Standardmodus: Tagträume - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Gesellschaft+Psychologie Umwelt+Natur

Standardmodus: Tagträume

Wenn das Gehirn nichts zu tun hat, schaltet es automatisch in den Tagtraum-Modus. Das haben amerikanische und schottische Psychologen entdeckt, als sie die Gehirne von 19 Freiwilligen bei der Arbeit beobachteten. Immer dann, wenn die Probanden keine anspruchsvollen Aufgaben zu lösen hatten, begannen ihre Gedanken umherzuschweifen, berichten die Forscher. Dabei aktivierte sich standardmäßig ein Netzwerk bestimmter Gehirnregionen, das sich deutlich von dem unterschied, das die Testteilnehmer während Phasen konzentrierter Arbeit nutzten. Je aktiver dieses Netzwerk war, desto intensiver waren nach den Berichten der Probanden auch ihre Tagträume.

Um bei ihren Probanden Tagträume zu provozieren, ließen die Psychologen sie vier Tage lang immer wieder die gleichen Tests wiederholen. Am vierten Tag bekamen die Teilnehmer zusätzlich neue Aufgaben gestellt, deren Aufbau jedoch dem der bekannten glich. Während der Tests sollten die Probanden angeben, wie häufig ihre Gedanken jeweils abgeschweift waren. Am fünften Tag schließlich zeichneten die Wissenschaftler die Gehirnaktivität der Testteilnehmer auf, während diese die verschiedenen Aufgaben lösten.

Die Neigung zu Tagträumen war am deutlichsten ausgeprägt, wenn die Probanden gar keinen Tests zu lösen hatten, ergab die Auswertung. In diesem Zustand war auch die Aktivität eines über das ganze Gehirn verteilten Netzes von Arealen am höchsten, das die Wissenschaftler das „Standardnetzwerk“ nennen. Das Bearbeiten der Aufgaben verminderte hingegen die Tendenz, die Gedanken umherschweifen zu lassen, und auch die Aktivität des Standardnetzwerkes wurde heruntergefahren ? bei den häufig geübten Tests nur ein bisschen, bei den neuen Aufgaben fast vollständig, so die Forscher.

Auch frühere Beobachtungen hatten auf eine Schlüsselrolle des Netzwerkes beim Entstehen von Tagträumen hingedeutet, erklären die Psychologen. Ist ein Teil davon etwa durch einen Unfall beschädigt, berichten die Betroffenen über eine „geistige Leere“ und das Fehlen spontaner Einfälle und Gedanken. Auch geht die verminderte Neigung zu Tagträumen im Alter mit der Bildung von Ablagerungen und damit einem Funktionsverlust im Netzwerk einher.

Welchen Sinn das Umherwandern der Gedanken in Ruhephasen hat, wissen Mason und ihre Kollegen allerdings nicht genau. Möglicherweise hält es das Gehirn in einer Art Stand-by-Modus, so dass es sofort reagieren kann, oder es dient als eine Art geistige Zeitreise, die ständig Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einen Gesamtzusammenhang einordnet. Vielleicht, so die Forscher, gibt es aber auch keinen tieferen Sinn dahinter, und das Gehirn lässt die Gedanken einfach deswegen umherwandern, weil es dazu in der Lage ist.

Anzeige

Malia Mason (Dartmouth College, Hanover) et al.: Science, Bd. 315, S. 393 ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel
Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Mund–zu–Na|se–Be|at|mung  〈f. 20; unz.; Med.〉 Maßnahme bei einem Atemstillstand, bei der der Rettende dem Verletzten Luft durch die Nase in die Lungen bläst u. ihm gleichzeitig den Mund zuhält

Te|no|rist  〈m. 16; Mus.〉 Sänger mit einer Tenorstimme

Atom|wär|me  〈f.; –; unz.〉 Wärmemenge in Joule, die notwendig ist, um ein Mol eines Elements um 1 °C zu erwärmen; Sy atomare Wärmekapazität ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige