Superdaumen durchs Smartphone - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Gesundheit+Medizin Umwelt+Natur

Superdaumen durchs Smartphone

14-12-23 Handy.jpg
Credit: Thinkstock
Jetzt an Weihnachten werden wieder viele Handys und Smartphones unter dem Tannenbaum liegen – Technikgeschenke sind im Trend. Und sie prägen unser Leben in mehr als nur einer Hinsicht. Einen dieser Einflüsse haben Schweizer Forscher jetzt bei Touchscreen-Smartphones aufgedeckt: Demnach verändern die kleinen Alleskönner schon nach kurzer Zeit unser Gehirn auf messbare Weise. Wenige Wochen der intensiven Nutzung reichen aus, damit das Areal, das für Bewegung und Reize von Daumen und Zeigefinger zuständig ist, sensibler und stärker reagiert. Das zeigt zum einen, wie enorm plastisch unser Gehirn ist – aber auch, wie stark moderne Technik nicht nur unseren Alltag, sondern längst auch unser Gehirn prägt.

Dass das menschliche Gehirn plastisch reagiert und sich an Beanspruchungen und regelmäßige Bewegungen oder Reize anpasst, ist schon länger bekannt. So sind bei Berufsmusikern durch das jahrelange intensive Üben die Hirnareale vergrößert und sensibilisiert, die beispielsweise bei einem Pianisten die Bewegungen der Finger steuern. Allerdings fangen diese Musiker oft schon als Kind an, ihr Instrument zu spielen und das Gehirn hat daher lange Zeit, sich an die anspruchsvolle Aufgabe anzupassen. Ob diese Anpassung auch schneller funktioniert, haben Anne-Dominique Gindrat von der Universität im schweizerischen Freiburg und ihre Kollegen nun in einem Experiment mit Touchscreen-Smartphones untersucht. Die Idee dahinter: Diese Geräte werden von den meisten Menschen sehr häufig am Tag genutzt – wie lange, lässt sich am Gerät selbst und seinem Akkustand gut nachvollziehen. Gleichzeitig sind die für die Bedienung nötigen Daumen- und Fingerbewegungen neuartig, sie gehören nicht zum normalen Repertoire und auch die dabei von den Fingerspitzen empfangenen Reize sind in dem Maße nicht alltäglich.

An der Studie nahmen 37 Probanden teil, 26 mit einem Touchscreen-Smartphone, 11 mit einem herkömmlichen Tastenhandy. Alle Teilnehmer wurden zunächst über ihre Handygewohnheiten befragt, darunter auch, welche Finger sie beim Tippen oder Touchscreen-Nutzen einsetzten. Wie lange sie ihr Handy in den letzten zehn Tagen genutzt hatten, entnahmen die Forscher den Daten des Smartphones selbst, darunter dem Akkuzustand. Im eigentlichen Experiment bekamen alle Probanden eine Elektrodenkappe aufgesetzt, die ihre Hirnströme aufzeichnete, während Forscher nacheinander die Fingerspitze ihres Daumens, Zeige- und Mittelfingers berührten. Anhand der Elektroenzephalogramme (EEG) konnten sie so ablesen, wie stark die für die Reize dieser Finger zuständigen Hirnareale reagierten.
Messbare Veränderung im Gehirn

Das Ergebnis: Bei den Touchscreen-Nutzern reagierten die Areale für alle drei Finger stärker als für die Probanden mit den Tastenhandys. Der Ausschlag der elektrischen Signale bei Daumen und  Zeigefinger war dabei umso höher, je häufiger und länger die Teilnehmer ihr Touchscreen-Handy in den letzten zehn Tagen genutzt hatten, wie die Forscher berichten. „Vom Ausmaß der Unterschiede war ich wirklich überrascht“, sagt Seniorautor Arko Ghosh von der Universität Zürich. Das für die Daumenspitze zuständige Hirnareal reagierte sogar auf tagesabhängige Schwankungen: Lag die letzte Smartphone-Nutzung schon mehrere Stunden zurück, feuerten die Hirnzellen weniger stark als wenn der Teilnehmer gerade erst den Touchscreen bedient hatte. Je kleiner der zeitliche Abstand zur letzten Nutzung, desto stärker ließ sich die Hirnrinde durch Reizung der Daumenspitze aktivieren.

 

Nach Ansicht der Forscher demonstrieren diese Ergebnisse, wie stark unser Gehirn selbst durch alltägliche Handlungen beeinflusst und verändert wird. Die ständige Bewegung der Daumenspitze über die glatte Touchscreen-Oberfläche führt offenbar dazu, dass die Reize dieser Fingerspitze anders verarbeitet werden – wir werden sensibler für selbst kleinste Tasteindrücke. Die Plastizität des Gehirns ist dabei deutlich größer als gedacht, weil diese Anpassung schon nach wenigen Wochen messbar wird. „Wir glauben, dass die Reizverarbeitung in unserer Hirnrinde kontinuierlich durch die persönliche digitale Technologie geprägt wird“, sagen Gosh und seine Kollegen. Was genau dabei abläuft  und welche Mechanismen dahinter stecken, sind allerdings bisher noch unbekannt. Klar scheint nur: Wer sein frisch zu Weihnachten bekommenes Smartphone auspackt und häufig nutzt, der verändert sein Gehirn.

Anzeige

Originalarbeit der Forscher:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Dossiers

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Lau|te  〈f. 19; Mus.〉 Zupfinstrument mit ovalem, an einer Seite spitz zulaufendem, bauchigem Resonanzkörper ● (die) ~ schlagen 〈poet.〉; ~ spielen [<spätmhd. lute ... mehr

De|te|ri|o|ra|ti|on  〈f. 20〉 1 〈allg.〉 Verschlechterung 2 〈Rechtsw.〉 Wertminderung (einer Sache) ... mehr

Re|a|li|ty|show  〈[riælıti] f. 10; TV〉 Unterhaltungssendung, in der reale Begebenheiten gezeigt bzw. nachgespielt werden [<engl. reality ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige