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Umwelt+Natur

Tote Tiere sind wichtig fürs Ökosystem – auch bei uns

Tierkadaver
Kein schöner Anblick, aber ökologisch ein Gewinn: Kadaver eines Rothirschs. (Bild: Roel van Klink)

Aus den Savannen Afrikas kennt man den Anblick von ausgeweideten und halbverwesten Kadavern von Wildtieren. Bei uns in Europa jedoch werden tote Tiere fast immer „aufgeräumt“ – schon wegen der strengen Richtlinien. Doch eine Studie belegt nun, dass Kadaver selbst in unseren nährstoffreichen Lebensräumen eine wichtige, positive Rolle für die Natur spielen. Sie erhöhen die lokale Artenvielfalt über Monate hinweg, wie Forscher berichten.

Es ist der Kreislauf der Natur: Wenn ein Tier stirbt, ernährt sein Kadaver zunächst Raubtiere und Aasfresser. Wenn dann die Verwesung die Nährstoffe des toten Körpers freisetzt, profitieren schließlich auch bodenlebende Organismen und Pflanzen davon. Vor allem in kargen, nährstoffarmen Lebensräumen wie der Savanne oder Wüste spielen Kadaver daher eine wichtige Rolle im Ökosystem.

Tote Rothirsche als Testobjekte

Bei uns in Europa ist es allerdings eher selten, dass man im Wald oder auf einer Weide einen Tierkadaver findet. Denn EU-Vorschriften verbieten es in der Regel, tote Tiere in der Natur liegen zu lassen. Zwar gibt es Ausnahmen für die Kadaver von getöteten Pflanzenfressern wie Hirschen oder Rehen, diese werden aber meist trotzdem aus dem Wald entfernt, um Spaziergänger nicht zu verstören. „Totholz in unseren Wäldern ist von der Bevölkerung mittlerweile weitgehend akzeptiert, was vielen Arten zugutekommt“, erklärt Seniorautor Christian Smit von der Universität Groningen. „Der Anblick toter Tiere in der Natur ist jedoch oft noch ein gesellschaftliches Tabu. Das ist schade angesichts ihrer Bedeutung für die Ökosysteme und Biodiversität.“

Doch wie groß ist die ökologische Bedeutung von Tierkadavern bei uns konkret? Um das herauszufinden, haben Smit und seine Kollegen Feldversuche im niederländischen Wildnisreservat Oostvaardersplassen durchgeführt, einem der größten Feuchtgebiete Mitteleuropas. Dieses 5600 Hektar große Gebiet ist seit den 1970er Jahren ein Naturschutzgebiet. Damit die nicht überschwemmten Flächen nicht vollkommen verwalden, wurden dort wildlebende Rothirsche, Konikpferde und Heckrinder ausgesetzt und leben dort seither wild. Wenn von diesen Beständen Tiere sterben, werden die Kadaver bisher meist entfernt, einige Rothirsch-Kadaver bleiben jedoch liegen.

Fünf Kadaver von im Spätwinter gestorbenen Rothirschen haben die Forscher nun genutzt, um deren natürlichen Abbau und die davon profitierenden Tiere und Pflanzen zu untersuchen. Dazu erfassten sie unter anderem das Vorkommen Insektenarten auf Flächen mit und ohne Kadaver und das Pflanzenwachstum in unmittelbarer Nähe zum Kadaver, Als Vergleichsflächen dienten fünf nahegelegene Standorte mit gleichen ökologischen Bedingungen.

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Langanhaltender positiver Effekt

Die Auswertungen ergaben: „Wir erwartet war die Zahl der Arthropoden während des aktiven Verwesungsstadiums mehr als das Dreifache höher als auf den Kontrollflächen“, berichten die Forscher. Die Artenvielfalt unterschied sich zu diesem Zeitpunkt allerdings kaum. Das aber änderte sich einige Monate später im Sommer, wie die Forscher berichten: „An den Kadaver-Standorten war die Arthropodendichte im Schnitt 4,2 Mal höher, die Artenzahl war um das 2,6-Fache höher“, so Smit und sein Team. Interessanterweise profitierten zu diesem Zeitpunkt aber nicht mehr die aasfressenden Spezies, sondern vor allem Pflanzenfresser und auch räuberische Arten.

Damit eng verknüpft zeigten sich auch in der Vegetation klare Unterschiede zu den kadaverlosen Kontrollflächen: „Die Pflanzenbiomasse war fünfmal größer als an den Kontrollstandorten“, berichten die Forscher. Sie führen dies auf die zusätzliche Zufuhr von Nährstoffen aus den inzwischen verwesten Überresten der toten Rothirsche zurück. Unter den Profiteuren dieser Nährstoffschwemme war unter anderem die Krause Ringdistel (Carduus crispus), die Wegrauke (Sisymbrium officinale) und der Breitwegerich (Plantago major). „Dass Tierkadaver für Aasfresser wichtig sind, überrascht zunächst wenig“, sagt Smits Kollege Roel van Klink. „Dass sie allerdings noch nach fünf Monaten einen solch großen Einfluss auf die gesamte Nahrungskette vor Ort haben, und dies selbst auf so nährstoffreichen Böden wie in den Oostvaardersplassen, hätte ich nicht erwartet.“

Nach Ansicht der Forscher unterstreichen ihre Ergebnisse, dass Kadaver von toten Wildtieren selbst in unseren Breiten und in vermeintlich nährstoffreichen Lebensräumen einen positiven Effekt auf die Artenvielfalt und Vegetation haben können. Sie empfehlen daher, zumindest in Naturschutzgebieten die bisher strengen EU-Regelungen zu lockern und Kadaver häufiger einfach an Ort und Stelle verrotten zu lassen.

Quelle: Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig; Fachartikel: PLoS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0226946

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