Tierwohl-Label: Zwischen Geld und Moral - wissenschaft.de
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Tierwohl-Label: Zwischen Geld und Moral

Schweinestall
Mehr zahlen fürs Tierwohl? (Foto: t_lorien/ iStock)

Dass es Hühnern, Puten oder Schweinen in den Ställen der konventionellen Tierhaltung nicht sonderlich gut geht, ist nichts Neues. Unter anderem deshalb wird schon seit längerem über verschiedene Tierwohl-Label und ihre Aussagekraft diskutiert. Doch wenn es eine Kennzeichnung gäbe, die eine bessere Haltung der Tiere garantiert, wer würde für diese Produkte mehr zahlen und warum? Das haben Forscher nun in einer Befragung untersucht.

In der letzten Zeit ist die Tierhaltung für Fleisch- und Milchprodukte immer mehr in die Diskussion geraten. Aufnahmen von kahlgerupften, kotverschmutzten Hühnern und Puten oder eng gedrängten Schweinen auf Spaltenböden sorgen für heftige Kritik an der gängigen Praxis der Massentierhaltung. Die Frage ist jedoch, wie sich diese Missstände am besten beheben lassen. „Es gibt dabei zwei Optionen, die die gesellschaftliche Debatte dominieren: Eine Verschärfung der Tierhaltungsvorschriften oder die Verbesserung des Tierwohls durch marktbasierte Instrumente wie bestimmte Kennzeichnungen oder Label“, erklären Frauke Pirscher von der Universität Halle-Wittenberg und ihr Kollege Ulrich Frey.

Ethik und Tierwohl im Test

Doch ob marktbasierte Instrumente den Tieren und einer besseren, wenn auch teureren Fleischproduktion helfen, hängt entscheidend davon ab, ob Menschen bereit sind, für Tierwohl auch mehr zu bezahlen. Das wiederum weckt die Frage, welche moralischen Einstellungen Menschen in Deutschland gegenüber der Tierhaltung haben: Wollen sie das Los der Nutztiere nur deshalb verbessern, weil das letztlich auch dem Menschen nutzt, beispielsweise durch bessere Qualität der Lebensmittel? Oder gehören sie zu denjenigen, die dem Tier und seinem Wohlergehen einen intrinsischen Wert per se einräumen?

Wie es mit den Einstellungen zum Tierwohl in Deutschland aussieht und welche Konsequenzen wir bereit sind, dafür in Kauf zu nehmen, haben Pirscher und Frey nun untersucht. „Wir wollten wissen, zu welchem Grad die verschiedenen moralischen Haltungen sich in Marktentscheidungen widerspiegeln“, erklären sie. „Führen verschiedene ethische Ansichten zu einer höheren oder geringeren Zahlungsbereitschaft?“ Um das zu klären, führten die Forscher eine Online-Befragung mit rund 1300 Teilnehmern durch. Diese wurden nach ihrer Haltung zum Tierwohl und der damit verknüpften Motivation gefragt, aber auch, ob sie mehr Geld für Eier zahlen würden, wenn die Hennen dadurch mehr Platz bekämen. Oder wieviel mehr Geld ihnen Schweinefleisch wert wäre, wenn Kastrationen an Ferkeln nur noch unter Betäubung stattfinden würden – was bisher eher die Ausnahme ist.

Moral ja, Geld nein?

Das Ergebnis: Auch wenn weitgehend Einigkeit darüber herrscht, dass Tierwohl wichtig ist, sind die moralisch-ethischen Beweggründe dafür unterschiedlich. Bei einem Teil der Befragten dominierten utilitaristische Motive – Tierwohl bringt auch uns mehr Nutzen. Andere dagegen sprachen den Tieren ein Grundrecht auf Wohlergehen zu, handelten aus allgemeinem Altruismus oder Umweltbewusstsein oder ließen sich von einer Mischung verschiedener ethischer Grundsätze leiten. Das Interessante daran: Am ehesten waren diejenigen zur Zahlung von mehr Geld bereit, die eher zweckgebunden dachten oder aus Umweltbewusstsein handelten.

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Interessant auch: Neun Prozent der Befragten lehnten es ganz ab, mehr Geld für das Tierwohl zu zahlen. Trotzdem sahen auch sie den Tierschutz als moralische Frage an, wie die Auswertung ergab. Diese Menschen lehnen es aber ab, moralische Fragen über den Markt zu lösen. „Das heißt, die Gruppe derjenigen, denen artgerechte Haltung aus moralischen Gründen wichtig ist, ist größer als die, die tatsächlich bereit ist, dafür zu zahlen. Moralische Haltungen spiegeln sich also nicht allein im Marktverhalten der Konsumenten wider“, sagt Pirscher.

Was das bedeutet? „Für wissenschaftliche Untersuchungen zur Zahlungsbereitschaft von Konsumenten heißt das, dass fehlender Zahlungswille nicht automatisch mit Desinteresse gleichzusetzen ist. Für die Politik bedeutet es, dass die moralische Haltung die Akzeptanz oder Ablehnung marktbasierter Regulierungsinstrumente mit beeinflusst“, sagt Pirscher. Bisher habe Ethik in der Betrachtung kaum eine Rolle gespielt.

Quelle: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Fachartikel: PLoS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0202193

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