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Umwelt+Natur

Rüpel bevorzugt

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Bonobos wie hier das Männchen "Fizi" bevorzugen Rüpel (Foto: Christopher Krupenye/ Duke University)
Wir Menschen bevorzugen instinktiv hilfsbereite, soziale Personen gegenüber unhöflichen Rüpeln – das gilt schon für Säuglinge. Umso seltsamer ist es, dass ausgerechnet die vermeintlich liebevollsten und sozialsten unter den Menschenaffen dies ganz anders sehen: Bonobos ziehen konsequent rücksichtslose Rüpel vor, wie ein Experiment jetzt belegt. Nach Ansicht der Forscher könnte dies darauf hindeuten, dass die Vorliebe für soziale Artgenossen tatsächlich typisch menschlich ist.

Bonobos sind neben den Schimpansen unsere engsten Verwandten. Während jedoch Schimpansen häufig ziemlich aggressiv gegenüber ihren Artgenossen werden, gelten die Bonobos als besonders friedlich. Nach dem Motto: „Make Love not War“ lösen sie ihre Konflikte eher durch Sex als durchs Kämpfen. Studien zeigen zudem, dass die Bonobos sich bereitwillig gegenseitig helfen und ihr Futter sogar mit fremden Artgenossen teilen. „Viele sehen daher die Bonobos als die Hippies unter den Menschenaffen“, erklärt Erstautor Christopher Krupenye von der Duke University in Durham. „Sie kooperieren in einem Ausmaß, das wir bei Schimpansen so nicht kennen.“ Doch wie weit reicht die soziale Ader der Bonobos? Bewerten sie auch ihre Artgenossen danach, wie kooperativ diese sind?

Helfer oder Hinderer?

Bei uns Menschen zeigen schon drei Monate alte Säuglinge eine ausgeprägte Vorliebe für hilfsbereite Menschen: Sie wenden sich instinktiv den Personen zu, die sie zuvor dabei beobachten konnten, wie sie einem anderen Menschen halfen. Sehen sie dagegen einer Person dabei zu, wie diese einem anderen Menschen schadet, meiden sie diese. Ob dieses Verhalten jedoch typisch menschlich ist oder ob unsere nächsten Verwandten es mit uns teilen, war bisher unklar. Auf der Suche nach einer Antwort, haben Krupenye und sein Kollege Brian Hare nun Bonobos in einer Schutzeinrichtung für verwaiste Menschenaffen in der Demokratischen Republik Kongo auf die Probe gestellt.

Für ihr Experiment zeigten sie 24 Bonobos zunächst ein kurzes Filmchen, in dem eine abstrakte Figur einer anderen einen Berg hinaufhalf. Eine zweite Figur stieß ihren Partner dagegen den Hang hinunter. Anschließend sollten die Menschenaffen zwischen Papierdarstellungen dieser beiden Figuren wählen. In einem zweiten Test beobachteten die Bonobos einen Menschen dabei, wie er einem zweiten ein Kuscheltier stahl. Eine zweite Person erwies sich dagegen als Helfer und gab dem Bestohlenen das Tier zurück. Auch hier wollten die Forscher wissen, welche Person die Menschenaffen bevorzugen würden. Würden sie genauso reagieren wie menschliche Kinder?

Klare Vorliebe für die Asozialen

Das überraschende Ergebnis: Die Bonobos zeigten mit ihren Reaktionen zwar, dass sie klar zwischen hilfsbereitem und unsozialem Verhalten unterscheiden können. „Doch sie demonstrierten dabei keineswegs eine Vorliebe für die Helfer“, berichten Krupenye und Hare. „Stattdessen entschieden sie sich in allen Fällen für die ‚Bösen‘ – diejenigen, die die Ziele des Gegenübers durchkreuzten.“ Diese Reaktion überraschte selbst die beiden Primatenforscher. „Das war erstaunlich und völlig unerwartet“, sagt Krupenye. Doch die Bonobos ließen sich nicht beirren und demonstrierten auch in weiteren Varianten dieses Tests immer wieder ihre Vorliebe für unsoziale Rüpel.

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„Diese Experimente belegen, dass Mensch und Bonobo in nahezu identischen Situationen sehr unterschiedliche Vorlieben zeigen – trotz enger Verwandtschaft“, so die Forscher. Ihrer Ansicht nach könnte dies darauf hindeuten, dass die instinktive Vorliebe für soziale Artgenossen tatsächlich eine typisch menschliche Eigenschaft ist – und sich erst im Verlauf der Menschheitsentwicklung ausbildete. „Offenbar sind diese Präferenzen eng mit der besonders kooperativen Natur des Menschen verbunden“, so die Forscher. Sie könnten vielleicht sogar entscheidend dafür gewesen sein, dass die Menschheit so komplexe Sozialstrukturen und Gesellschaften ausbilden konnte.

Warum aber bevorzugen ausgerechnet die Bonobos trotz ihrer hohen sozialen Intelligenz die Rüpel? Krupenye und Hare vermuten, dass dies mit dem ausgeprägten Sinn für Rangordnung und Dominanz dieser Menschenaffen zusammenhängt. Ein Indiz dafür lieferte ein weiterer Test. In diesem zeigten die Forscher den Bonobos Videos, in denen eine Figur sich ständig auf einen besonders begehrten Platz drängelte und alle anderen davon vertrieb – sie verhielt sich damit dominant. Eine andere gab dagegen den Platz bereitwillig auf. Die Reaktion der Menschenaffen war eindeutig: Sie bevorzugten die unsozialere, aber dominante Figur. Die Forscher vermuten, dass dieses Verhalten den Bonobos in ihrem sozialen Alltag Vorteile bringt: Es zahlt sich für die aus, wenn sie sich mit dominanten Artgenossen gutstellen.

Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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