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Umwelt+Natur

Schnell wachsen oder lieber spielen?

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Junger Assammakak. Credit: Andreas Berghänel 03/21/2011
Toben, Raufen, Klettern und Springen: Kinder spielen gerne. Das gilt nicht nur für Menschen, sondern auch für Affen. Spielen fördert die Entwicklung, ist gleichzeitig aber auch sehr anstrengend – so anstrengend, dass mitunter weniger Energie fürs Wachsen bleibt: Wie Forscher nun herausgefunden haben, wachsen junge Assammakaken, die viel und wild spielen, langsamer als gemütlichere Jungtiere. Was auf den ersten Blick als Nachteil erscheint, kann für das einzelne Tier jedoch sehr nützlich sein.

Eigentlich gehen Verhaltensbiologen davon aus, dass Tiere nur dann spielen, wenn ihnen überschüssige Energie zur Verfügung steht und ihnen durch das anstrengende Spiel kein Nachteil entsteht. Intensives Spielverhalten auf Kosten von ungehindertem Wachstum scheint aus evolutionstheoretischer Sicht sinnlos zu sein – und dürfte in der Natur deshalb nicht vorkommen. Ergebnisse, die Göttinger Forscher an Assammakaken gewonnen haben, widersprechen dieser Vorstellung nun jedoch. Das Team um Andreas Berghänel hat die jungen Affen in ihrem natürlichen Lebensraum in Thailand untersucht und dabei festgestellt: Es gibt Jungtiere, die viel Zeit mit Raufereien und Fangspielen verbringen, aber mit dem Wachsen nicht hinterherkommen. Im Vergleich zu ihren passiveren Artgenossen wachsen die verspielten Affen demnach durchweg viel langsamer.

„Die ungehinderte Entwicklung scheint also nicht wichtiger zu sein als das Spielen“, sagt die Zoologin Julia Ostner, die die Studie vor Ort geleitet hat. Für die Untersuchung hat das  Wissenschaftlerteam über ein Jahr lang das Verhalten von jungen Assammakaken im thailändischen Urwald des Phu Khieo Wildlife Sanctuary studiert und dabei auch die Wachstumsraten der Tiere sowie das vorhandene Nahrungsangebot dokumentiert.

Nicht nur die Größe zählt

Die Beobachtungen zeigen, dass Spiellust bei den Jungtieren eindeutig mit dem Nachteil des gehemmten Wachstums einhergeht. Damit riskieren die Affen, dass sie später geschlechtsreif werden und weniger Nachwuchs bekommen. Andererseits erweist sich ausgedehntes Spiel auch als nützlich. Denn je mehr ein Jungtier vor dem Erwerb einer neuen motorischen Fähigkeit mit wildem Spielen verbringt, desto früher meistert es diese Hürde. Eine schnellere motorische Entwicklung ist vor allem in Kampf- und Fluchtsituationen von Vorteil. Zudem könnten die Tiere den Forschern zufolge beim Spielen auch soziale Fähigkeiten erwerben.
Erstaunlicherweise investierten einige Jungtiere ihre Energie auch dann noch in Bewegungsspiele, als die Nahrung – und damit der Energienachschub – knapper wurde. Insgesamt spielten männliche Makaken-Kinder mehr als weibliche. Sie erlernten wichtige motorische Fähigkeiten schneller, und blieben im Schnitt kleiner. Bis zur Geschlechtsreife der Weibchen ergab sich dadurch ein deutlicher Größenunterschied zwischen männlichen und weiblichen Assammakaken.

Unlösbarer Kindheitskonflikt

Berghänel und seine Kollegen gehen deshalb davon aus, dass es auf die Situation ankommt, ob schneller Wachsen oder mehr Spielen für das einzelne Tier sinnvoller ist. Je nach Nahrungsangebot, sozialen Bedingungen und Anforderungen innerhalb der Gruppe oder dem Druck durch Feinde und Raubtiere, könnten Mütter ihre Jungen beispielsweise zu Spiel und Bewegung  animieren oder dieses eben unterbinden, so die Vermutung.
Klar ist, von Geburt an stehen junge Tiere augenscheinlich vor einem Konflikt: Wollen sie physisch stark sein, sich gut behaupten, kämpfen und schnell flüchten können? Oder setzen sie auf ungehindertes Wachstum, frühe Geschlechtsreife  und ein starkes Immunsystem – das kann den Forschern zufolge nämlich, ähnlich wie beim Menschen, durch übermäßige physische Aktivität geschwächt werden. „Reduziertes Wachstum ist auf jeden Fall keineswegs immer pathologisch, sondern kann aus Entwicklungssicht unter Umständen  nützlich sein“,  schließen die Forscher. „Im Einzelfall entscheidet die Lebensstrategie, wie viele Ressourcen für bestimmte Prozesse eingesetzt werden – und welche Kosten dafür in Kauf genommen werden.“

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Originalarbeit der Forscher:

© wissenschaft.de – Daniela Albat
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