Serengeti: Schutzgebiet in der Krise - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Umwelt+Natur

Serengeti: Schutzgebiet in der Krise

Das Serengeti-Mara-Ökosystem ist für gewaltige Tierwanderungen berühmt. (Bild: GlobalP/iStock)

Eine faszinierende Savannenlandschaft voller Tiere – 1959 hat die Kinodokumentation „Serengeti darf nicht sterben“ das bedrohte Naturparadies Afrikas bekannt gemacht. Seitdem hat sich zwar viel für den Schutz des Serengeti-Mara-Ökosystems getan, doch nun schlagen Forscher erneut Alarm: Der wachsende Siedlungsdruck rund um das Schutzgebiet treibt die Tiere in die Kernbereiche, zeigt ihre Studie. Dadurch kommen schädliche Prozesse in Gang, die sich möglicherweise bald nicht mehr umkehren lassen. Der Naturschutz und die Interessen der Bevölkerung der Region müssen dringend in Einklang gebracht werden, sonst droht der ökologische Kollaps, sagen die Wissenschaftler.

Es hat alle tierischen Promis Afrikas zu bieten: Das grenzübergreifende, 40.000 Quadratkilometer große Serengeti-Mara-Ökosystem ist berühmt für seine Artenvielfalt und die beeindruckenden Tierwanderungen: Rund zwei Millionen Tiere, vor allem Gnus, Zebras und Gazellen, folgen hier jedes Jahr dem Regen von der südlichen Serengeti in Tansania gen Norden in das kenianische Maasai Mara Reservat. Die großen Nationalparks der Region sollen den Tieren Schutz bieten und das Überleben des Ökosystems langfristig sichern. Inwieweit dies gelingt, haben nun internationale Forscher durch die Auswertungen umfangreicher Daten aus den letzten 40 Jahren untersucht. Dazu gehören detaillierte Untersuchungsergebnisse der Wildtierpopulationen und ökologische Faktoren sowie Schätzungen zu Änderungen der Bevölkerungsdichte und der Landnutzung, einschließlich der Entwicklung der Nutztierbestände.

Wie die Forscher berichten, zeichnen sich in ihren Daten fatale Trends ab. Was die Tierbestände betrifft, ist ein deutlicher Schwund zu verzeichnen: Die Populationen der 15 häufigsten Wildtierarten in Maasai Mara sind demnach seit 1977 zwischen 40 und 93 Prozent zurückgegangen. Wie die Forscher erklären, sind die Entwicklungen in den sogenannten Pufferzonen rund um die Kernbereiche der Schutzgebiete dabei besonders problematisch: „Diese Zonen werden von Hirten und den Wildtieren gemeinsam genutzt“, erklärt Co-Autor Joseph Ogutu von der Universität Hohenheim. „Doch in den letzten Jahren war das Bevölkerungswachstum in diesen Zonen sehr hoch. Damit stieg auch die Zahl der Schafe, Ziegen und Rinder an.“

Der Druck steigt bedrohlich

Die Hirten dringen mit ihren Vieherden nun immer weiter in die Schutzzonen vor, berichten die Forscher. „Wir haben Luft- und Satellitenaufnahmen ausgewertet und erkannt, dass mittlerweile die Vegetation auf den äußersten sieben Kilometern der Schutzzonen weniger grün ist als früher. Außerdem erkennt man jetzt ein Netz von Trittpfaden der Weidetiere, das in die Schutzzonen führt“, sagt Ogutu.

Anzeige

Diese Entwicklung hat Folgen: Die menschlichen Aktivitäten in den Randzonen treiben die Wildtiere immer tiefer in die Kernbereiche hinein, berichten die Forscher. Dadurch verarmen dort die stark beanspruchten Flächen: „Die Böden speichern weniger Kohlenstoff, ein Zeichen dafür, dass Humusgehalt und Bodenfruchtbarkeit zurückgehen“, sagt Ogutu. Die Produktivität des Weidelandes lässt dadurch nach. Auch ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Feuer ist eigentlich ein natürliches und erneuerndes Element dieses Ökosystems. „Wenn aber das Gras zu stark abgeweidet wird, ist einem Feuer quasi die Nahrung entzogen. Feuer ist jedoch eines der prägenden Elemente dieses Ökosystems“, sagt Ogutu.

