Silbermöwe "häutet" ihre Beute - wissenschaft.de
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Umwelt+Natur

Silbermöwe „häutet“ ihre Beute

Silbermöwe
Eine Silbermöwe aus der irischen Hafenstadt Dun Laoghaire mit einer erbeuteten Seescheide. (Bild: Tim Blackburn)

Eigentlich sind die wurmartigen Seescheiden gut gegen den Fraß durch räuberische Möwen geschützt. Denn ihre stabile, ungenießbare Körperhülle verdirbt den Vögeln den Appetit – normalerweise. Doch an der irischen Ostküste haben einige Silbermöwen gelernt, diesen Schutz zu umgehen. Sie entwickelten eine raffinierte Technik, um die Seescheiden zu entmanteln, wie Biologen beobachtet haben.

Seescheiden, auch Manteltiere oder Tunikaten genannt, sind schlauchförmige Wesen, die sich als Filtrierer von im Meerwasser driftendem organischen Material ernähren. Die Schlauchseescheide (Ciona intestinalis) ist so anpassungsfähig und erfolgreich, dass sie auch menschengemachte Strukturen wie Bootsrümpfe, Hafenanlagen oder Pontons bewachsen kann und vielerorts schon zur invasiven Art geworden ist. Ihr zugute kommt dabei, dass ihre zähe äußere Zellulosehülle für Vögel ungenießbar ist und ihre fliegenden Fressfeinde so abschreckt.

Gepackt, geschüttelt und enthäutet

Doch das ist nicht überall so, wie Luke Holman von der University of Southampton und seine Kollegen in der irischen Hafenstadt Dun Laoghaire entdeckten: „Als wir das schwimmende Dock zwischen den zahlreichen verankerten Yachten entlang liefen, sahen wir eine Silbermöwe , die zwischen den Pontons ins Wasser tauchte und mit einem halbdurchsichtigen weichen Objekt im Schnabel wieder auftauchte“, berichten die Forscher. Dieses Objekt entpuppte sich zu ihrem Erstaunen als Schlauchseescheide.

Noch überraschender aber war, was dann geschah: „Die Möwe setzte sich dann auf einen Ponton und begann, die Seescheide zu bearbeiten“, schildern die Wissenschaftler. Der Vogel packte die Seescheide mit seinem Schnabel am Hinterende und schüttelte das wurmähnliche Tier – offenbar um den Sitz der Mantelhülle zu lockern. Dann ließ die Möwe die Seescheide wieder fallen und packte nun das freigelegte innere Hinterende der Seescheide mit dem Schnabel. „Anschließend schüttelte die Möwe die Beute erneut, bis der gesamte Körper der Seescheide aus der Hülle befreit war – diese Prozedur dauerte nicht mehr als 20 Sekunden“, berichten Holman und sein Team.

Neue Futterquelle erschlossen

Diese Silbermöwe ist dabei keineswegs die einzige, die diese raffinierte „Enthäutung“ ihrer Beute beherrscht. Die Biologen beobachteten dieses Verhalten auch bei weiteren Silbermöwen in dieser Hafengegend und fanden auch reichlich Überreste von teils schon ausgetrockneten Seescheidenhüllen. Anderswo jedoch ist dieses Verhalten bisher noch nie beobachtet worden. „Dies ist der erste Bericht über Silbermöwen, die Schlauchseescheiden fressen“, konstatieren Holman und seine Kollegen. Ob diese raffinierte Enthäutungsstrategie allerdings ein Alleinstellungsmerkmal nur dieser Möwenpopulation ist oder ob diese Vögel vielleicht auch an anderen Orten eine solche Taktik nutzen, muss nun gezielt untersucht werden.

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Doch warum haben ausgerechnet die Silbermöwen dieser ostirischen Hafenstadt diese Futterstrategie entwickelt? Die Biologen vermuten, dass die Möwen sich damit an die vom Menschen veränderte Umwelt der Küsten angepasst haben. Während viele ihrer Artgenossen inzwischen gelernt haben, Abfalleimer zu plündern oder sogar nichtsahnenden Touristen die Speisen aus der Hand wegschnappen, haben diese Möwen eine alternative Strategie entwickelt: „Sie haben gelernt, sich eine neue Futterquelle zu erschließen, indem sie neue und komplexe Strategie entwickelten“, erklären die Forscher. „Das bestätigt die generelle Sicht, dass Möwen hochgradig gewandte und vielseitige Räuber sind.“

Quelle: University of Southampton, Fachartikel: Ecosphere, doi: 10.1002/ecs2.2636

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