Sind wir Herren des eigenen Schicksals? - wissenschaft.de
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Sind wir Herren des eigenen Schicksals?

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Hat der Mensch einen freien Willen über Vorgänge im Gehirn hinaus? Bild: NormanBates, PhotoCase
Die moderne Gehirnforschung versucht, menschliche Denkprozesse und Handlungsmuster mit Vorgängen im Gehirn in Zusammenhang zu bringen. Dadurch entsteht vielfach das Bild, der Mensch sei allein durch neurobiologische Prozesse bestimmt. Es stellt sich die Frage: Gibt es überhaupt ein „Ich“, einen freien Willen? Geisteswissenschaftler und Philosophen fordern jedoch, den Menschen als Ganzes im Blick zu behalten.

Jeder von uns kennt es: das untrügliche Gefühl, Herr der eigenen Handlungen zu sein. Wir sind im Allgemeinen davon überzeugt, zwischen mehreren Handlungsalternativen frei wählen zu können und letztlich unser Leben selbst in der Hand zu haben. Doch seit die moderne Hirnforschung versucht, Handlungen, Entscheidungsprozesse, Denkabläufe und Gefühle durch Prozesse im Gehirn zu erklären, steht der freie Wille zur Diskussion. Lassen sich auch solch komplexe Phänomene wie Willen und Bewusstsein allein durch physiologische, also letztlich materielle Gesetzmäßigkeiten erklären? Oder gibt es doch noch etwas anderes, was über die beobachtbaren Erscheinungen hinausgeht?

Bisher gebe es keinen Beweis dafür, dass rein mentale Abläufe existieren, die nicht an Vorgänge im Gehirn gebunden sind, sagt Gerhard Roth, Leiter des Instituts für Hirnforschung an der Universität Bremen. Menschliches Handeln sei entweder durch Zufall oder durch bewusste oder unbewusste Beweggründe bestimmt. Gebe es jedoch Beweggründe, müssen diese auf Vorgänge im Gehirn zurückführen sein, argumentiert Roth, der darüber zusammen mit dem Neurophilosophen Michael Pauen von der Humboldt-Universität Berlin ein Buch geschrieben hat.

Seine Sichtweise zum Thema Willensfreiheit legte Roth nun auf einem Symposium am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München dar und verdeutlichte seine Argumentation an einem naheliegenden Beispiel: Für seine Entscheidung, in München einen Vortrag zu halten, hätte es bewusste und unbewusste Gründe gegeben: Zum Beispiel, wie gut er die Veranstalter kenne und ob er gerne nach München fahre. Er habe also durchaus eine freie Wahl gehabt.

Doch dass er in einem bestimmten Moment eine bestimmte Entscheidung getroffen habe, hänge durchaus auch mit zufälligen Faktoren zusammen, so der Neurowissenschaftler. Denn die Prozesse im Netzwerk des Gehirns seien zum Teil probabilistisch, also im physikalischen Sinne zufällig. „Der Ausgang des Entscheidungsprozesses steht deshalb erst dann genau fest, wenn er abgeschlossen ist“, sagt Roth. „Aus diesen Gründen ist der freie Wille – im Sinne einer rein bewussten Steuerung von Entscheidungen – eine Illusion“.

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Doch welche praktischen Folgen haben die jeweiligen Weltbilder, in dem der freie Wille entweder existiert oder nur eine Vorstellung des Geistes ist? In jedem Fall sei es sinnvoll, Gehirnfunktionen zu untersuchen, die mit psychologischen Prozessen in Zusammenhang stehen, sagt Henrik Walter, Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie am Zentrum für Nervenheilkunde des Universitätsklinikums Bonn. „Dabei kann man ‚Signaturen des Geistes‘ erkennen, die für psychische Erkrankungen von Bedeutung sein können“, erklärt Walter. Zum Beispiel ließen sich in bestimmten neuronalen Schaltkreisen Unterschiede zwischen Gesunden und depressiven Patienten beobachten.

Daher sei es auch naheliegend, den Willen selbst experimentell zu untersuchen. „Wir haben unsere Probanden zum Beispiel aufgefordert, bewusst ihre Gefühle zu unterdrücken, während sie unangenehme Bilder betrachteten“, erklärt der Neurowissenschaftler. „Die meisten sagen, sie können das – und gleichzeitig sieht man eine Aktivierung im Bereich des Stirnhirns und des Scheitellappens, die offensichtlich mit dem Willensprozess in Zusammenhang steht.“ Auch andere Teilaspekte des „freien Willens“ könnten daher in Zukunft untersucht werden – zum Beispiel, wie stark die Willenskraft einzelner Menschen sei oder was mit willentlichen Entscheidungen unter Hypnose passiere. „Das wir dabei ein ‚Zentrum des Willens‘ im Gehirn finden, ist allerdings ziemlich unwahrscheinlich“, sagt Walter augenzwinkernd.

Allerdings dürfe man bei all diesen biologischen Betrachtungsweisen auch die „Seele“ des Menschen nicht aus den Augen verlieren, sagt Hartmann Hinterhuber, Leiter der Abteilung für Allgemeine Psychiatrie an der Medizinischen Universität Innsbruck. „Trotz intensiver Forschung sind Phänomene wie Willen und Bewusstsein bis heute nicht vollständig naturwissenschaftlich erklärbar“, erklärt der Psychiater. „Und vielleicht ist das auch per se unmöglich.“ Der Begriff Seele bedeute für ihn, den Menschen als Ganzes, seine Würde und seine Beziehungen zu anderen Menschen im Blick zu behalten. „Erst die Seele macht einen Menschen handlungsfähig, entreißt ihn dem Fatalismus, sowieso nichts tun zu können“, argumentiert Hinterhuber. Dies sei auch ein wichtiger Aspekt beim Umgang mit psychisch Kranken.

Bücher: Gerhard Roth: „Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern“, Klett-Cotta Stuttgart 2007, ISBN-13 978-3608944907, 24,50 Euro Michael Pauen & Gerhard Roth (Hrsg.): „Neurowissenschaften und Philosophie“, UTB-W. Fink München 2001, ISBN-13 978-3825222086, 18,90 Euro. Hartmann Hinterhuber: „Die Seele – Natur- und Kulturgeschichte von Psyche, Geist und Bewusstsein“, Springer-Verlag Wien 2001, ISBN 3-211-83667-5 , 32,95 Euro. ddp/wissenschaft.de – Christine Amrhein
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