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Schalltrauma

Tote Ostsee-Schweinswale nach Minensprengung

Schweinswale sind bei Minensprengungen einer hohen Verletzungsgefahr durch Schall- und Druckwellen ausgesetzt. (Bild: BrendanHunter)

Schalltrauma mit tödlichen Folgen: Vermutlich haben Sprengungen von Seeminen im Fehmarnbelt mehrere Ostsee-Schweinswale das Leben gekostet, geht aus einem Gutachten des Bundesamts für Naturschutz hervor. Naturschützer fordern deshalb nun verbesserte Regelungen für Unterwassersprengungen. Die Bundeswehr hat bereits geplante Aktionen in der Ostsee ausgesetzt. Die zuständigen Bundesbehörden haben zudem eine gemeinsame Arbeitsgruppe eingerichtet, die verbesserte Maßnahmen entwickeln soll, die dem Schutz der bedrohten Meeressäuger dienen sollen.

Die Schallwellen gewaltiger Explosionen donnerten im August 2019 durch die Unterwasserwelt im Naturschutzgebiet Fehmarnbelt. Der Grund waren gezielte Sprengungen von 42 britischen Seeminen durch die Deutsche Marine. Experten zufolge stellten diese Überbleibsel aus dem 2. Weltkrieg eine Gefahr für die Schifffahrt dar. Um die in dieser Meeresregion beheimateten Schweinswale (Phocoena phocoena) vor der Schallbelastung zu schützen, wurden im Vorfeld der Sprengungen auch die gängigen Vergrämungsmaßnahmen durchgeführt: Kleinere Unterwassersprenungen, die diese Tiere vertreiben sollten. Doch nach den Minensprenungen kam der Verdacht auf, dass diese Maßnahme nicht gewirkt hatte. Tote Schweinswale werden zwar das ganze Jahr über an deutschen Meeresküsten gefunden. Doch im Zeitraum Ende August bis Ende November 2019 war die Anzahl der Totfunde an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste mit 41 Tieren höher als im Durchschnitt der Jahre davor.

Zerfetzte Hörorgane

Das Bundesamt für Naturschutz veranlasste daraufhin eine Untersuchung: Einige der toten Schweinswale wurden durch die Tierärztliche Hochschule Hannover obduziert, um die Todesursachen zu ergründen. Zudem wurden Messungen der Schallpegel während der Unterwasserexplosionen analysiert sowie Hinweise auf die Gegenwart von Schweinswalen erfasst. Experten werteten dazu Aufzeichnungen von Echoortungslauten im Naturschutzgebiet Fehmarnbelt aus.

Die Ergebnisse der Untersuchungen zeigen, dass sich trotz der Vergrämungsmaßnahmen zum Zeitpunkt der Sprengungen Schweinswale im Gefährdungsbereich aufhielten. Sie zeigen auch, dass der Schalldruck der Sprengungen fast im ganzen Schutzgebiet so hoch war, dass das empfindliche Hörsystem der Meeressäuger Schaden nehmen konnte. Die Obduktionen der Totfunde ergaben zudem: Ein Drittel der 24 untersuchten Tiere wies Verletzungen im Bereich der Hörorgane auf, die durch extrem laute Impulsschallereignisse verursacht wurden, wie sie typischerweise bei Sprengungen entstehen. Da die Tiere für ihre Navigation und Kommunikation auf ihr Hörvermögen angewiesen sind, ist ein solches Schalltrauma für sie ein Todesurteil, sagen Experten.

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Konsequenzen gefordert

Laut dem Gutachten des Bundesamts für Naturschutz lässt sich zwar nicht ausschließen, dass auch andere Unterwassersprengungen zu den Totfunden mit akustischem Trauma geführt haben. Doch der Zusammenhang mit den Minensprengungen Ende August liegt nahe. Die Naturschutzorganisation NABU ist überzeugt von dieser Ursache und wirft der Bundesmarine vor, die Gefährdung der bedrohten Unterwassersäuger nicht genügend beachtet zu haben. „Die Bundesmarine muss Konsequenzen ziehen und ihre Einstellung zum Natur- und Artenschutz grundsätzlich überdenken. Das betrifft auch die verbindliche Durchführung von Umweltverträglichkeitsprüfungen vor unvermeidlichen Sprengungen“, so Jörg-Andreas Krüger vom NABU. Der NABU appelliert an die Bundesregierung, jetzt die notwendigen Strukturen und Finanzmittel für die strategische und naturverträgliche Bergung von Altmunition bereitzustellen. „Wir brauchen dringend eine nationale Strategie zum Umgang mit dem gefährlichen Weltkriegserbe am Grund von Nord- und Ostsee“, schreibt der NABU.

Um die gefährdeten Schweinswale besser zu schützen, haben die Bundesministerien für Umwelt, Verteidigung und Verkehr nun bereits eine Arbeitsgruppe unter Leitung des Bundesamtes für Naturschutz eingerichtet. Sie soll einen Leitfaden für die Beseitigung von Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee erarbeiten. Wie das Bundesministerium für Umwelt betont, erscheinen in einigen Fällen gezielte Sprengungen von Seeminen aus Sicherheitsgründen unvermeidlich. Das Ziel sind deshalb Maßnahmen, die Gefährdung der Umwelt möglichst auf ein Minimum zu reduzieren.

So soll die Arbeitsgruppe etwa Vorgaben entwickeln, die sicherstellen, dass Sprengungen nur außerhalb von Zeiten durchgeführt werden, in denen Schweinswale sich häufig im betroffenen Gebiet aufhalten, sich fortpflanzen oder ihre Jungen aufziehen. Auch das Potenzial von technischen Schutzmaßnahmen soll erneut überprüft werden. So könnte zum Beispiel der Einsatz sogenannter Blasenschleier um eine Explosionsstelle die Ausbreitung des Schalls abmildern. Auch soll ausgelotet werden, inwieweit sich der Einsatz akustischer Vergrämungstechnik verbessern lässt, um Schweinswale zumindest aus der unmittelbaren Umgebung der Sprengungsorte zu verscheuchen.

Quelle: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, Bundesamt für Naturschutz, NABU

BMU/BfN zu den Untersuchungsberichten:
https://www.bfn.de/themen/meeresnaturschutz.html

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