Spanische Grippe: Einem tödlichen Rätsel auf der Spur - wissenschaft.de
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Spanische Grippe: Einem tödlichen Rätsel auf der Spur

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Not-Krankenhaus während der Grippe-Epidemie 1918. Credit: Otis Historical Archives Nat'l Museum of Health & Medicine
Schätzungen zufolge hat sie von 1918 bis 1920 etwa 50 Millionen Menschen weltweit dahingerafft: Die Spanische Grippe erreichte in absoluten Zahlen Ausmaße wie die Pestepidemien des Mittelalters. Schon lange sind Forscher den ungewöhnlichen Eigenschaften dieses rabiaten Influenza-Stamms auf der Spur. Nun konnten sie dessen Entstehungsgeschichte aufklären und präsentieren eine Erklärung, warum die Grippepandemie besonders Menschen im Alter zwischen 20 und 40 tötete: Das Immunsystem dieser Altersgruppe war in der Kindheit nicht durch die passenden Influenza-Stämme trainiert worden, so die Erklärung.

Jedes Jahr rollt die Grippewelle erneut durchs Land: Brummschädel, Husten und Fieber plagen die Betroffenen – ein paar Tage fühlt man sich mies, aber dann geht es in der Regel wieder bergauf, denn das Immunsystem gesunder Menschen besiegt gewöhnliche Influenza-Viren meist problemlos. Am ehesten kann die saisonale Grippe älteren Menschen und Kleinkindern gefährlich werden. Doch bei der Spanischen Grippe war es seltsamerweise genau umgekehrt: Sie erwischte die 20- bis 40-jährigen besonders schlimm, bei älteren oder jüngeren Menschen verlief die Infektion hingegen häufiger glimpflich. Was die Ursache dieser seltsamen Eigenschaft war und wie die Spanische Grippe überhaupt entstanden ist, blieb bisher unklar. Nun bringen die Forscher um Michael Worobey von der University of Arizona in Tucson Licht in die rätselhafte Pandemie-Geschichte vor rund 100 Jahren.

Die Forscher sind dem Ursprung der Spanischen Grippe mit einem genetischen Verfahren nachgegangen, das Rückschlüsse auf das Alter bestimmter Erbgutveränderungen von Influenza-Stämmen zulässt. So konnten sie die Entstehungsgeschichte des Erregers mit bisher unerreichter Genauigkeit rekonstruieren. Ihren Analysen zufolge hat er sich in der Zeit kurz vor dem Jahr 1918 durch die Kreuzung eines Vogelgrippevirus mit einem menschlichen Virus entwickelt, der vermutlich damals bereits seit 10 bis 15 Jahren beim Menschen vorkam.

Schlüsselfaktor: Grippeinfektionen in der Kindheit

Den Forschern zufolge waren Influenza-Infektionen in der Kindheit der Schlüsselfaktor bei der Empfindlichkeit verschiedener Altergruppen gegenüber der Spanischen Grippe. Menschen, die 1918 älter als 40 Jahre waren oder jünger als 20, hatten in ihrer Kindheit saisonale Grippewellen durchlebt, für die Erreger verantwortlich gewesen sind, die denen der Spanischen Grippe ähnelten. So war ihr Immunsystem auf den Kampf gegen diese Erreger bereits teilweise vorbereitet. In der Kindheit der Gruppe der 20- bis 40-jährigen – in den Jahren von etwa 1880 bis 1900- kursierten hingegen Influenzaviren, die andere immunologische Eigenschaften als die Spanische Grippe aufwiesen. So war das Abwehrsystem dieser Menschen völlig unvorbereitet und dadurch der Infektion weniger gewachsen, erklären die Wissenschaftler.

 

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Die Ergebnisse decken sich mit Beobachtungen von anderen besonders virulenten Influenza-Stämmen neueren Datums: Die Vogelgrippe H5N1 zeigte bei jüngeren Menschen besonders kritische Verläufe, bei der Variante H7N9 waren hingegen besonders Ältere betroffen. Vermutlich sind diese Eigenschaften ebenfalls darauf zurückzuführen, dass die jeweilige Altersgruppe immunologisch passenden beziehungsweise unpassenden Grippe-Viren in ihrer Kindheit ausgesetzt waren. „Unsere Studienergebnisse erklären viele Eigenschaften der Sterblichkeitsmuster unterschiedlicher Influenza-Pandemien der letzten 200 Jahre“, sagt Worobey. Die Forscher wollen ihre Ergebnisse und Schlussfolgerungen nun erneut überprüfen und die Zusammenhänge genauer entschlüsseln. So wollen sie dazu beitragen, die saisonale Grippe besser zu verstehen und die Menschheit gegen besonders schlimme Erreger zu wappnen.

Originalarbeit der Forscher:

© wissenschaft.de – Martin Vieweg
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