Seeotter: Lukratives Comeback - wissenschaft.de
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Seeotter: Lukratives Comeback

Ihr niedliches Aussehen und ihre tragische Geschichte haben die Seeotter berühmt gemacht. (Bild: James Thompson)

Sie sind der Ausrottung nur knapp entgangen: Die Rückkehr des pazifischen Seeotters gilt als ein Paradebeispiel erfolgreichen Tierschutzes. Allerdings verlief die Wiederansiedlung nicht konfliktfrei. Doch wie Forscher nun am Beispiel der Küste von Vancouver Island verdeutlichen, hat sich die Erholung unterm Strich auch ökonomisch gelohnt: Die positiven Effekte der putzigen Raubtiere auf die Leistungsfähigkeit der Meereswelt und den Tourismus überwiegen die Verluste bei der Krebs-, Seeigel- und Muschelfischerei. Ähnliche Kosten-Nutzen-Rechnungen könnten auch in anderen Fällen den Wert von Renaturierungen verdeutlichen, sagen die Wissenschaftler.

Ihr niedliches Aussehen und der Werkzeuggebrauch haben sie berühmt gemacht: Seeotter nutzen Steine, um auf dem Rücken schwimmend harte Beutetiere wie Muscheln auf ihrem Bauch zu öffnen. Außerdem sind sie für ihre tragische Geschichte – allerdings mit positivem Ausgang – bekannt: Die im Nordpazifik einst weit verbreiteten Pelztiere wurden im 18. und 19. Jahrhundert wegen ihres Fells bis an den Rand der Ausrottung gejagt. Gerade noch rechtzeitig wurden die kleinen Restbestände dann geschützt und so konnten sich die Seeotter vor allem seit den 1970er Jahren wieder in einigen Bereichen der nordamerikanischen Pazifikküste ausbreiten.

Die Rückkehr sorgt für Vor- und Nachteile

Doch das Comeback der kleinen Räuber stieß nicht nur auf Begeisterung. Durch ihren Appetit auf Seeigel, Muscheln und Krebse kam es zu Konflikten mit Küstengemeinden und Fischern, für die diese Meerestiere eine wichtige Einnahmequelle darstellen. Klar ist allerdings auch, dass die Seeotter auf der anderen Seite für ein gesünderes Ökosystem im Meer sorgen. Indem sie die Seeigel in Schach halten, begünstigen sie vor allem das Wachstum der Kelpwälder, die vielen Lebewesen als Lebensraum dienen. Dadurch können letztlich die Erträge beim Fischfang steigen und es kommt zu einer klimafreundlichen Kohlenstoffspeicherung in der Biomasse. Und nicht zuletzt ist der Seeotter auch ein Motor des Tourismus in der Region, wie kürzlich eine Studie aufgezeigt hat. Es werden beispielsweise Bootstouren zu den zutraulichen Tieren organisiert, sie stehen Modell für Plüschtiere, erscheinen auf T-Shirts und Postkarten sowie vielen weiteren Souvenirs.

Vor diesem Hintergrund hat nun ein Forscherteam um Edward Gregr von der University of British Columbia in Vancouver Bilanz gezogen: Sie haben exemplarisch für Vancouver Island eine regionale Wirtschaftsanalyse der Kosten und Nutzen der Wiederansiedlung des Seeotters an der Westküste Kanadas durchgeführt. Für die Analyse kombinierten die Forscher Ergebnisse von lokalen ökologischen Feldstudien mit verfügbaren Wirtschaftsdaten und den Ergebnissen der Tourismus-Studie.

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Unterm Strich ein Plus

„Aus unseren Ergebnissen geht hervor, dass Küstenökosysteme, in denen Otter vorkommen, um fast 40 Prozent produktiver sind als ohne diese Raubtiere. Langfristig bedeutet das höhere Fischfänge im Wert von neun Millionen kanadischen Dollar, Kohlenstoffspeicherung im Wert von zwei Millionen Dollar und ein touristisches Potenzial im Wert von 42 Millionen Dollar pro Jahr“, berichtet der Wissenschaftler. Die wirtschaftlichen Vorteile der Rückkehr der Seeotter könnten die kommerziellen Verluste der Krebs-, Seeigel- und Muschelfischerei in der Region um sieben Millionen kanadische Dollar (etwa 4,6 Millionen Euro) pro Jahr übertreffen, so das Fazit der Kosten-Nutzen-Analyse.

„Es ist klar, dass die Menschheit den Rückgang der biologischen Vielfalt umkehren muss, wenn wir eine nachhaltige Zukunft erreichen wollen“, sagt Co-Autor Kai Chan. „Diese Studie zeigt, dass die Wiederherstellung von Schlüsselarten in Ökosystemen auch für den Menschen von großem Nutzen sein kann. Die Studie kann dabei auch als Beispiel für die Bewertung der Erholung von Raubtierpopulationen an anderen Orten dienen“, so der Wissenschaftler.

Das Team betont allerdings auch, dass beachtet werden muss, dass nicht alle von dem Nutzen einer Wiederherstellung alter ökologischer Gleichgewichte profitieren – deshalb ist unter Umständen die Politik gefragt. In British Columbia müssen ihnen zufolge bei künftigen Managemententscheidungen vor allem die Auswirkungen auf die lokalen indigenen Gemeinschaften und deren Fischer berücksichtigt werden, denen die Verluste durch die wachsenden Otterpopulationen besonders zu schaffen machen.

„Seeotter koexistierten mit den indigenen Völkern dieser Region über Jahrtausende hinweg und wurden von ihnen bewirtschaftet, bevor sie durch den Pelzhandel fast bis zur Ausrottung gejagt wurden“, sagte Gregr. „Ihre Erholung ist eine Gelegenheit für die kanadische Regierung, das Management der Küstenfischerei mit den lokalen Gemeinschaften und regionalen Interessenvertretern in Einklang zu bringen, um starke, gesunde Küstengemeinden und vitale Otterpopulationen zu erhalten“, so der Wissenschaftler.

Quelle: University of British Columbia, Fachartikel: Science, doi: 10.1126/science.aay5342

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