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Soja hilft nicht die Bohne

Soja-Extrakte sind keineswegs ein sanftes Mittel gegen Wechseljahresbeschwerden.

Hitzewallungen, Schlafstörungen und Depressionen machen vielen Frauen jenseits der 50 zu schaffen. Als Therapie haben Gynäkologen jahrelang Hormone verschrieben. Doch seit die sich als Förderer von Krebs und Herzkrankheiten entpuppten, preisen einige Firmen Nahrungsergänzungsmittel aus Soja als sichere und sanfte Alternative zur Hormonersatztherapie an.

In den Soja-Kapseln befinden sich so genannte Isoflavone. Diese Substanzen sollen dafür verantwortlich seien, dass es in asiatischen Ländern mit sojareicher Kost kaum Wechseljahresbeschwerden gibt. Während in Deutschland 80 Prozent der Frauen über entsprechende Probleme klagen, sind es in Japan nur 25 Prozent. Zudem gibt es dort weniger Herzinfarkte, kaum Osteoporose und bestimmte Krebsarten wie Brustkrebs nur sehr selten.

Die Soja-Substanzen werden auch als Pflanzenhormone bezeichnet, da sie in Zellversuchen eine ähnliche, wenngleich schwächere Wirkung als das weibliche Hormon Östrogen hatten. Einige Forscher schlossen daraus, dass sie auf den gesamten Körper ähnlich wirken: In verschiedenen Organen sollen sie östrogenempfindliche Zellen anregen und so die Hormone in den Wechseljahren ersetzen.

In den letzten Jahren haben mehrere Forschungsteams diese These in der Praxis überprüft. Eine aktuelle Untersuchung der University of Minnesota analysierte 25 Studien zum Gesundheitspotenzial der Pflanzenhormone. Das Fazit war vernichtend:

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• Soja-Präparate halfen nicht gegen Hitzewallungen, und

• sie verbesserten die Knochendichte nicht – schützen also nicht vor Osteoporose.

Nicht nur, dass die Präparate in der Praxis unwirksam sind – neue Studien an Zellen und im Tierversuch deuten sogar darauf hin, dass sie schaden können. Manfred Metzler, Toxikologe an der Universität Karlsruhe stellte fest, dass Abbauprodukte des Soja-Hormons Dadzein die Zellteilung stören und damit potenziell krebserregend sind.

Erschreckend sind die Befunde von William G. Helferich, Ernährungswissenschaftler an der University of Illinois. Er hatte den bekanntesten und bis dahin hoch gelobten Vertreter der Isoflavone, das Genistein, an weibliche Ratten verfüttert. Diesen Tieren hatte er Brustkrebszellen eingepflanzt und die Östrogen produzierenden Eierstöcke entfernt, um die Hormonlage bei krebskranken Frauen in der Menopause zu simulieren. Das Ergebnis: Genistein ließ die bereits vorhandenen Krebszellen schneller wachsen. Und das bei Konzentrationen, die auch Frauen erreichen, wenn sie hoch dosierte Soja-Extrakte einnehmen. Besonders alarmierend sind die Ergebnisse eines weiteren Versuchs, den Helferichs Team durchführte: Genistein scheint demnach nicht nur Krebs zu fördern, sondern auch die Wirksamkeit des Brustkrebs-Medikaments Tamoxifen zu mindern.

Für die Fachleute sind diese Befunde verwirrend, und sie geben keine einheitlichen Empfehlungen. Die Deutsche Menopause-Gesellschaft hat noch keine Stellung bezogen. Vorstandsmitglied Alfred Mueck rät jedoch zur Vorsicht, da die Risiken solcher Präparate für den Menschen in keiner Weise untersucht seien. Maike Wolters, Soja-Expertin an der Universität Hannover rät lediglich von den hoch dosierten Präparaten ab: „ Deutliche Bedenken bestehen bei Soja-Extrakten, die mehr als 100 Milligramm Isoflavone beinhalten.“

Kapseln mit 150 Milligramm Isoflavonen und mehr sind in den USA keine Seltenheit. In Deutschland sind die Präparate dagegen meist niedriger dosiert. Gesetzliche Höchstwerte gibt es in beiden Ländern bisher nicht. „50 Milligramm Isoflavone pro Tag sind für gesunde Frauen unbedenklich“, schätzt der Toxikologe Metzler. Diese Menge entspricht der Isoflavonzufuhr, die Asiatinnen mit einer sojareichen Ernährung aufnehmen – und das ihr Leben lang.

Trotz der Hiobsbotschaften über Dadzein und Genistein gilt Soja in Form von Soja-Milch oder Tofu weiterhin für gesunde Frauen als unbedenklich und sogar gesund. Auch wenn einzelne Nahrungsbestandteile als Extrakte eine schädliche Wirkung auf den Körper haben, heißt das nicht, dass die Lebensmittel, denen sie entstammen, ungesund wären. Der Körper nimmt diese Substanzen mit dem Nahrungsmittel anders auf und verstoffwechselt sie auch anders, als wenn sie als Pille oder Pulver geschluckt werden. Ähnliches haben Forscher schon bei Vitaminen und anderen Naturstoffen festgestellt.

