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Umwelt+Natur

Tierwelt hinkt dem Klima hinterher

Kohlmeise
Die Kohlmeise gehört zu den Tierarten, die schon erste Verhaltensanpassungen an den Klimawandel zegen. (Bild: Bernard Castelein)

Der Klimawandel verändert die Lebensbedingungen für viele Tierarten weltweit und erfordert entsprechende Anpassungen. Inwieweit Vögel, Amphibien, Insekten und andere Tiere dies schaffen, hat nun ein internationales Forscherteam untersucht. Ihre Meta-Analyse ergab: Zwar zeigen insbesondere Vögel durchaus Anzeichen für eine Anpassung, beispielsweise in ihrem Brut- oder Wanderverhalten. Aber kaum eine Art verändert sich schnell genug, um mit dem klimabedingten Wandel Schritt zu halten, wie die Forscher berichten. Damit könnte der Klimawandel das langfristige Überleben vieler Spezies gefährden.

Im Frühjahr beginnt die Blütezeit früher, die Winter werden milder und die Sommer heißer: Schon jetzt sind viele Effekte des Klimawandels in der Natur deutlich messbar. Insgesamt beginnen sich zudem die Klimazonen polwärts zu verschieben, wie Studien belegen. Auf längere Sicht zwingt dies viele Tierarten dazu, ihr Verhalten, ihre Morphologie und möglicherweise auch ihre Lebensweise anzupassen – oder mit den Klimazonen mitzuwandern. Tatsächlich sind solche Entwicklungen bereits im Gange: Biologen beobachten beispielsweise, dass einige Tierarten inzwischen früher aus dem Winterschlaf erwachen, dass sich die Paarungszeiten verlagert haben oder sich die saisonale Migration zeitlich und räumlich verändert hat. Aber auch Veränderungen der Körpergröße, der Körpermasse oder anderer morphologischer Merkmale lassen sich feststellen.

Paarung, Brut und Migration haben sich verschoben

Doch wie verbreitet sind diese Anpassungen an den fortschreitenden Klimawandel? Und reichen sie aus, um mit den Veränderungen Schritt zu halten? Das haben nun Viktoriia Radchuk vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) und ihre mehr als 60 Kollegen in einer umfangreichen Studie untersucht. Dafür werteten sie Daten von 71 Studien aus und sichteten mehr als 10.000 Zusammenfassungen von wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Die Forscher ermittelten nicht nur, ob es bei einer Tierart Verhaltens- oder morphologische Änderungen gibt, sondern auch, ob diese die Fitness der jeweiligen Spezies erhöht – beispielsweise indem mehr Nachwuchs produziert wird oder mehr Tiere überleben. Dies stellten sie fest, indem sie die tatsächlichen Veränderungen in einem Modell mit den idealerweise nötigen verglichen. Einen besonderen Schwerpunkt legten die Wissenschaftler dabei auf Vögel, weil für diese Tiergruppe die meisten und detailliertesten Daten verfügbar sind.

Die Auswertung ergab: Viele Tierarten haben tatsächlich bereits auf den Klimawandel und die Veränderungen ihrer Umwelt reagiert. „Die stärksten phänologischen Anpassungen fanden wir bei Amphibien, gefolgt von Insekten und Vögeln“, berichten Radchuk und ihr Team. In den meisten Fällen äußert sich dies in einer Verschiebung biologischer Ereignisse wie der Paarung, der Brut oder der Migration parallel zu den steigenden Temperaturen. Diese Ereignisse haben sich bei vielen Spezies im Frühjahr vorverlegt. Weniger klar ist dagegen die Richtung der morphologischen Anpassungen, wie die Analysen ergaben. Sie zeigen bisher kein systematisches Muster. Dennoch: „Dies deutet darauf hin, dass Tierarten durchaus in der Lage sind, sich an Umweltveränderungen anzupassen“, sagt Co-Autor Steven Beissinger von der University of California in Berkeley. „Solange sie sich schnell genug verändern, um den Klimawandel zu bewältigen, könnten sie daher in ihrem Lebensraum bleiben, auch wenn dieser sich erwärmt.“

Zu langsam für den Klimawandel

Aber geschehen diese Anpassungen schnell genug? Wie der Modellvergleich ergab, scheint dies bisher bei den meisten Arten nicht der Fall zu sein: „Unsere Auswertung legt offen, dass selbst Tierarten, die sich an die veränderte Umwelt anpassen, dies nicht schnell genug tun, um ihr Überleben zu garantieren“, berichtet Beissinger. Demnach hinken die meisten Spezies dem Tempo der Umweltveränderungen hinterher. Dies gilt selbst für häufige und bekannte Tierarten wie das Reh, die Singammer, die Kohlmeise oder die Elster – alles Spezies, von denen bekannt ist, dass sie mit dem Klimawandel relativ gut umgehen. „Unsere hier berichteten Ergebnisse zu den adaptiven Reaktionen auf die globale Erwärmung sollte daher nicht zu optimistisch interpretiert werden“, betonen die Forscher. Denn es bestehe durchaus die Gefahr, dass die Diskrepanz zwischen der nötigen und der tatsächlichen Anpassung das Überleben der Populationen gefährden könnte.

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Noch ausgeprägter könnte dieses Risiko für die Tierarten sein, die schon jetzt als bedroht gelten und weniger häufig sind. „Wir befürchten, dass die Prognosen zum Überleben für solche Arten, die für den Naturschutz von Belang sind, noch pessimistischer sein werden“, sagt Co-Autorin Stephanie Kramer-Schadt vom Leibniz-IZW. Sie und ihre Kollegen hoffen, dass ihre Analysen und die zusammengestellten Datensätze weitere Forschung zur Widerstandsfähigkeit von Tierpopulationen im globalen Umweltwandel fördern und zu einem besseren Vorhersagemodell beitragen werden – auch um zukünftige Maßnahmen des Naturschutzmanagements zu unterstützen.

Quelle: Viktoriia Radchuk (Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, Berlin) et al., Nature Communications, doi: 10.1038/s41467-019-10924-4

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