eine Greenpeace-Kampagne alarmiert worden waren. McDonald’s, Marks and Spencer, Nutreco und Ritter Sport machen mit bei der Aktion. „Die brasilianischen Sojahändler wollen heute nachhaltig arbeiten“, meint Else Krück, Umweltmanagerin bei McDonald’s Europe. „Das Moratorium ist zumindest ein Anfang.“ Mitte 2008 stand fest: Es hat gehalten und wird um ein Jahr verlängert. Ein Problem bleibt: Das Moratorium verhindert zwar neue Sojaplantagen im Regenwald, doch im Cerrado schreitet die Zerstörung unbeobachtet voran.

KLIMASCHUTZ BRINGT GELD

Eher zögerlich kommt der Aufbau einer nachhaltigeren Infrastruktur für die Holzbranche voran. Im August 2008 versteigerte Brasiliens Forstdienst SFB erstmals Konzessionen für eine umweltschonende Bewirtschaftung bisher unberührter Wälder (Primärwälder) am Amazonas. Auf knapp 100 000 Hektar eines Nationalforstes im Bundesstaat Rondônia sollen drei Firmen in den nächsten 40 Jahren nach strikten Umweltauflagen Holz schlagen. Allerdings benötigt die Holzbranche einige Millionen Hektar derartiger Konzessionen. Immerhin: Im Juli 2008 verpflichtete sich erstmals ein Verband der Holzexporteure im Bundesstaat Pará, kein illegal gefälltes Holz mehr anzukaufen. Was noch völlig fehlt, sind Umweltverpflichtungen für den Rindfleischmarkt. Tatiana de Carvalhos Fazit: „Die Verbraucher, gerade in Europa, müssen weiter Druck auf Händler und Produzenten ausüben.“

Die zweite Entwicklung: Klimaschutz bringt Geld. Ende 2008 präsentierte Brasiliens Regierung einen Nationalen Klimaplan mit erstmals konkreten Vorgaben für CO2-Emissionsminderungen. Zentraler Punkt ist die verminderte Abholzung. Nach der Zahlenarithmetik des Plans wären für die kommende Prodes-Statistik 2008 bis 2009 noch maximal 9200 Quadratkilometer Verlust durch Rodung in Amazonien „erlaubt“. Danach sollen die Zahlen weiter sinken, auf maximal 5000 Quadratkilometer 2017. Selbst wenn der Plan greift, bedeutet das den Verlust von weiteren 70 000 Quadratkilometern Regenwald. Dennoch: Dass es den Plan überhaupt gibt, ist ein gewaltiger Fortschritt. Der Regenwald wird damit zur festen Größe beim internationalen Handel um CO2- Emissionsrechte. Wälder als Kohlenstoffspeicher könnten ihren Besitzern bald richtig Kohle bringen. Und das wiederum würde etliche Bäume am Amazonas retten. ■

von Bernhard Epping

Schonzeit Vorbei?

Nach drei Jahren, in denen die Abholzungsrate des Amazonas-Regenwaldes stetig abnahm, stieg sie im Zeitraum August 2007 bis Juli 2008 wieder leicht an. Ursache ist der höhere Soja-Preis, der die Rodungen lukrativer macht.

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