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Territoriales Denken bei Gorillas

Durch Kamerafallen haben Forscher Einblicke in das Leben der Flachlandgorillas gewonnen. (Bild: SPAC Scientific Field Station Network, Ggmb.)

Dieses Gebiet gehört uns! Der Mensch erhebt bekanntlich Besitzanspruch auf seinen Heimatbereich. Im Gegensatz dazu galten unsere großen Verwandten aus dem afrikanischen Dschungel bisher nicht als territorial. Doch nun legen Studienergebnisse nahe, dass auch Gorillas ein gewisses Besitzdenken für ihren Heimatbereich entwickeln. Mit Nachbargruppen scheinen sie dabei allerdings vergleichsweise tolerant umzugehen. Das Verhalten der Gorillas könnte somit auch Licht auf die Entwicklung des menschlichen Territorialanspruchs werfen, sagen die Forscher.

Von der freundlichen Nachbarschaft bis zum brutalen Krieg um Landbesitz: Das Territorialdenken des Menschen kann bekanntlich sehr unterschiedliche Formen annehmen. Wie ist das bei unseren nächsten Verwandten im Tierreich? Bei dieser Frage richtete sich der Blick bisher vor allem auf die Schimpansen. Sie besitzen ein sehr ausgeprägtes und aggressives Territorialverhalten, haben Studien gezeigt. Es wurde deshalb auch mit den problematischen Aspekten des menschlichen Landbesitz-Denkens in Verbindung gebracht. „Fast alle Untersuchungen zur menschlichen Evolution vergleichen uns mit Schimpansen, wobei die extreme territoriale Gewalt dieser Tiere oft als Hinweis dafür gewertet wird, dass die Kriegsführung unter Menschen tiefe evolutionäre Wurzeln besitzt“, sagt Jacob Dunn von der Anglia Ruskin University in Cambridge.

Sind wir wie Schimpansen?

Das Verhalten unseres zweitnächsten Verwandten im Tierreich galt in diesem Zusammenhang kaum als mit dem des Menschen vergleichbar: Gorilla-Gruppen verhalten sich nicht territorial, hieß es bisher – sie entwickeln angeblich keine Besitzansprüche für bestimmte Areale. Diese Annahme basierte auf der Beobachtung, dass sich ihre Heimatgebiete oft deutlich überschneiden. Im Gegensatz zu Schimpansen-Gruppen verhalten sie sich bei einem Aufeinandertreffen auch vergleichsweise friedlich. Um mehr Details über das Interaktionsverhalten bei Gorillas aufzudecken, haben Dunn und seine Kollegen nun die Bewegungsmuster von acht benachbarten Gruppen westlicher Flachlandgorillas (Gorilla gorilla gorilla) im Odzala-Kokoua-Nationalpark in der Republik Kongo untersucht.

Die Forscher erfassten die Tiere dabei durch ein Netzwerk aus selbstauslösenden Kameras, die an 36 Stellen des 60 Quadratkilometer großen Untersuchungsgebiets installiert waren. Anhand der Merkmale von individuellen Gorillas konnten die Wissenschaftler unterscheiden, welche Gruppe wann und wo auftauchte. Aus den gewonnenen Daten entwickelten sie anschließend ein Modell der Bewegungen und Verbreitungsmuster der acht Gorilla-Gruppen.

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„Weiche“ Territorialität zeichnet sich ab

Wie sie berichten, geht aus ihren Daten hervor: Jede Gorilla-Gruppe hat ein Heimatgebiet, das einen Kernbereich besitzt, aber weiche Grenzbereiche aufweist. Die Muster der Bewegungen legen nahe, dass die Gruppen sich des Territoriums der anderen bewusst sind: Sie meiden es, zu nah in den Kernbereich einer jeweils anderen Gruppe vorzudringen. Ansonsten gehen sich die Gruppen bei ihren täglichen Streifzügen in den Überschneidungsbereichen eher aus dem Weg, zeichnet sich in den Daten ab. Möglicherweise würde ein tieferes Einwandern in den Bereich der Nachbarn durchaus zu Konfliktverhalten führen, vermuten die Wissenschaftler.

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Gorillas durchaus ein Verständnis von Gebietsansprüchen besitzen und ihre Bewegungen entsprechend anpassen“, sagt Co-Autor Robin Morrison von der University of Cambridge. „Sie setzen allerdings keine harten Grenzen wie Schimpansen. Stattdessen scheinen Gorilla-Gruppen nur nahe der Mitte ihres Heimatgebiets Regionen mit Priorität oder sogar ausschließlichem Nutzungsrecht zu beanspruchen. Gleichzeitig können sich Gruppen in anderen Bereiche ihres Heimatgebiets überschneiden und sogar friedlich nebeneinander existieren. Das flexible System der Verteidigung und des Teilens des Raums impliziert das Vorhandensein einer komplexen sozialen Struktur bei diesen Menschenaffen“, resümiert der Wissenschaftler.

Sein Kollege Dunn sieht in den Ergebnissen auch eine Bedeutung für den Blick auf die Evolution des Menschen: „Gorillas haben offenbar Kernbereiche der Dominanz und große Zonen gegenseitiger Toleranz“. Auch bei unseren Vorfahren könnten ihm zufolge ähnliche Prinzipien die Grundlagen für die verschiedenen Arten des Umgangs mit Territorien gebildet haben: Menschengruppen können bei der Verteidigung eines bestimmten Gebiets gewalttätig werden, besitzen prinzipiell aber auch eine Bereitschaft zur Zusammenarbeit und Toleranz gegenüber anderen Gruppen.

Quelle: Anglia Ruskin University, Fachartikel: Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-020-60504-6

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