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Spinnennetz-Effekt soll vor Vogelschlag schützen

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Hundert Millionen Vögel sterben in Europa jedes Jahr durch Kollisionen mit Fenstern und Glasfronten. Die schwarzen Greifvogelschemen, die solche Zusammenstöße verhindern sollen, sind so gut wie wirkungslos. Mit dem so genannten Spinnennetz-Effekt haben sich Biologen eine neue Methode ausgedacht, um Vögel vor großen Glasflächen zu warnen. Sie wollen ausnutzen, dass Vögel UV-Licht sehen können, Menschen aber nicht.

Jedes Kind kennt sie: schwarze Greifvogelsilhouetten, die an Bushäuschen und großen Glasfronten kleben und Vögel davon abhalten sollen, gegen die Scheiben zu fliegen. Dennoch fliegen viele Vögel trotzdem gegen das Glas und verletzen sich dabei schwer oder tödlich. Wirksame Schutzmöglichkeiten vor dem Vogelschlag wie zum Beispiel Tuch- oder Klebestreifen vor den Fensterflächen oder das Verhängen mit Netzen sind wenig ästhetisch und werden somit kaum verwendet. Doch der Biologiestudent Martin Regner und der freie Biologe Friedrich Buer aus Neustadt an der Aisch forschen an einer anderen Lösung für das Problem. Sie wollen den so genannten Spinnennetz-Effekt ausnutzen, um den Tieren wirksam zu signalisieren: „Hier fliegst Du besser nicht hin“.

Diesen Effekt haben die beiden Wissenschaftler der Natur abgeschaut: Die Netze von Radnetzspinnen sind auf clevere Weise vor der ungewollten Zerstörung durch Vögel geschützt. Die Spinnenseide wirft Licht aus dem ultravioletten Bereich des Lichtspektrums zurück. Für den Menschen sind diese Wellenlängen unsichtbar, Vögel aber sehen sie sogar besonders gut und machen daher einen Bogen um die empfindlichen Netze.

Für Vögel ist es sehr wichtig, Farben im UV-Bereich sehen zu können. Die Fähigkeit hilft ihnen bei der Nahrungs- und bei der Partnersuche. So haben viele Beeren und Blüten UV-Muster, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben. Greifvögel profitieren auf besonders subtile Weise von ihrer Fähigkeit, UV-Farben zu sehen: Mäuse-Urin reflektiert ultraviolettes Licht. Wenn ein Turmfalke über einem Feld rüttelt, weiß er ganz genau, wo sich die Mühe lohnt, denn die Mäuse hinterlassen mit ihrem Urin UV-Spuren. Auch für die Partnersuche ist das Sehvermögen im UV-Spektrum des Lichts unerlässlich. Männchen und Weibchen einer Art sehen für Menschen teilweise absolut gleich aus. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden erst im UV-Bereich sichtbar.

Doch Glasflächen reflektieren UV-Licht zu kontrastarm, als dass die Vögel sie sehen könnten. Zudem sind die Tiere durch Spiegelungen leicht zu irritieren. Sie erkennen die Flächen nicht als Hindernis und fliegen ungebremst in die Scheibe. Vorsichtige Schätzungen lassen befürchten, dass auf diese Weise in Europa jährlich um die hundert Millionen Vögel sterben. Dass Vögel im UV-Bereich sehen, Menschen aber nicht, könnte zu einer eleganten Lösung für das Vogelschlagproblem führen, schlagen Regner und Buer vor. UV-Muster auf den Scheiben, die der Mensch nicht sieht und die ihn daher auch nicht stören, könnten in Zukunft dafür sorgen, dass die Tiere die Hindernisse erkennen.

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„Jetzt kommen wir in die heiße Phase“, sagt Regner. Für das nächste Frühjahr sind erste große Feldversuche geplant. Die Wissenschaftler wollen den Vogelzug ausnutzen. Wenn die Zugvögel aus ihren Winterquartieren zurückkehren, werden sich die Vogelschlagfälle wieder häufen – eine gute Gelegenheit, Anwendungsmöglichkeiten für den Spinnennetz-Effekt unter natürlichen Bedingungen zu untersuchen. Unter anderem in Zusammenarbeit mit der Staatlichen Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland und dem Hessischen Umweltministerium soll voraussichtlich in Frankfurt am Main eine Glasfassade ausgewählt werden, die zur Hälfte mit einer UV-absorbierenden Substanz behandelt wird. Da Fensterglas UV-Licht relativ gleichmäßig reflektiert, sollte der Stoff für einen ausreichenden Kontrast sorgen, hoffen die Forscher. Die andere Hälfte der Glasfront bleibt zum Vergleich unbehandelt. Geeignete Stoffe für den Test gibt es zuhauf, zum Beispiel in Sonnencremes.

Später sollen in Zusammenarbeit mit der Universität Frankfurt noch Laborversuche zum Spinnennetz-Effekt durchgeführt werden. Außerdem möchten die Forscher in der freien Wirtschaft nachfragen, ob seitens der Industrie Interesse für das Projekt besteht, sagt Klaus Richardz von der Staatlichen Vogelschutzwarte in Frankfurt.

Für ganz Ungeduldige haben Regner und Buer noch einen Tipp parat: „Die Fenster einfach nicht mehr putzen“, raten die Biologen. Staub und Blütenpollen vermindern die irritierenden Spiegelungen und schlucken einen Teil des ultravioletten Lichts. Das reicht vermutlich schon aus, damit die Vögel die Scheiben wahrnehmen, haben Experimente an Buers Haus ergeben. Seit der Biologe seine Fenster nicht mehr putzt, hat er kaum noch Probleme mit Vogelschlag – und das jetzt schon seit mehr als fünf Jahren.

Mehr zum Spinnennetz-Effekt und zur Arbeit von Friedrich Buer und Martin Regner finden Sie hier.

Cornelia Pfaff
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