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Soziales Lernen zwischen Vogelarten

Blaumeise und Kohlmeise haben in ihrem Lebensraum oft die Gelegenheit, einander zu beobachten. (Bild: CathyDoi/iStock)

Dieses Futter schmeckt widerlich! Dies können Kohlmeisen und Blaumeisen voneinander durch das Betrachten von Videoaufnahmen lernen, berichten Forscher. Die Vögel erkennen demnach über Artgrenzen hinweg Ekelreaktionen anderer und können die Beobachtung nutzen, um bestimmte Futterobjekte zu meiden. Durch dieses soziale Lernen brauchen sie nicht selbst potenziell gefährliche Erfahrungen zu machen. Zudem könnte der Effekt die Evolution von Warnzeichen bei Insekten geprägt haben, sagen die Forscher.

Aus eigener Erfahrung wird man klug, heißt es – doch manchmal reicht bekanntlich auch schon die Beobachtung: Der Mensch hat eine besonders ausgeprägte Begabung dafür, aus den Reaktionen und Handlungen seiner Mitmenschen Lehren zu ziehen. Diese Form des sozialen Lernens ist allerdings auch von verschiedenen Tierarten bekannt. In früheren Untersuchungen haben Wissenschaftler bereits gezeigt, dass Kohlmeisen durch die Beobachtung von Artgenossen lernen können, ungenießbare Beutetiere zu meiden. Manche Insekten machen sich die Erkennungsfähigkeiten ihrer Feinde sogar gezielt zunutze: Sie signalisieren durch Farben oder Zeichnungen, dass sie giftig sind oder unangenehm schmecken.

„In unserer vorherigen Arbeit mit Kohlmeisen haben wir festgestellt, dass wenn ein Vogel sieht, dass ein anderer von einer neuen Art von Beute abgestoßen wird, beide Vögel diese in Zukunft meiden“, sagt Rose Thorogood von der University of Cambridge. In der aktuellen Studie sind sie und ihre Kollegen nun der Frage nachgegangen, ob auch Vögel unterschiedlicher Arten auf diese Weise voneinander lernen. Im Fokus stand dabei erneut die Kohlmeise (Parus major) und ein weiterer prominenter Singvogel unserer Gärten: die Blaumeise (Cyanistes caeruleus).

Lehrvideos mit angewiderten Meisen

Für ihre Studie gewöhnten die Forscher die Vögel zunächst an kleine weiße Tüten als „Beute“: Sie enthielten leckere Mandelstückchen. Für die späteren Experimente filmten die Biologen dann einzelne Kohlmeisen und Blaumeisen, die ein spezielles Tütchen aufsammelten und öffneten. Es war durch ein auffälliges schwarzes Quadrat gekennzeichnet und enthielt Mandelstücke, die in eine bittere Substanz getaucht worden waren. Nachdem der jeweilige Vogel den Inhalt probiert hatte, zeigte er eine entsprechende Ekel-Reaktion: Er warf das Tütchen weg und putzte sich intensiv den Schnabel.

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Diese Aufnahmen setzten die Forscher dann als „Lehrvideos“ ein, die einigen Vögeln auf Bildschirmen präsentiert wurden: Manche der Kohlmeisen beobachteten dabei einen Artgenossen bei der Ekelreaktion, andere hingegen eine Blaumeise und umgekehrt. Anschließend wurden diese Versuchstiere dann mit einem Angebot an unterschiedlichen Futtertütchen konfrontiert. Einige waren wie üblich schlicht weiß, andere trugen ein Kreuz und die dritte Variante war diejenige mit dem Quadrat aus dem Lehrvideo.

Die Beobachtung der Futterwahl der Meisen zeigte: Im Gegensatz zu Vögeln aus Kontrollgruppen mieden alle Meisen aus der Lehrvideo-Gruppe deutlich die Tütchen mit den Quadraten. Sie hatten demnach sowohl durch das Vorbild eines Artgenossen als auch eines artfremden Vogels sozial gelernt. Wie die Forscher weiter berichten, gab es dabei nur einen leichten Unterschied zwischen den Maisenarten: Blaumeisen lernten von ihren Artgenossen am besten, für Kohlmeisen fungierten Blaumeisen als Lehrer hingegen genauso gut wie ihre Artgenossen.

Wichtig für Jäger und Beute

Wahrscheinlich gibt es auch bei anderen Vogelarten-Kombinationen ein soziales Lernen über die Artgrenzen hinweg, sagen die Forscher. Ihnen zufolge ist dies möglicherweise einer der Gründe, warum manche Arten sich gern mit anderen vergesellschaften – wie es bei Kohl- und Blaumeise der Fall ist. So können die Tiere auf eine breitere Informationsbasis zurückgreifen. „Indem sie von anderen lernen, können sie Zeit und Energie fürs Ausprobieren verschiedener Beute sparen und mögliche negative Auswirkungen des Verzehrs giftiger Objekte vermeiden“, sagt Co-Autorin Liisa Hämäläinen.

Möglicherweise hat das soziale Lernen auch die Entwicklung von Warnfarben und -Zeichnungen bei ungenießbaren Beutetieren stark geprägt, sagen die Wissenschaftler: „Auffälligkeit kann eine wirksame Anti-Räuber-Abwehr für Insekten sein. Allerdings nur, nachdem Fressfeinde gelernt haben, das Warnsignal mit einem unangenehmen Effekt in Verbindung zu bringen“, sagt Hämäläinen. Wie die Studie nun verdeutlicht, ist dazu offenbar nicht immer ein Opfer nötig: Vögel können aus der Beobachtung des Schadens anderer lernen, bestimmte Insekten zu meiden, und tragen dadurch wahrscheinlich zur Evolution der Warnsymbole bei, erklären die Wissenschaftler.

Quelle: University of Cambridge, Fachartikel: Journal of Animal Ecology, doi: 10.1111/1365-2656.13180

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