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Verhaltensforschung

Schimpansen-Waisen: Überschattetes Leben

Der Verlust der Mutter kann auch bei Schimpansen eine weitreichende Bedeutung für das Leben der Waisen haben. (Bild: Liran Samuni, Taï Chimpanzee Project)

Ein früher Verlust der Mutter ist schlimm für junge Menschen und kann ihr ganzes Leben negativ beeinflussen. Offenbar ist Ähnliches auch bei unseren nächsten Verwandten im Tierreich der Fall, geht aus einer Studie hervor: Wenn selbstständige, aber noch nicht geschlechtsreife Schimpansenmännchen ihre Mütter verlieren, leidet ihr späterer Fortpflanzungserfolg. Vermutlich fehlt ihnen Wissen, das die Mütter normalerweise in dieser Entwicklungsphase an ihre Nachkommen übertragen, sagen die Forscher.

Die intensive und lange elterliche Fürsorge gilt als ein fundamentaler Bestandteil der Erfolgsgeschichte des Menschen. Sie ermöglichte es unseren Vorfahren, die relativ zur Körpermasse besonders großen und leistungsfähigen Gehirne hervorzubringen. Die Denkorgane benötigen viel Energie und wachsen nur langsam, wodurch die lange Kindheit nötig wurde. Damit einher ging auch ein weiterer wichtiger Effekt: Die kontinuierliche elterliche Fürsorge während der langen Kindheit ermöglichte eine kulturelle Übertragung: Der menschliche Nachwuchs kann komplexe Fähigkeiten sowie Verhaltensweisen erlernen und erneut weitergeben.

Schimpansen-Waisen im Blick

Wenn auch nicht ganz so ausgeprägt, gelten diese Aspekte auch für die Schimpansen. „Wenn wir unsere nächsten lebenden Verwandten erforschen, dann lernen wir dabei auch etwas darüber, welche Faktoren uns zu Menschen gemacht haben“, sagt Erstautorin Catherine Crockford vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig (MPI-EVA). Auch diese Menschenaffen durchleben eine ungewöhnlich lange Kindheitsphase – es gibt allerdings Unterschiede zum Menschen: Schimpansenmütter stillen ihre Kinder bis ins Alter von vier bis fünf Jahren. Danach bleiben sie zwar in engem Kontakt mit ihnen, versorgen sie aber nur selten direkt mit Nahrung. Meistens geht der Nachwuchs dann bereits selbst auf Nahrungssuche. Dadurch ist ein Überleben ohne die Mutter grundsätzlich möglich.

Im Rahmen ihrer Studie sind die MPI-Wissenschaftler gemeinsam mit Forschern des Taï-Schimpansenprojekts in der Elfenbeinküste nun der Frage nachgegangen, wie sich der Verlust der Mutter in dieser Phase auf das weitere Leben männlicher Nachkommen auswirkt. Wie sie erklären, lag der Fokus auf den männlichen Nachkommen, da sie als Erwachsene in der gleichen Gemeinschaft wie ihre Mütter bleiben, während Weibchen oft in andere Gemeinschaften ziehen. Für die Studie werteten die Forscher Daten von drei Schimpansengruppen aus, die seit über dreißig Jahren untersucht werden. Sie umfassen Verhaltensstudien, Informationen über Verbindungen unter den Tieren sowie genetische Proben, die Vaterschaftstests ermöglichen.

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Weitreichende Folgen der Verwaisung

Wie die Forscher berichten, ging aus den Daten von zwölf männliche Schimpansen, die ihre Mütter nach dem Abstillen, aber vor Erreichen der Geschlechtsreife verloren hatten, hervor: Sie zeugten durchschnittlich später und vor allem deutlich weniger Nachkommen als elf Vergleichs-Männchen, die nicht von dem frühen Verlust betroffen waren. Die verwaisten Männchen verbrachten im Gegensatz zu diesen zudem nur etwa halb so viel Zeit in Alpha-Männchen-Positionen, ging aus den Datenauswertungen hervor. „Unsere Studie belegt, dass auch bei Schimpansen die Anwesenheit und Fürsorge der Mutter während der besonders langen Kindheit einen wichtigen Einfluss auf die Fitness ihrer Kinder hat. Es scheint, dass bereits unser letzter gemeinsamer Vorfahre mit dem Schimpansen diese wichtigen mütterlichen Eigenschaften besessen hat, welche sich dann ganz erheblich auf die Evolution von Menschen und auch Schimpansen ausgewirkt haben könnten“, sagt Crockford.

Nun steht allerdings noch die Frage im Raum, was Schimpansenmütter ihren Söhnen bieten, das ihnen einen Wettbewerbsvorteil verschafft. Anhand der gesammelten Daten ergeben sich einige mögliche Erklärungsansätze, sagen die Forscher: „Mütter wissen, wo sie die beste Nahrung finden und wie sie Werkzeuge einsetzen können, um an schwer zugängliche Nahrung wie Insekten, Honig und Nüsse heranzukommen, die besonders nahrhaft ist“, sagt Crockford. „Schimpansenkinder und –jugendliche erlernen diese Fähigkeiten erst allmählich. Der Erwerb von Fähigkeiten, die den Jungtieren Zugang zu besonders nahrhafter Nahrung ermöglichen, könnte ein Grund dafür sein, dass sich Menschenaffen ein im Verhältnis zu ihrer Körpergröße viel größeres Gehirn leisten können als andere Primaten“, sagt die Forscherin.

„Eine andere Erklärung ist, dass Mütter soziale Fähigkeiten weitergeben“, sagt Co-Autor Roman Wittig vom Taї-Schimpansenprojekt. „Ähnlich wie Menschen, leben auch Schimpansen in einem komplexen sozialen Umfeld mit Allianzen und Wettbewerb. Möglicherweise lernen Jungtiere durch das Beobachten ihrer Mütter, in welchen Situationen sie Allianzen bilden und in welchen sie kämpfen müssen“, so der Wissenschaftler.

Quelle: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Fachartikel: Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.aaz5746

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