Sexuelle Selektion schuf das „Einhorn der Meere“ - wissenschaft.de
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Sexuelle Selektion schuf das „Einhorn der Meere“

Geheimnisvolle Bewohner der arktischen Meere: Narwale. (Bild: dottedhippo/iStock)

Ein gewundenes Horn, bis zu drei Meter lang – was hat es mit diesem bizarren Markenzeichen der Narwale auf sich? Über seine Funktion wurde schon viel spekuliert. Nun bestätigt eine Studie, dass das seltsame Gebilde der männlichen Tiere durch sexuelle Selektion entstanden ist. Demnach dient es dem Imponiergehabe im Rahmen der Partnersuche: Wer das längste Horn hat, setzt sich gegenüber Konkurrenten durch und gewinnt die meisten Weibchen.

Im Mittelalter glaubten Menschen tatsächlich, dass die in Europa gehandelten Hörner von geheimnisvollen Pferdewesen stammen. Die „realen Einhörner“ haben mit diesen Fabeltieren allerdings nur wenig gemeinsam: Bei dem Horn, das männliche Narwale (Monodon monoceros) tragen, handelt es sich um einen gewundenen Zahn, der die Oberlippe der Meeressäuger durchbricht und weit über sie hinauswächst: Der bizarre Stoßzahn kann über ein Drittel der Gesamtlänge eines Narwals ausmachen. Man könnte meinen, eine so herausragende Struktur besäße auch eine offensichtliche Funktion. Doch das ist nicht der Fall. Über den Zweck des Horns zerbrechen sich Biologen schon lange den Kopf. Das Problem ist, dass Narwale fast so geheimnisvoll sind wie ihre mythischen Pendants: Da sie verborgen unter der Meeresoberfläche in den einsamen Weiten der arktischen Meere leben, ist nur wenig über die Verhaltensweisen dieser skurrilen Vertreter der Zahnwale bekannt.

Da mit wenigen Ausnahmen nur Männchen ein Horn tragen, lag bereits eine Funktion im Zusammenhang mit der Partnersuche oder dem Konkurrenzkampf um Weibchen nahe. Doch es schien auch möglich, dass der Zahn eine Rolle bei speziellen Verhaltensweisen oder Strategien der Nahrungssuche spielen könnte, die sich möglicherweise zwischen den Geschlechtern unterscheiden. Er könnte etwa dem Durchbrechen der Eisdecke dienen, zum Durchwühlen des Meeresbodens oder als ein empfindsames Instrument zur Orientierung – so einige der bisherigen Spekulationen.

Ein geheimnisvolles Gebilde

Der Bedeutung des Stoßzahns hat ein Forscherteam um den Evolutionsbiologen Zackary Graham von der Arizona State University nun erneut eine Studie gewidmet. Sie gingen der Vermutung nach, dass der Stoßzahn für die Wale eine ähnliche Bedeutung besitzt wie die Geweihe der Hirsche oder das Federkleid des Pfaus. Dabei handelt es sich um Merkmale, die der sexuellen Selektion unterliegen: Weil beispielsweise ein besonders prächtiges Pfauenrad die biologische Fitness ihres Trägers anzeigt, bevorzugen Pfauenweibchen Partner mit üppigem Federschmuck – und das wiederum fördert die Weitergabe dieses Merkmals an die nächste Generation. Diese „geschlechtliche Zuchtwahl“ definierte schon Charles Darwin als einen möglichen Hintergrund für die Entwicklung von geschlechtsspezifischen Merkmalen bei Lebewesen. „Die sexuelle Selektion ist für die Entstehung einiger der verrücktesten Merkmale in der Biologie verantwortlich“, sagt Graham.

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Im Rahmen der Studie wählten er und seine Kollegen einen ungewöhnlich wirkenden Ansatz, um zu überprüfen, ob es sich auch bei dem skurrilen Stoßzahn des Narwals um ein solches Merkmal handelt. Aus früheren Studien und auch aus Grahams eigenen Untersuchungen geht hervor, dass sexuelle Selektion sich in einem charakteristischen Zusammenhang widerspiegelt: Beim Vergleich gleichaltriger Individuen weisen sexuell selektierte Merkmale ein überproportionales Wachstum auf. Das heißt, sie sind bei einer bestimmten Körpergröße häufig größer als im Schnitt zu erwarten wäre. Vor diesem Hintergrund haben die Wissenschaftler nun die Maße von 245 erwachsenen männlichen Narwalen ausgewertet.

Signatur sexueller Selektion

Als Vergleichskörperteil, das wohl kaum einer sexuellen Selektion unterliegt, wählten sie die Schwanzflossen der Tiere. „Bei einer sexuellen Selektion des Narwalstoßzahns ist eine größere Variation der Stoßzahnlänge im Vergleich zur Variation der Fluken-Breite zu erwarten“, erklärt Graham. Und genau das stellten die Forscher bei ihrer Datenanalyse auch fest: Nur bei der Stoßzahnlänge gibt es bei den Männchen derselben Körpergröße eine enorme Variationsbreite. Bei den untersuchten Exemplaren lag sie zwischen 0,5 bis zu 2,5 Metern. Die Breite der Schwanzflosse unterschied sich bei Tieren gleicher Größe hingegen nur vergleichsweise wenig. Wie die Forscher erklären, zeichnet sich im Fall des Stoßzahns damit klar das Muster eines Merkmals ab, das einer sexuellen Selektion unterliegt.

Dieses Ergebnis passt zu weiteren Hinweisen, über die sie in ihrer Veröffentlichung berichten. Es gibt demnach vereinzelte Beobachtungen von Narwalmännchen, die sich zu „messen“ scheinen. Dabei kreuzen sie ihre Stoßzähne und reiben sie aneinander, was darauf hindeutet, dass sie eine Bedeutung bei der Klärung der Rangordnung haben. Möglicherweise setzt sich dabei der Narwalmann mit dem eindrucksvolleren Stoßzahn durch. Dieses Merkmal beeinflusst damit ihren Fortpflanzungserfolg und wird deshalb positiv selektiert, so die Erklärung. Zudem sind Vernarbungen bei männlichen Narwalen bekannt, berichten die Forscher. Sie deuten darauf hin, dass diese Interaktionen manchmal auch rabiatere Formen annehmen.

Der Narwal bleibt geheimnisvoll

Trotz der überzeugenden Hinweise auf die Funktion im Rahmen des Fortpflanzungsverhaltens bleiben aber nach wie vor Fragen offen, räumen die Forscher ein. Es bleibt etwa unklar, inwieweit sich auch die Weibchen bei der Partnerwahl von der Größe des Stoßzahns beeindrucken lassen. Zudem ist es möglich, dass die Narwalmännchen das Gebilde auch zusätzlich für andere Zwecke verwenden – beispielsweise bei der Nahrungssuche. Graham und seine Kollegen hoffen nun, dass genauere Beobachtungen der Tiere in Zukunft genauer klären können, welche Funktionen das Markenzeichen der Einhörner der Meere besitzt.

Quelle: Arizona State University, Fachartikel: Royal Society Biology Letters, doi: 10.1098/rsbl.2019.0950

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