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Sehen, ohne zu sehen

Ein blinder ehemaliger Arzt besitzt ein verblüffend gutes räumliches Orientierungsvermögen, hat ein internationales Forscherteam entdeckt: Obwohl zwei Schlaganfälle die Sehzentren seines Gehirns vollständig zerstört haben, kann der 56-Jährige einen Hindernis-Parcours fehlerfrei meistern, ohne auch nur an eines der Hindernisse zu stoßen. Bewusst wahrnehmen kann er jedoch weder die Position der Hindernisse noch die Gegenstände selbst ? er fühlt sich vollkommen blind und benötigt normalerweise entweder einen Blindenstock oder die Hilfe eines Anderen, um sich fortbewegen zu können. „Das ist die absolut erste Beobachtung dieser Fähigkeit bei einem Menschen“, betont Studienleiterin Beatrice de Gelder von der Universität Tilburg.

Der Patient, von den Forschern „TN“ genannt, erlitt zwei Schlaganfälle im Abstand von 36 Tagen, die zuerst das Sehzentrum in seiner linken und dann das in seiner rechten Hirnhälfte zerstörten. Dadurch hat er sein bewusstes Sehvermögen vollständig verloren, ist aber ansonsten abgesehen von leichten Wortfindungsstörungen geistig völlig klar. Diese Art der Blindheit wird auch Rindenblindheit genannt, da die Störung nicht im Auge, sondern in der Großhirnrinde, speziell in der Sehrinde des Hinterhauptlappens, lokalisiert ist.

Menschen mit Rindenblindheit sind vom Gefühl her blind, zeigen aber manchmal unbewusste Reaktionen auf visuelle Reize. Das gilt auch für TN: Bereits im Jahr 2004 hatte ein Forscherteam entdeckt, dass sein Gehirn auf emotionale Gesichtsausdrücke eines Gegenübers wie Angst, Ärger und Freude reagiert, ohne dass er selbst es wahrnahm.

Die aktuelle Studie zeigt nun, dass sein Gehirn sogar zu noch größeren Leistungen fähig ist: Obwohl sich TN im Alltag nur mit Hilfe von Stock oder Führer fortbewegen kann, durchquerte er ein Labyrinth aus Kisten und Stühlen ohne Hilfe und ohne auch nur an einen der Gegenstände zu stoßen ? eine Leistung, die ihm am Ende des Tests spontanen Applaus von den anwesenden Zuschauern und den Forschern einbrachte. Etwas Ähnliches hatten Wissenschaftler bisher erst ein einziges Mal gesehen, und zwar bei einem Affen namens Helen, bei dem jedoch die Schäden im Gehirn sehr viel weniger ausgeprägt waren als bei TN.

Das Gehirn besitzt demnach offenbar versteckte Ressourcen, die es für den Notfall aktivieren kann, schließen de Gelder und ihre Kollegen aus den Ergebnissen. Sie vermuten, dass TN für die komplizierte Navigation instinktiv sehr alte, urtümliche Teile des Gehirns nutzte, die für ganz grundlegende Überlebensfähigkeiten wie eben die Orientierung zuständig sind. „Das ist der Teil unseres Sehvermögens, der eher für die Tat da ist ? und nicht dafür, diese Tat zu verstehen“, formuliert es de Gelder. TNs Leistung illustriere die Wichtigkeit dieser evolutionär alten Pfade im Gehirn: „Sie leisten wohl einen größeren Beitrag dazu, dass wir in der realen Welt zurechtkommen, als wir denken.“

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Beatrice de Gelder (Universiteit van Tilburg) et al.: Current Biology, Online-Vorabveröffentlichung vom 22. Dezember ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel
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Si|tar  〈m. 6 od. f. 10; Pl. a.: –; Mus.〉 einer Laute ähnliches, indisches Zupfinstrument [pers.]

Au|to|tro|pis|mus  〈m.; –; unz.; Bot.〉 Bestreben der Pflanze, eine einmal erfolgte Krümmung durch Reize wieder auszugleichen u. in die Normallage zurückzukehren

Äh|re  〈f. 19; Bot.〉 Blütenstand mit ungestielten Einzelblüten an der verlängerten Hauptachse ● die ~n der Getreidearten und vieler Gräser ähren– od. rispenartige Blütenstände, die aus Ährchen aufgebaut sind; ... mehr

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