Risiko Mann: Das "starke Geschlecht" lebt im Vergleich zu Frauen immer kürzer - wissenschaft.de
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Risiko Mann: Das "starke Geschlecht" lebt im Vergleich zu Frauen immer kürzer

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Wie die Geschlechtschromosomen, so auch die Lebenserwartung bei Männern und Frauen: Links das große X-, rechts das kleine Y-Chromosom (Bild: Nature)
Männer leben in den westlichen Nationen im Schnitt sieben Jahre kürzer als Frauen. Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte ist dieser Unterschied immer größer geworden. Ein Grund dafür ist in den industrialisierten Ländern unter anderem das höhere Risiko der Männer, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben. Hinzu kommt ein Hang des starken Geschlechts zu einem risikoreichen Lebenswandel. Doch noch zahlreiche andere Faktoren spielen eine Rolle.

„Leben ist immer lebensgefährlich“, sagte schon Erich Kästner und ermunterte in einem Gedicht seine Leser zur Gelassenheit. Doch besonders gefährlich ist es für Männer: „Mann zu sein ist heute der größte allein stehende demographische Risikofaktor für einen vorzeitigen Tod in entwickelten Ländern“, schreibt etwa Daniel Kruger von der Universität von Michigan im Fachmagazin „Evolutionary Psychology“.

In Deutschland sterben Frauen durchschnittlich mit 80 Jahren, Männer dagegen mit 73. Männer sterben nicht nur früher, sie sind auch vorrangig von den 16 häufigsten Haupttodesursachen betroffen: Angefangen von Herzkrankheiten über chronische Lungenkrankheiten bis hin zu Aids erliegen Männer diesen Leiden in Durchschnitt häufiger als Frauen. An der Immunschwächekrankheit sterben sogar neunmal mehr Patienten als Patientinnen.

Der Unterschied in der Lebenserwartung von Mann und Frau hat sich in den vergangenen Jahren in den Industrienationen verschärft. „Die Schere der Lebenserwartung bei Mann und Frau geht immer weiter auseinander. Während der Unterschied um 1900 zwei Jahre betrug, sind es jetzt sieben Jahre“, erklärt der Urologe Hans-Uwe Eickenberg aus Bielefeld gegenüber ddp.

Eine geringere Lebenserwartung haben Männer in den meisten Ländern der Welt. Allerdings ist dieser Unterschied in den Industrienationen besonders eklatant. „Historische Sterbedaten zeigen, dass die männliche Sterblichkeitsrate gegenüber der weiblichen mit zunehmender Lebenserwartung – wie wir sie in der westlichen Welt haben – ansteigt“, fasst Kruger zusammen. Der Wissenschaftler und sein Team haben die Daten aus 20 verschiedenen Ländern teilweise über 70 Jahre zurückverfolgt.

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Nur in einigen Ländern in Südostasien und Afrika leben Männer länger als Frauen. Dies seien laut Kruger jedoch allesamt Staaten, in denen Jungen beim Nachwuchs bevorzugt werden, während Mädchen schlechter ernährt, manchmal sogar getötet werden. Ansonsten dominiert das Bild des vorzeitig sterbenden Mannes.

Die Unterschiede der Lebenserwartung rühren laut Kruger von genetischen, physiologischen, verhaltensspezifischen und sozialen Unterschieden zwischen Mann und Frau her. „Zwar lassen sich diese Faktoren nicht voneinander trennen, aber der Hauptgrund der hohen Sterblichkeit des Mannes in den Industrieländern sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, sagt Kruger. Diese Erkrankungen sind Zivilisationserscheinungen, die das starke Geschlecht besonders stark heimsuchen.

Nach Erhebungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sterben Männer im Alter von 35 bis 65 Jahren fünfmal häufiger an Herzkrankheiten als Frauen. Die Ursachen dafür sind wiederum vielfältig. Zum einen ernähren sich Männer im Schnitt ungesünder als Frauen und rauchen mehr. Zum anderen tragen ihre Hormone dazu bei, dass Herz und Kreislauf die Archillesferse der männlichen Gesundheit bilden. Das männliche Hormon Testosteron beispielsweise schaltet 27 Gene an, die das Leiden immens begünstigen.

In ärmeren Ländern spielen Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine untergeordnete Rolle, dennoch sterben auch dort oft die Männer vor den Frauen. „Es gibt eine Art Balance zwischen Überleben und Fortpflanzung“, erklärt Kruger. „Männer können grundsätzlich leichter Nachkommen in die Welt setzen, wohingegen Frauen entsprechend ihrer begrenzten Zahl an Eizellen nur eine überschaubare Zahl an Kindern zur Welt bringen können. Deshalb haben Männer eine risikoreichere Überlebensstrategie als Frauen.“

Gerade bei Heranwachsenden zwischen 15 und 24 Jahren reißt der Hang zum waghalsigen Leben viele Jungen in den Tod: Die Todesrate in dieser Altersklasse liegt bei den Jungen dreimal höher als bei den Mädchen. Schnelles Fahren, Alkohol und Drogen sind nur einige Verlockungen, denen vor allem „Er“ auf der Suche nach dem Kick im Leben erliegt.

Auch im Tierreich sind es häufig die Männchen, die früher das Zeitliche segnen. Wenn die Weibchen ausnahmsweise früher sterben, geht das erstaunlich oft mit einem Rollentausch einher: Die Väter kümmern sich dann um die Aufzucht der Jungen. Der Verzicht auf die Pflege der Kleinen kostet offenbar die Frauen einige Jahre ihres Lebens. Jenes Geschlecht, das in der Zahl der Nachkommen am stärksten begrenzt ist oder für deren Aufzucht unabdingbar ist, bekommt quasi als Gegenleistung von Mutter Natur ein etwas längeres Leben geschenkt.

Ob sich das auch auf den Menschen übertragen lässt und Väter, die ihre Kinder groß ziehen, länger leben als andere, hat allerdings noch kein Wissenschaftler untersucht. So kann dem Mann indes nur zur einem gesunden Lebenswandel zur Vorbeugung vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen geraten werden. Überdies können Mann – und Frau – sich mit Kästners Worten trösten: „Wird’s besser, wird’s schlechter, fragen wir jährlich, seien wir ehrlich, leben ist immer lebensgefährlich.“

ddp/wissenschaft.de – Susanne Donner
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