Sind protzende Männer schuld an der Sprache? - wissenschaft.de
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Sind protzende Männer schuld an der Sprache?

Der Versuch Nebenbuhler einzuschüchtern könnte in prähistorischer Zeit die Entwicklung von Sprache eingeleitet haben. Bisher nahm man an, dass der abgesenkte Kehlkopf beim Menschen einmalig sei. Jetzt haben Wissenschaftler jedoch heraus gefunden, dass zwei Arten von Hirschen „herabgesunkene Kehlköpfe“ haben, die denen der Menschen ähnlich sind. Für den Hirsch hat dies den Vorteil einer tieferen Stimme. Er kann so bedrohlicher brüllen, schreiben amerikanische Forscher in der Fachzeitschrift Proceedings of the Royal Society – Biological Sciences (Ausg. 268, Nr. 1478).

Tecumseh Fitch von der Universität Harvard und David Reby vom Large Mammals Research Institute in Castanet, Frankreich, haben entdeckt, dass die Hirsche der Arten Rotwild ( Cervus elaphus) und Damwild ( Dama dama) abgesunkene Kehlköpfe haben.

Die Biologen spekulieren, dass sich beim Hirsch der abgesunkene Kehlkopf entwickelte, um Rivalen zu beeindrucken. Hirsche mit einem vergrößertem Rachenraum können tiefer und fürchterlicher Brüllen und der Laut wird weiter getragen als ein hellerer Ton. Ein abgesenkter Kehlkopf könnte kleinen Hirschen erlauben, über ihre tatsächliche Größe zu „lügen“. Dies zeige laut Fitch und Reby, dass ein abgesenkter Kehlkopf sich auch aus anderen Gründen als die Entwicklung der Sprache bilden kann.

Reby geht noch weiter und sagt, dass ein gesenkter Kehlkopf auch für die prähistorischen Männer diesen Vorteil hätte haben können. Durch lauteres und tieferes Brüllen hätten sie versucht ihren Nebenbuhlern zu sagen: „Ich bin größer als du.“ Die Wissenschaftler schließen aus ihrer Entdeckung, dass sich der abgesunkene Kehlkopf auch beim Menschen wegen dieses Einschüchterungsverhaltens in der Entwicklung durchgesetzt hat. Der Vorteil der Möglichkeit zur Entwicklung der Sprache sei sekundär zu sehen. Er weist darauf hin, dass der Kehlkopf bei Jungen in der Pubertät ein zweites Mal, wenn sie im Stimmbruch sind, absinkt. Dieses Absinken liefert jedoch keine sprachlichen Vorteile, es macht die Stimme nur tiefer.

Dem wiederspricht der Sprach-Fachmann Steven Pinker: „Es kann kein Zufall sein, dass Menschen die Primaten sind, die sprechen und einen gesenkten Kehlkopf haben.“ Die Entdeckung des abgesunkenen Kehlkopfs bei Hirschen untergräbt die Bedeutung für die Entwicklung von komplexer Sprache vor einigen 200.000 Jahren nicht, so Pinker. „Hirsch und Menschen sind so verschieden in ihrem Verhalten, dass es große Mühe macht auf eine ähnliche Evolutionsgeschichte zu schließen“, sagt er. Aber Reby argumentiert dagegen, dass die Entwicklung von Sprache dies allein nicht erklären kann: „Der ständige Abstieg des Kehlkopfes kann unabhängig von der Entwicklung von gesprocher Sprache aufgetreten sein.“ Philip Lieberman, der die Ursprünge der Sprache erforscht, hält die Einschüchterungstheorie für eine „sehr einleuchtende Idee.“

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Der Kehlkopf eines neugeborenen Babys ist dem anderer Säugetiere ähnlich. Er erstreckt sich wie ein Schnorchel in den nasalen Verbindungsgang, so können Babys trinken und gleichzeitig atmen. Aber im Alter von drei Monaten sinkt der Kehlkopf ab und bildet einen Hohlraum hinter der Zunge. Das Absenken des Kehlkopfes war ein wichtiger Schritt in der Entwicklung der Sprache. Erst dadurch ist es möglich, eine weite Bandbreite von Klängen zu äußern.

Nicole Waschke
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