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Umwelt+Natur

Schimpansen sind Schnell-Lerner

Frau und Schimpansin
Mbendjele-Frau und weiblicher Taï-Schimpanse beim Knacken von Panda-Nüssen (Bild: Christophe Boesch)

Schon länger ist klar, dass der Mensch keineswegs das einzige Lebewesen ist, das Werkzeuge geschickt zu nutzen weiß. Jetzt haben Biologen den Menschen und seinen nächsten Verwandten, den Schimpansen, in einem besonderen Test gegeneinander antreten lassen. Sie wollten wissen, bei welcher Art unerfahrene Neulinge das Nussknacken am schnellsten lernen und beobachteten dafür Schimpansen sowie Angehörige eines Naturvolks im Regenwald bei dieser Aufgabe – mit überraschenden Ergebnissen.

Lange galt nur der Mensch als fähig, Werkzeuge zu nutzen und herzustellen. Doch inzwischen haben unzählige Experimente und Beobachtungen dies längst widerlegt. Nicht nur die uns nah verwandten Menschenaffen nutzen Stöckchen zum Futterangeln oder Steine zum Nüsseknacken, auch viele Vögel, darunter Krähen und Papageien, beherrschen die Werkzeugnutzung. Sie können sogar mehrschrittige, komplexe Aufgaben auf diese Weise lösen.

Nüsseknacken im Regenwald

Unklar blieb allerdings, wie Mensch und Tier im direkten Vergleich in ihrer natürlichen Umgebung und bei vergleichbarer Tätigkeit abschneiden. Denn die meisten bisherigen Studien wurden an Tieren in Gefangenschaft durchgeführt. Christophe Boesch vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und seine Kollegen haben deshalb die Chance genutzt, Schimpansen im Regenwald des Taï-Nationalparks in der Elfenbeinküste zu beobachten. „Diese Studie ist die erste, bei der wir Menschen und Schimpansen miteinander vergleichen, die dieselbe Nussknacktechnik im Wald anwenden“, sagt Boesch.

Schon vor einiger Zeit hatten die Forscher dabei festgestellt, dass die Menschenaffen beim Knacken der Tropennuss Panda oleosa nicht weniger geschickt und effizient vorgehen als Frauen des Mbendjele-Stamms im Kongo. Auch wenn die Menschenfrauen Metallhämmer nutzten, um die Nüsse auf einem Stein als Amboss zu knacken und die Schimpansen Steinhämmer, waren beide ähnlich erfolgreich.

„Auszubildende“ im Vergleichstest

Doch wie gut sind Mensch und Menschenaffe beim Erlernen des Nüsseknackens? Denn bei beiden Arten müssen junge „Neulinge“ die richtige Technik erst durch Training und „Abgucken“ bei Älteren üben. Nur wenn Nuss, Amboss und Hammer auf ganz bestimmte Weise und mit perfekt dosierter Kraft kombiniert werden, lassen sich die Nüsse öffnen, ohne dass ihr Inhalt zerschlagen wird. Die Biologen beobachteten für ihre Studie junge Schimpansen-„Auszubildende“ im Taï-Nationalpark und Mbendjele-Mädchen im Kongo beim Erlernen des Nussknackens.

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Das Ergebnis: Bei Mensch und Schimpanse lernen die „Auszubildende“ auf sehr ähnliche Weise. Beide Arten benötigen mehrere Jahre, um die komplexe Technik effizient zu beherrschen und machen am Anfang sehr ähnliche Fehler, wie die Forscher berichten. So treffen die „Anfänger“ häufig nur den Amboss statt der Nuss, lassen die Nuss fallen oder schlagen sich sogar auf die Finger. Sowohl bei den Mbendjele als auch bei den Taï-Schimpansen gaben die älteren „Experten“ den Anfängern Hilfestellung, indem sie ihnen die richtigen Handgriffe oder die korrekte Position der Nuss zeigten. „Bei beiden Arten ist der Wissenstransfer der Schlüssel zum Erwerb technischer Fähigkeiten“, erklärt Boesch.

Schimpansen lernen schneller

Überraschend jedoch: Die Schimpansen lernten die komplexe Nussknack-Technik deutlich schneller als ihre menschlichen „Konkurrentinnen“: „Schimpansen erreichten das Leistungsniveau der Erwachsenen mit etwa zehn Jahren, die Menschen mit rund 40 Jahren“, berichten die Forscher. Dieser Vorsprung der Schimpansen blieb auch dann bestehen, als die Biologen den schnelleren Reifungsprozess der Menschenaffen miteinbezogen. „Natürlich meistern die Mbendjele in Kongos Regenwald täglich sehr viel komplexere technische Herausforderungen, aber es ist dennoch interessant zu sehen, dass im Falle des Nüsseknackens Schimpansen die technischen Fähigkeiten schneller erwerben als Menschen“, sagt Boesch.

Eine mögliche Erklärung könnte die Art des verwendeten Werkzeuges sein: Die Schimpansen wählen Steine als Amboss und Hammer, die sie explizit für diese Aufgabe suchen. Die Mbendjele-Frauen verwenden dagegen ihre Buschmesser als Amboss. „Diese Technik erfordert mehr Präzision, weil die Stabilität des Buschmessers vom Geschick des Nussknackers abhängt“, erklären die Forscher. „Das Risiko, dass die Nuss beim Schlag von der Klinge rutscht, ist höher.“ Ein weiterer Grund könnte sein, dass Nüsse bei Schimpansen über viele Monate im Jahr hinweg ein wichtiger Bestandteil ihrer Ernährung sind. Bei den Mbendjele dagegen spielen sie nur eine untergeordnete Rolle. „So könnten bestimmte Umweltbedingungen durch selektiven Druck den Erwerb überlebenswichtiger Fähigkeiten fördern“, schlussfolgert Boesch.

Quelle: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Fachartikel: Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-018-38392-8

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