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Umwelt+Natur

Störche haben eine feine Nase

STörche
Störche auf einer frisch gemähten Wiese. (Bild: rotofrank/ iStock)

Die scharfen Augen eines Adlers, das außergewöhnliche Gehör einer Eule – die Sinne der Vögel haben sich perfekt daran angepasst, ihr Futter zu finden. Jetzt belegt ein Experiment, dass Störche dafür noch einen weiteren Sinn nutzen: Sie können frisch gemähte Wiesen erschnuppern und damit die Flächen, auf denen sie besonders gut Frösche oder kleine Nager finden können. Generell könnte der Geruchssinn für Vögel eine größere Rolle spielen als bisher angenommen.

Für die Bauern am Bodensee ist es ein gewohntes Bild: Beginnen sie mit dem Mähen ihrer Wiesen, erscheinen oft wie aus dem Nichts Störche neben den Traktoren. Die Weißstörche leben in den feuchten Gebieten um den See und ernähren sich von Schnecken, Fröschen und kleinen Nagern, die in hohen Wiesen Unterschlupf finden. Werden diese Wiesen gemäht, sind die kleinen Tiere eine leichte Beute.

Welche Rolle spielt der Geruchssinn?

Wie die Störche jedoch herausfinden, wo gerade eine Wiese gemäht wird, war bisher unklar. Denn man nahm an, dass sich Vögel vor allem auf ihre Augen und Ohren verlassen. Doch mit diesen Sinnen sind frisch gemähte Wiesen oft nicht ohne weiteres auszumachen. Wie aber dann? Der Frage ist ein Forscherteam um Martin Wikelski vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell auf den Grund gegangen. „Meine Vermutung war, dass die Störche auf den intensiven Geruch des frisch geschnittenen Grases reagieren“, sagt Mitautor Jonathan Williams vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz. Der typische Geruch wird von sogenannten grünen Blattduftstoffen erzeugt und besteht aus nur drei verschiedenen Molekülen. Es wäre daher denkbar, dass die Störche diese erschnuppern.

Die Voraussetzungen dafür hätten die Störche: „Man hat angenommen, dass Vögel nicht gut riechen können, weil sie ja keine richtigen Nasen haben“, erklärt Wikelski. „Dabei haben sie einen sehr großen Riechkolben im Gehirn mit vielen Rezeptormolekülen für Duftstoffe.“ Ob tatsächlich der Geruchssinn die Störche zu frisch gemähten Wiesen führt, untersuchte das Team, indem es am Bodensee die Bewegungen von Störchen sowohl vom Flugzeug aus als auch über GPS-Sensoren markierter Tiere beobachtete. „Wir mussten zuerst ausschließen, dass die Störche den Traktor hören oder den Mähvorgang sehen konnten“, sagt Wikelski.

Daher nahmen die Forscher nur Störche in die Beobachtung auf, die mehr als 600 Meter von der gemähten Wiese entfernt waren und keinen direkten Sichtkontakt hatten. Zudem achteten sie darauf, dass die Störche nicht durch das Verhalten von Artgenossen oder anderen Vögeln auf den Mähvorgang aufmerksam wurden.

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Immer dem Blattduft nach

Und tatsächlich: Die Beobachtungen bestätigten, dass der Geruchssinn der Störche sie zu ihrer Futterquelle führt. So zeigte sich, dass bei Beginn des Mähens nur die Störche zur betreffenden Wiese flogen, die sich windabwärts etwa in einem Abwindkegel von 75 Grad aufhielten – selbst aus weiten Entfernungen. „Es gab Störche, die von der anderen Seite des Bodensees über 25 Kilometer zu den gemähten Wiesen geflogen sind“, erzählt Wikelski. Die Artgenossen, die sich hingegen windaufwärts befanden und dadurch den Grasgeruch nicht wahrnehmen konnten, reagierten nicht.

Um sicher zu gehen, dass wirklich allein der Geruch des geschnittenen Grases die Störche anlockte, wechselten die Wissenschaftler im Anschluss zu einer Wiese, die schon zwei Wochen zuvor gemäht worden war. „Das Gras dieser Wiese war immer noch sehr kurz. Deshalb ist sie für die Störche zur Futtersuche uninteressant“, erklärt Wikelski. Um die Vögel zu täuschen, verteilte das Team auf dieser Wiese jedoch Gras, das erst kurz zuvor auf einer anderen, weiter entfernten Wiese abgemäht worden war. Wieder flogen kurze Zeit später die ersten Störche ein – offenkundig vom Geruch angelockt. Im letzten Test mischten die Wikelski und seine Kollegen eine Lösung aus den Blattduftstoffen und versprühten sie auf einer weiteren Testwiese. Das Ergebnis: Auch diese Wiese mit dem künstlich aufgetragenen Duftcocktail lockte Störche aus der Umgebung an.

„Dies belegt, dass Störche über Gerüche in der Luft zu Futterstellen finden“, sagt Williams. Diese Erkenntnis widerspricht der bisherigen Annahme, dass Vögel vor allem ihre Augen und Ohren zur Futtersuche nutzen. Die Forscher vermuten, dass auch bei der Futtersuche anderer Vogelarten der Geruchssinn eine größere Rolle spielen könnte als bisher angenommen. So beispielsweise bei Greifvögeln wie Bussarden und Rotmilanen, die auch regelmäßig über frisch gemähten Wiesen beobachtet werden.

Quelle: Max-Planck-Gesellschaft, Fachartikel: Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-021-92073-7

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