Beeinträchtigte Tierwanderungen

Somit erscheint es besonders wichtig, dass durch die Wanderungen der Tiere eine Verteilung bei der Belastung der Landschaft entsteht. Doch auch bei den alljährlichen Naturspektakeln dieser Migrationen zeichnet sich ein alarmierender Trend ab, berichten die Wissenschaftler:Immer weniger Tiere ziehen aus den Ebenen im Südosten der Serengeti in Tansania gen Norden in die Maasai Mara in Kenia und wieder zurück. Die Zahl der Gnus auf dieser Route ist beispielsweise seit den 1970er Jahren um 63,5 Prozent gesunken, berichten die Forscher. Und die Tiere, die noch in die Maasai Mara wandern, verbringen dort weniger Zeit als früher.

Den Forschern zufolge sind die Probleme letztlich auf das Bevölkerungswachstum in der Region und die damit verbundene Zunahme der Nutztierhaltung zurückzuführen. „Die Menschen verdienen durchaus Geld mit dem Tourismus. Etwa indem sie ihr Land für touristische Zwecke verpachten oder durch Arbeitsplätze in der Gastronomie“, betont Ogutu. „Das Problem ist: Dieses Geld investieren sie oft wiederum in Nutztiere, die dann mit den Wildtieren um Platz, Wasser und Nahrung konkurrieren. Oder sie bauen Zäune um ihr Land und diese Zäune behindern nicht nur die Bewegungsfreiheit der Wildtiere, sondern werden oft auch für diese zur tödlichen Falle.“ Ihm zufolge sei es daher sinnvoll, die Viehzahl staatlich zu regulieren.

Problemlösungen müssen die Bevölkerung einbeziehen

Grundsätzlich betont Ogutu allerdings die Bedeutung der Unterstützung der lokalen Bevölkerung für den Naturschutz: „Landnutzungspläne müssen wohlüberlegt sein. Strategien haben nur Erfolg, wenn die Menschen die Ziele auch unterstützen“, sagt der Experte. Und das sei nur der Fall, wenn auch sie vom Naturschutz direkt profitieren. Möglicherweise könnte Gemeinschafts-Grasland den Bau von Zäunen verhindern. Auch ein Fonds könnte helfen, aus dem die Bevölkerung Ausgleichszahlungen für Naturschutz-Leistungen erhält.

Ogutu zufolge ist bei der Umsetzung von Maßnahmen nun Eile geboten. „Wir brauchen dringend Lösungen, sonst schreitet die Degradierung der Landschaft fort. Wenn die Regierung jetzt nicht handelt, wird es angesichts weiter steigender Bevölkerungszahlen immer schwieriger, eine Lanze für den Naturschutz zu brechen. Und das wäre letztlich auch für die Menschen vor Ort ein Verlust“, resümiert der Wissenschaftler.

Quelle: Universität Hohenheim, Science, doi: 10.1126/science.aav0564

Anzeige

natur | Aktuelles Heft

Aktueller Buchtipp

natur-Sonderausgabe 2019

Landwirtschaft 4.0
Wie Technik, Tierschutz und Bio-Standards eine Branche verändern

Anzeige

Grünstoff – der Medientipp des Monats

Wissenschaftslexikon

Erin|nys  〈f.; –, –ny|en; grch. Myth.〉 = Erinnye

Lam|berts|nuss  〈f. 7u; Bot.〉 als Zierstrauch angepflanzter Verwandter der Haselnuss mit meist dunkelrotem Laub: Corylus maxima; Sy Große Haselnuss ... mehr

URL  〈f. 10; IT; Abk. für engl.〉 Uniform Resource Locator (Anzeiger für gleichförmige Dokumente), Standard für Adressen im Internet

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige