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Umwelt+Natur

Schutz vor Täuschung: Häher trauen nur Bekannten

Unglückshäher
Ein Paar Unglückshäher bei der Nahrungssuche (Bild: Michael Griesser)

Unglückshäher nutzen gerne falsche Warnrufe, um rivalisierenden Gruppen das Futter abzujagen. Doch wie nun ein Experiment enthüllt, haben die Rabenvögel gegen solche Täuschungen einen Schutzmechanismus entwickelt: Sie reagieren nur dann schnell und uneingeschränkt auf die Warnrufe, wenn diese von den Mitgliedern ihrer eigenen Gruppe stammen. Die Rufe von Hähern aus Nachbarterritorien ignorieren sie hingegen weitestgehend.

Obwohl unsere Sprache hauptsächlich zum Austausch verlässlicher Informationen dient, täuschen und lügen sich Menschen untereinander manchmal an. Häufig nutzen wir diese besondere Form der Kommunikation zum Spaß oder Vorteile zu erlangen. Übertreibt ein Mensch es aber damit, kann die eigene Vertrauenswürdigkeit verloren gehen. „Wenn Sie wiederholt von jemandem angelogen werden, werden Sie höchstwahrscheinlich schnell aufhören, dieser Person zu vertrauen“, erklärt Michael Griesser von der Universität Zürich.

Wie schützen sich Unglückshäher vor Täuschungen?

Aber beurteilen auch Tiere die Vertrauenswürdigkeit eines Kommunikationspartners anhand der persönlichen Erfahrungen mit diesem oder nutzen sie andere Mechanismen, um sich vor Täuschungen zu schützen? Diesen Fragen sind Wissenschaftler um Filipe Cunha von der Universität Zürich nachgegangen. Dafür wählten sie Unglückshäher (Perisoreus infaustus) als tierische Versuchsobjekte aus. Diese territorialen, in Familiengruppen lebenden Rabenvögel verfügen über ein breites Repertoire an Warnrufen, mit dem sie sich untereinander vor Gefahren und insbesondere vor ihrem ärgsten Fressfeind, dem Habichts, warnen.

Doch die Häher nutzen diese Warnrufe auch zur Täuschung konkurrierender Artgenossen: Sie bringen die Mitglieder einer anderen Gruppe mithilfe des Habicht-Warnruf dazu, zu flüchten und gelangen so an deren Nahrung. „Im Tierreich findet man häufig das Phänomen, dass Warnrufe zur Täuschung verwendet werden, weil es für den Empfänger der falschen Information ein hohes Risiko birgt, diese zu ignorieren“, erklärt Cunha.

Um herauszufinden, wie Unglückshäher mit dieser Art der Täuschung umgehen, untersuchte die Forschenden eine Population wildlebender Unglückshäher in Nordschweden. Mithilfe von Futter lockten sie erfahrene Vögel auf einen Futterplatz. Sobald ein einzelnes Tier den Futterplatz besuchte, wurden ihm per Lautsprecher zuvor aufgenommene Sequenzen des typischen Warnrufes vorgespielt. Diese stammten entweder von ehemaligen Gruppenmitgliedern, mit denen die Tiere vor zwei bis fünf Jahren zusammengelebt hatten, von Vögeln aus Nachbarterritorien oder von Individuen, zu denen der Futterplatzbesucher bisher keinerlei Kontakt hatte. Anhand von Videoaufnahmen bestimmten Cunha und seine Kollegen, wie schnell und für wie lange die Vögel die Flucht ergriffen.

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Häher vertrauen nur ihren Gruppenmitgliedern

Es zeigte sich: Die Unglückshäher erkannten, von wem der Ruf kam und konnten sich mithilfe dieser sozialen Information vor potenziellen Täuschungen schützen. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Unglückshäher unterschiedlich auf das Abspielen von Warnrufen reagieren, je nach sozialer Beziehung zum Rufer“, so die Wissenschaftler. Die beobachteten Rabenvögel zeigten nur auf die Warnrufe von ehemaligen Gruppenmitgliedern hin eine sofortige und langanhaltende Fluchtreaktion. Nach solchen Rufen brauchten die Tiere durchschnittlich 0,3 Sekunden zum Fliehen und kamen erst nach etwa acht Minuten zurück zur Fütterungsstelle. Dabei war diese Reaktion allein davon abhängig, ob die Rufer zur eigenen Gruppe gehört hatte. Die Dauer, mit der die beobachteten Rabenvögel zuvor mit diesen Artgenossen zusammengelebt hatten, oder ihre Verwandtschaft zu den ehemaligen Gruppenmitgliedern spielten dagegen keine Rolle

Warnrufe von Nachbarn oder unbekannten Individuen wurden hingegen weitestgehend ignoriert und führten zu langsameren Reaktionen und schnellerer Rückkehr zum Futterplatz. In beiden Fällen flohen die Rabenvögel im Durchschnitt erst nach über fünfzehn Sekunden nach dem abgespielten Warnruf und kamen schon nach rund drei Minuten zurück zum Futter. „Unglückshäher haben also eine denkbar einfache Regel, um Täuschungen zu umgehen: Sie vertrauen ausschließlich den Rufen von Gruppenmitgliedern, sprich Kooperationspartnern“, erklärt Cunhas Kollege Michael Griesser. „Den Rufer lediglich zu kennen, was ja auch für die Nachbarn gilt, reicht nicht aus.“

Vorteile größer als das Risiko

Aber warum hat sich dieser Mechanismus zum Schutz vor Täuschungen bei den Unglückshähern entwickelt, wenn doch jeder ignorierte Warnruf den Tieren möglicherweise das Leben kosten könnte? Tatsächlich steigert diese selektive Reaktion die Fitness der Tiere mehr, als wenn sie auf jeden Warnruf ihrer Nachbarn und Unbekannten reagieren würden. Denn falsche Warnungen von konkurrierenden Artgenossen kommen etwa jeden fünften Tag vor. Die tatsächliche Bedrohung durch einen Habicht dagegen nur rund alle 8,5 Monate. „Es ist daher sehr unwahrscheinlich, dass Habichtsrufe von Nachbarn auf einen lebenden Habicht hinweisen würden“, erklären Cunha und seine Kollegen.

Quelle: Universität Konstanz, Fachartikel: Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.aba2862