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Tödlicher Aufschwung

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IN Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs sterben seltsamerweise mehr Menschen (thinkstock)

Die Lebenserwartung des Menschen steigt immer weiter an. Weltweit ist allein in den letzten zehn Jahren die Zahl der über 60-Jährigen um 178 Millionen auf 810 Millionen Menschen gestiegen. Bis zur Mitte des Jahrhunderts wird die ältere Generation erstmals die unter 15-Jährigen zahlenmäßig übertreffen, so die Schätzungen der Stiftung Weltbevölkerung. Vor allem in den Industrieländern haben Wohlstand und eine immer bessere Gesundheitsversorgung dazu geführt, dass die Menschen immer älter werden. „Weil aber viele dieser Länder zurzeit eine Rezession erleben, sollte man vermuten, dass dies auch den Anstieg der Lebenserwartung ausbremst“, mutmaßen Herbert Rolden von der Universität Leiden und seine Kollegen.

19 Länder und 50 Jahre

Wie Aufschwung und Rezession die Mortalität in den betroffenen Ländern beeinflussen, haben die Forscher in der bisher umfangreichsten Studie zu diesem Thema untersucht. Sie werteten dafür die Entwicklung von Bruttoninlandsprodukt und Mortalität von 19 Industrieländern in der Zeit zwischen 1950 und 2008 aus. Dabei betrachteten sie einerseits die Sterblichkeit von Frauen und Männern  im mittleren Alter zwischen 40 und 44 Jahren, als Beispiel für mitten in der Phase der Berufstätigkeit stehende Menschen. Andererseits prüften sie die Mortalität von 70- bis 74-Jährigen, sie repräsentieren den älteren, nicht mehr arbeitenden Bevölkerungsteil.

Das Ergebnis verblüffte:  Immer dann, wenn die Wirtschaft eines Landes sich nach einer Rezession wieder erholte und Aufschwung herrschte, stieg auch die Mortalität in beiden Altersgruppen. Herrschte dagegen eine Rezession, sank auch die Sterblichkeit. Dieser Effekt war in allen 19 untersuchten Ländern zu beobachten. Für jedes Prozent, die sich die Makroökonomie aufwärts bewegte, stieg die Mortalität bei Männern um 0,36 bis 0,38 Prozent, wie die Forscher berichten. Bei den Frauen sah es ähnlich aus, wenn auch in deutlich geringerem Maße, hier lagen die Zahlen zwischen 0,15 und 0,18 Prozent. „Das ist ein der Intuition widersprechender Trend“, konstatieren Rolden und seine Kollegen. Denn man würde erwarten, dass es bei besseren ökonomischen Bedingungen und sinkender Arbeitslosigkeit den Menschen besser geht und daher auch weniger von ihnen sterben.

Arbeitsstress, Luftverschmutzung oder etwas ganz Anderes?

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Was aber ist der Grund für diese „tödliche“ Wirkung des Aufschwungs? Theoretisch wäre denkbar, dass erhöhter Arbeitsstress beim Aufschwung Menschen eher erkranken oder sterben lässt. Tatsächlich haben frühere Studien gezeigt, dass die Anzahl der Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 0,4 Prozent ansteigt, wenn die Arbeitslosigkeit um ein Prozent sinkt. Ähnliches gilt für Verkehrsunfälle und Lebererkrankungen. „Aber diese direkt arbeitsbezogenen Faktoren können nicht erklären, warum sich dieser Effekt auch bei den älteren, nicht mehr arbeitenden Menschen zeigt, sagen die Wissenschaftler. Es könnte höchstens sein, dass der Arbeitsstress den Jüngeren so wenig Zeit und Energie übrig lässt, dass diese sich weniger als in Krisenzeiten um ihre alten Eltern und Verwandten kümmern können. Aber ob das tatsächlich der Fall ist und ob es ausreicht, um den negativen Effekt des Aufschwungs zu erklären, ist bisher offen.

Eine weitere Erklärung wäre, dass in Zeiten des Aufschwungs auch die Luftverschmutzung durch Verkehr und Industrieabgase ansteigt. Das könnte die Gesundheit der Bevölkerung stärker beeinträchtigen und so zur erhöhten Sterblichkeit beitragen. Aber auch das passt  nicht zu den Ergebnissen, konstatieren die Forscher. Denn es  erklärt nicht, warum Männer stärker betroffen sind als Frauen. Theoretisch wäre auch möglich, dass die Sterblichkeit der Wirtschaft mit Verzögerung folgt. Der negative Effekt der Rezession würde sich dann erst mit Verspätung bemerkbar machen – in Zeiten, in denen sich die Wirtschaft eigentlich schon wieder erholt. „Aber in unseren Kurven können wir keine Anzeichen für einen solchen Verzögerungseffekt feststellen“, so Rolden und seine Kollegen.

„Wir müssen eine Erklärung finden für den kontraintuitiven Zusammenhang von makroökonomischen Zyklen und der Mortalität“, betonen Rolden und seine Kollegen. Denn gerade angesichts der turbulenten wirtschaftlichen Entwicklungen und der immer älter werdenden Bevölkerung sei es wichtig zu wissen, welche Effekte die Ökonomie auf das Wohlergehen der Menschen im mittleren und höheren Alter habe. Bisher aber gebe es keine befriedigende Erklärung für das seltsame Phänomen.

Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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