Tagfalter-Schwund auch in EU-Schutzgebieten - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Umwelt+Natur

Tagfalter-Schwund auch in EU-Schutzgebieten

Tagfalter
Dukaten-Feuerfalter (Lycaena virgaureae) und Brauner Feuerfalter (Lycaena tityrus) (Foto: Petra Druschky, Wandlitz)

Wie ein Rettungsnetz für die Artenvielfalt zieht sich das Schutzgebietssystem „Natura 2000“ quer durch die EU. Doch leider scheinen diese Refugien nur wenig gegen den grassierenden Insektenschwund zu helfen. So gibt es in den Natura-Schutzgebieten zwar noch etwas mehr Tagfalter, aber der Rückgang der Arten schreitet dort genauso schnell voran wie anderswo, wie nun eine Erhebung enthüllt.

Die Idee klingt eigentlich gut: Ein Mosaik von geschützten Wäldern und Mooren, Seen, Flüssen und anderen Lebensräumen soll den bedrohten Pflanzen und Tieren Europas eine Zuflucht bieten. Schon seit 1992 ist die EU dabei, dieses „Natura 2000“ genannte Rettungsnetz aus Schutzgebieten aufzubauen. Mittlerweile umfasst es schon mehr als 18 Prozent der Landoberfläche der EU und gehört zu den wichtigsten Bausteinen des europäischen Naturschutzes. Aber wie effektiv ist es eigentlich? Kann es den grassierenden Artenschwund tatsächlich aufhalten?

Bundesweite Tagfalter-Volkszählung

Diese Frage haben nun Martin Musche vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle und seine Kollegen am Beispiel der Tagfalter untersucht. Dabei ist es kein Zufall, dass die Forscher ausgerechnet diese Tiergruppe untersuchten: Zum einen gibt es zahlreiche Tagfalter, die ganz eigene Ansprüche an ihren Lebensraum stellen und damit stellvertretend für viele andere Arten stehen. Deshalb gelten sie als gute Indikatoren für den Zustand einer Landschaft. Zum anderen spielen sie als Bestäuber, Pflanzenfresser und Nahrungsquelle für Vögel und andere Tiere eine wichtige Rolle im Ökosystem.

Vor allem aber sind die Vorkommen von Tagfaltern vergleichsweise gut untersucht. Schließlich handelt es sich um auffällige Insekten, von denen viele auch für Laien gut zu unterscheiden sind. Schon seit 2005 koordiniert das UFZ deshalb ein Bürgerforschungsprojekt, bei dem schon seit acht Jahren Freiwillige ungefähr 300 Zähl-Strecken in ganz Deutschland überwachen. Für ihren Natura-2000-Check haben die Forscher 245 davon ausgewählt, etwa 28 Prozent davon liegen innerhalb von Natura-2000-Gebieten, der Rest außerhalb. So konnten die Wissenschaftler mit analysieren, ob der Schutzstatus des Lebensraums für die insgesamt 122 erfassten Falter-Arten einen Unterschied macht.

Mehr Schmetterlinge als außerhalb…

Das Ergebnis: Auf den ersten Blick scheinen die Schutzgebiete die erhoffte Schutzwirkung zu haben: Außerhalb der Refugien haben die Schmetterlingsfahnder im Schnitt 18 Arten gezählt, innerhalb waren es dagegen 21. „Das liegt nicht daran, dass die Lebensräume in den Natura-2000-Gebieten generell besser für Tagfalter geeignet wären“, erklärt Elisabeth Kühn vom UFZ. „Sie sind möglicherweise nur in besserem Zustand.“ Das zeigt sich auch an der unmittelbaren Umgebung: Je näher ein Transekt an einem solchen Refugium liegt, umso höher ist auch seine Artenzahl.

Anzeige

Offenbar wirken diese Lebensräume wie Falter-Quellen, aus denen die Tiere auch ins Umland flattern. Und oft sind die eigentlichen Schutzgebiete auch nur die wertvollsten Bereiche in einer insgesamt vielfältigen Landschaft. Das alles klingt nach einem durchaus positiven Befund. „Tatsächlich sprechen diese Ergebnisse dafür, dass die Natura-2000-Flächen gut ausgewählt sind“, betont Kühn. Sie stellen offenbar tatsächlich einen guten Querschnitt von besonders wertvollen Flächen unter Schutz.

…aber auch hier ein deutlicher Schwund

Doch es gibt einen Haken: Die Falterbestände haben auch in den Schutzgebieten zwischen 2005 und 2015 deutlich abgenommen. Demnach flatterten zum Beginn dieses Zeitraums im Durchschnitt noch mehr als 19 Arten über den Transekten, am Ende waren es nur noch gut 17. „Das ist ein deutlicher Rückgang von etwa zehn Prozent“, sagt Kühn. „Und der hat innerhalb der Schutzgebiete genauso stattgefunden wie außerhalb.“ Bei seiner eigentlichen Aufgabe, den Artenschwund zu stoppen, scheint das Natura-2000-Netzwerk also zumindest im Fall der Tagfalter seine Wirkung noch nicht entfaltet zu haben.

Mithilfe weiterer Analysen wollen die Forscher nun herausfinden, woran das genau liegt. Ihrer Einschätzung nach könnten zum einen großräumige Effekte wie der Klimawandel, Veränderungen der Landnutzung oder der Einsatz von Pestiziden dahinter stecken, die sich unabhängig vom Schutzstatus auf die gesamte Landschaft auswirken. Es könnte aber auch sein, dass die Ursache in den Schutzgebieten selbst liegt. Denn der überwiegende Teil dieser Flächen sind Kulturlandschaften, die regelmäßig gemäht oder beweidet werden. Sonst machen sich dort mit der Zeit Gehölze breit und die Arten des Offenlandes verlieren ihren Lebensraum.

Und da liegt möglicherweise das Problem. „Bisher orientieren sich diese Maßnahmen oftmals an den Bedürfnissen anderer Gruppen, zum Beispiel von Vögeln“, erklärt Kühn. „Und davon profitieren Tagfalter nicht unbedingt.“ So sind zum Beispiel die Mahdzeitpunkte vieler Wiesen nicht optimal für die Raupenentwicklung der Tagfalter. „Solche Zielkonflikte kann man nur lösen, wenn man sich die einzelnen Arten und Lebensräume genau anschaut“, sagt Kühn. Sie und ihre Kollegen hoffen, dass ihre Ergebnisse nun dabei helfen, das Rettungsnetz für die Natur noch effektiver zu machen.

Quelle: Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Fachartikel: Diversity and Distributions, doi: 10.1111/ddi.12854

Anzeige

natur | Aktuelles Heft

Aktueller Buchtipp

Anzeige

Grünstoff – der Medientipp des Monats

Wissenschaftslexikon

War|zen|fort|satz  〈m. 1u; Anat.〉 hinter dem Ohr tastbarer Fortsatz des Schläfenbeins: Processus mastrides

de ju|re  〈Adv.; Rechtsw.〉 von Rechts wegen, auf rechtl. Grundlage; Ggs de facto ... mehr

al|ka|li|sie|ren  〈V. t.; hat; Chem.〉 alkalisch machen durch Basenzusatz

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige