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Umwelt+Natur

Tierisch alkoholisiert?

Wie gut vertragen Elefanten Alkohol? (Bild: az_garret/iStock)

Irgendwann ist bekanntlich das Maß überschritten – aber prinzipiell kann der Mensch Alkohol recht gut vertragen. Doch wie ist das bei Tieren? Welche Arten können Alkohol ebenfalls gut verstoffwechseln und inwieweit sind die Berichte über alkoholisiertes Verhalten bei Elefant und Co glaubwürdig? Eine Studie liefert nun Einblicke in diese Fragen. Demnach sind Arten mit Nektar- oder obstreicher Nahrung tendenziell gut an den Alkoholabbau angepasst – reine Blatt- oder Fleischfresser hingegen schlecht. Was die tierische Trunkenheit betrifft, kommen die Forscher im Gegensatz zu früheren Einschätzungen zu dem Schluss, dass entsprechendes Verhalten bei Wildtieren durchaus vorkommen könnte.

Der Mensch scheint an den Konsum von Alkohol ausgesprochen gut angepasst zu sein, berichten die Forscher um Mareike Janiak von der University of Calgary in der Einleitung ihrer Studie. Denn wir und auch die anderen Menschenaffen besitzen eine spezielle Form eines Enzyms, das für einen besonders effizienten Abbau der potenziell schädlichen Substanz im Körper sorgt. Diese Hochleistungs-Version der Alkoholdehydrogenase IV (ADH IV) ist Annahmen zufolge entstanden, weil die gemeinsamen Vorfahren des Menschen und der Menschenaffen gelegentlich Früchte verspeisten, die durch Gärung erhebliche Alkoholmengen aufwiesen.

Einem Alkohol-abbauenden Enzym auf der Spur

Über die Merkmale der Alkoholdehydrogenase IV bei anderen Säugetiergruppen ist hingegen bisher wenig bekannt, schreiben die Wissenschaftler. Deshalb haben sie diesem interessanten Enzym nun eine Studie gewidmet. Ihr Fokus lag dabei auf der Frage, ob sich ein Zusammenhang zwischen bestimmten Ernährungsweisen von Tierarten und den Eigenschaften des Alkohol-abbauenden Enzyms feststellen lässt. Es gibt zwar auch weitere Alkoholdehydrogenasen bei Säugetieren, die eine mögliche Bedeutung beim Abbau von Alkohol besitzen. Doch den Forschern zufolge eignet sich ADH IV als Indikator für die Stoffwechselfähigkeiten bezüglich Alkohol, beziehungsweise für die Frage, ob Tiere betrunken werden können. Im Rahmen ihrer Studie untersuchten Janiak und ihre Kollegen bei 85 Säugetierarten das Gen, das für die Herstellung von ADH IV verantwortlich ist. Wie sie erklären, lässt die Sequenz der Erbanlage Rückschlüsse über die Funktionalität des Enzyms zu.

Wie sie berichten, stellten sie eine auffällige Variationsbreite bei den Merkmalen des ADH IV-Gens im Tierreich fest. Bei einigen Arten ist die Erbanlage zwar vorhanden, aber durch Mutationen funktionslos geworden, berichten die Wissenschaftler. Diese Stilllegung von Erbanlagen tritt typischerweise auf, wenn das betreffende Produkt keine wichtige Bedeutung mehr für das Lebewesen hat und deshalb eingespart werden kann. Bei anderen Arten zeichneten sich hingegen genetische Besonderheiten ab, die zu einer ähnlichen Wirkung führen wie im Fall des ADH IV-Gens der Menschenaffen: Es macht das Enzym besonders leistungsstark beim Abbau von Alkohol.

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Zusammenhang mit der Ernährungsweise

Die Vergleiche mit den Ernährungsweisen der Tierarten bestätigten zum Teil die Vermutung, dass sie mit den jeweiligen Abbaufähigkeiten gegenüber Alkohol verknüpft sind, berichten die Forscher. Es zeichnet sich demnach die Tendenz ab, dass eine Spezialisierung auf Früchte oder Nektare – die eine Bildung von Alkohol ermöglichen – zum Erhalt oder dem Ausbau des ADH IV-Enzyms geführt haben. Beispielsweise besitzen bestimmte fruchtfressende Flughundarten besondere Varianten mit vermutlich gesteigerter Leistungsfähigkeit. Im Gegensatz dazu ist der Verlust der Genfunktion für Arten typisch, die sich nur von Fleisch, Fisch oder aber von Gras oder Blattwerk ernähren. Beispiele dafür sind Hunde, Meeressäuger und einige Huftiere. Ein prominentes Beispiel für ein Tier ohne funktionstüchtiges ADH IV-Gen ist dabei auch der Elefant.

Wie Janiak und ihre Kollegen erklären, verdeutlichen die Studienergebnisse, dass es im Tierreich offenbar große Unterschiede bei den Fähigkeiten gibt, Alkohol zu verstoffwechseln. Klar wird auch, dass man die menschlichen Fähigkeiten zum Abbau nicht auf andere Tierarten übertragen kann. Dieser Punkt ist den Forschern zufolge bei der Betrachtung der Frage wichtig, inwieweit die Geschichten über angeblich alkoholisierte Wildtiere der Wahrheit entsprechen. Besonders bekannt sind in diesem Zusammenhang Berichte über Elefanten, die nach dem Verzehr vergorener Früchte „betrunken“ anmutende Verhaltensweisen gezeigt haben sollen.

Betrunkene Tiere sind möglicherweise nicht nur ein Mythos

In einem früheren Gutachten kamen Wissenschaftler zu dem Fazit, dass dies wenig plausibel erscheint und wohl eher auf eine übermäßige Vermenschlichung des Tierverhaltens zurückzuführen ist. Dieser Einschätzung zufolge sei das Aufnahmepotenzial über die Früchte gemessen an der enormen Körpermasse der Elefanten nicht ausreichend, um einen „einschlägigen“ Alkoholspiegel im Blut zu erreichen.

Doch dieses Urteil stellen Janiak und ihre Kollegen nun infrage. Wie sie erklären, wurde bei dieser Beurteilung die menschliche Verträglichkeit gegenüber Alkohol zugrunde gelegt. Wie ihre Studie nun verdeutlicht, besitzt der Elefant jedoch kein funktionstüchtiges ADH IV-Gen. Möglicherweise reagiert er demnach gegenüber Alkoholaufnahmen sehr empfindlich. Allerdings ist auch nicht auszuschließen, dass es bei diesen Tieren andere Mechanismen des Alkoholabbaus gibt, räumen die Forscher ein. Es lässt sich somit bisher nicht sagen, zu welchen Effekten der Verzehr von hochprozentigen Früchten führen kann.

„Der Mensch mag zwar eine Neigung haben, Tiere zu vermenschlichen und dadurch ihre Verhaltensweisen falsch zu beurteilen. Doch es ist ebenso falsch, die menschlichen Stoffwechselfähigkeiten auf andere Tiere zu projizieren“, schreiben die Forscher. Inwieweit es plausibel erscheint, dass Elefanten alkoholisiertes Verhalten zeigen, könnten letztlich nur Messungen liefern, aus denen hervorgeht, zu welchen Blutwerten bestimmte Alkohol-Aufnahmen über die Nahrung führen.

Quelle: Biology Letters, doi: 10.1098/rsbl.2020.0070

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