Anders sieht die Empfehlung für Frauen aus, die ein hohes Brustkrebsrisiko haben oder bereits an Brustkrebs erkrankt sind. „ Sie sollten gar keine Soja-Präparate einnehmen und sich auch nicht über lange Zeit sojareich ernähren“, rät Wolters. „Einfach aus Sicherheitsgründen, bis die Fakten geklärt sind.“

Ob sojareiche Kost vor den Wechseljahren vor Brustkrebs schützt,wie immer wieder behauptet wird, ist ebenfalls nicht bewiesen. Möglicherweise sind die Bohnen nur ein gesundes Puzzleteil von vielen in der japanischen Lebensweise. „Japaner essen weniger tierische und mehr pflanzliche Lebensmittel. Und sie dämpfen Lebensmittel lieber, als sie scharf anzubraten“, sagt Sabine Kulling, Lebensmittelchemikerin an der Universität Potsdam. All dies soll ebenfalls das Krebsrisiko senken.

„Da viele Aspekte von Isoflavonen und Soja noch wenig erforscht sind, gibt es mehr offene Fragen als gesicherte Antworten“, räumt Metzler ein. Vielleicht liegen die Antworten ja auch gar nicht in der Biochemie: „Interessanterweise war bei Studien, in denen es zu einer Besserung der Wechseljahresbeschwerden durch eine Therapie kam, auch in der Placebogruppe eine deutliche Verbesserung zu verzeichnen“, sagt Maike Wolters. „Dieser Umstand spricht eindeutig dafür, dass die Psyche bei Wechseljahresbeschwerden eine große Rolle spielt.“ ■

Katrin Burger

Ohne Titel

„Noch verhältnismässig jung verliert die Frau den erotischen Anreiz und die Fruchtbarkeit, aus denen sie in den Augen der Gesellschaft und in ihren eigenen Augen die Rechtfertigung ihrer Existenz und ihrer Glücksmöglichkeiten ableitet: Ihrer ganzen Zukunft beraubt, hat sie etwa die Hälfte des Lebens als Erwachsene noch vor sich.“ Mit diesen Worten beschrieb Simone de Beauvoir 1986, was viele Frauen in westlichen Gesellschaften mit der Menopause – ganz unabhängig von körperlichen Beschwerden – verbinden: Verlust und Unglück.

Im kulturellen Vergleich zeigt sich jedoch, dass außereuropäische Kulturen mit diesem Phänomen ganz anders und oft positiver umgehen. In einigen geht das Altern der Frauen mit mehr Ansehen, Einfluss und Mitspracherecht einher. Vor allem buddhistische und hinduistische Frauen sehen die Menopause als Befreiung von Menstruation und Verhütung. Im Himalaya gelten Inderinnen während Periode und Schwangerschaft als „unrein“ und werden von Festen und Besuchen ausgeschlossen. Mit dem Alter ändert sich das schlagartig: Die Frau wird zur „weiblichen Patriarchin“ und bekommt unter anderem die Kontrolle über die Nahrungsmittelverteilung. Während junge Frauen ständig danach beurteilt werden, wie flink sie arbeiten, müssen sich die Älteren nicht mehr beweisen. Das berichten Anthropologinnen in dem Buch „ Regel-lose Frauen – Wechseljahre im Kulturvergleich“.

In Japan existierte bis vor 20 Jahren noch nicht einmal ein Wort für „Menopause“, fand die Anthropologin Margaret Lock von der McGill University in Montreal, heraus. Erst zehn Jahre später tauchte der Begriff „hotto furasshu“ für Hitzewallungen auf. Litten auf einmal mehr Asiatinnen an Hitzewallungen als früher? Für Jan Morgan Zeserson, Anthropologe des Franklin & Marshall College in Lancaster ist „hotto furasshu“ ein soziales Phänomen, dass erst durch das Angebot von Hormonersatztherapien in Japan entstanden ist. Die Pharmaproduzenten hätten demnach aus dem normalen biologischen Prozess erfolgreich eine Krankheit gemacht.

Das vermuten auch die Forscher, die für die größte Studie zu diesem Thema, die „Study of women’s health across the nation“ (SWAN), 16 000 US-amerikanische Frauen unterschiedlicher Ethnien befragten. Ein Ergebnis: Je mehr eine Frau über die Vorgänge und die möglichen Behandlungen der Menopause wusste, umso stärker nahm sie Symptome wahr. Die SWAN-Autoren glauben, in westlichen Gesellschaften werde von alternden Frauen regelrecht erwartet, dass sie an Hitzewallungen, Schlafstörungen und Depressionen leiden.

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