Schwierige Geburt - wissenschaft.de
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Schwierige Geburt

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Schon bei den Neandertalern war die Geburt eines Kindes eine komplizierte und schmerzhafte Angelegenheit. Zu diesem Schluss ist ein deutsch-amerikanisches Forscherteam gekommen. Die Wissenschaftler rekonstruierten das Becken einer Neandertalerfrau und verglichen es mit dem Becken heutiger Frauen. Dabei stellten sie fest, dass der Geburtsmechanismus der Neandertaler dem des modernen Menschen ähnelte, obgleich er etwas primitiver war. Die Ähnlichkeit sei zu erwarten gewesen, erklären Tim Weaver von der University of California in Davis und Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Schließlich hätten beide Arten das gleiche Problem: Ein großes Hirn und damit auch einen großen Schädel, der irgendwie durch den engen Geburtskanal passen muss.

Moderne Menschen haben ein durchschnittliches Hirnvolumen von 1.345 Kubikzentimetern. Das Gehirn der Neandertaler lag mit bis zu 1.750 Kubikzentimetern sogar noch darüber. Entsprechend groß sind die Köpfe beider Menschenarten. Für eine bequeme Geburt bräuchten sie also ein besonders breites Becken. Ungünstigerweise stört das jedoch beim aufrechten Gang und wurde darum im Laufe der Evolution sogar noch verkleinert.

Mit Hilfe eines Computerprogramms rekonstruierten die Wissenschaftler aus fossilen Beckenbruchstücken, die in den dreißiger Jahren in Israel gefunden worden waren, das Becken einer Neandertalerfrau. Im Vergleich mit dem Becken einer Homo sapiens-Frau stellten sie fest, dass die Neandertaler trotz ihres größeren Kopfes den kleineren Geburtskanal hatten. Dieser war im oberen Beckenbereich oval und hatte den größten Durchmesser quer zur Wirbelsäule. Im mittleren und unteren Bereich vergrößerte sich der Durchmesser nun auch nach vorne hin, wodurch er eine rundliche Form annahm.

Beim modernen Menschen hat das Becken im oberen Bereich seinen größten Durchmesser quer zur Wirbelsäule, im mittleren und unteren Bereich jedoch von vorne nach hinten. Das Baby muss daher in einer ganz bestimmten Position liegen und dem veränderten Durchmesser des Geburtskanals folgen, um durch das Becken hindurchzupassen: Im oberen Beckenbereich hat das Baby das Gesicht zur Seite gewendet, ab dem mittleren Bereich nach vorn, die Schultern folgen der Bewegung.

Die Forscher vermuten, dass das Klima die Ursache für die unterschiedliche Entwicklung ist: Während sich der Neandertaler in kühleren Regionen entwickelte, ging der moderne Mensch aus einer Linie hervor, die in Afrika lebte. Aufgrund der Hitze in den Tropen könnte es für die modernen Menschen von Vorteil gewesen sein, das Becken zu verkleinern, erläutern Weaver und Hublin. In kälteren Gebieten sei hingegen ein kompakter Körperbau von Vorteil für die Wärmeregulation.

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Tim Weaver ( University of California, Davis) und Jean-Jacques Hublin ( Max-Planck-Institut, Leipzig): PNAS, doi: 10.1073/pnas.0812554106 ddp/wissenschaft.de ? Mascha Schacht
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