Trauern Elefanten um ihre Toten? - wissenschaft.de
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Trauern Elefanten um ihre Toten?

Elefanten
Elefantenmutter mit Kind (Bild: 101slides/ iStock)

Immer wieder wird erzählt, dass Elefanten um ihre verstorbenen Artgenossen trauern. Aber stimmt das auch? Wie sich wildlebende Elefanten in Gegenwart ihrer Toten verhalten und was hinter diesem Verhalten stecken könnte, haben nun Forscher näher untersucht. Ihre Studie bestätigt, dass die Dickhäuter auf besondere Weise mit toten Artgenossen umgehen und teilweise sogar emotional zu reagieren scheinen.

Lange galten wir Menschen als das einzige Lebewesen, dass eine Vorstellung vom Tod besitzt und in Ritualen Abschied von Verstorbenen nimmt. Doch inzwischen gibt es immer mehr Hinweise darauf, dass auch einige Tiere auf besondere Weise auf den Tod von Artgenossen reagieren. Gorillas beispielsweise bleiben oft dicht bei verstorbenen Artgenossen sitzen, berühren sie und „groomen“ ihr Fell. Schimpansen wurden dabei beobachtet, wie sie die leblosen Körper von Gruppenmitgliedern mit Blättern und Zweigen bedecken.

Untersuchen, beschnüffeln und immer wieder berühren

Auch von Elefanten wurde schon häufiger berichtet, dass sie von ihren Toten Abschied nehmen und deren Überreste immer wieder besuchen. Doch ob es sich dabei nur um falsch interpretierte Beobachtungen handelt oder ob Elefanten tatsächlich ein spezielles Verhältnis zu verstorbenen Artgenossen besitzen, war bislang ungeklärt. Deshalb haben nun Shifra Goldenberg vom Smithsonian Conservation Biology Institute und George Wittemyer von der Colorado State University und der Organisation Save the Elephants dieses Verhalten noch einmal näher untersucht. Für ihre Studie werteten sie zum einen 32 frühere Berichte von wilden Elefanten an Kadavern aus verschiedenen Orten in Afrika aus. Zum anderen führten sie selbst Beobachtungen im Samburu-Nationark in Kenia durch.

Die Auswertung der Beobachtungen ergab: Trotz einiger Unterschiede lassen sich durchaus einige Gemeinsamkeiten im Verhalten der Elefanten an Artgenossen-Kadavern feststellen. „Zu den am häufigsten beobachteten Verhaltensweisen der Elefanten gehörte das Berühren der toten Artgenossen, eine wiederholte Annäherung an die Kadaver und eine eingehende Untersuchung der Überreste“, berichtet Goldenberg. „Die Elefanten zeigen dabei dieses Interesse an den Toten unabhängig davon, wie eng ihre Beziehung zu Lebzeiten mit dem Artgenossen war.“ Einige Elefanten versuchten auch, frisch verstorbene Artgenossen hochzuheben oder zu sich heranzuziehen. Häufig schienen die Tiere zudem ihren gut ausgebildeten Geruchssinn zu nutzen, um an den Überresten zu riechen – möglicherweise um die Identität des Toten zu ermitteln.

Ist das Trauer?

Doch was geht dabei in den Elefanten vor? Verspüren sie so etwas wie Trauer? „Die Motivationen, die diesen Verhaltensweisen unterliegen, sind schwer zu erfassen und scheinen je nach Umständen und Tier zu variieren“, sagt Goldenberg. Es gebe aber durchaus Hinweise darauf, dass die Konfrontation mit den verstorbenen Artgenossen bei den Tieren erhöhte Emotionen auslöse. So beobachteten die Forscher bei einem jungen Elefantenweibchen eine erhöhte Aktivität der Schläfendrüsen, als das Tier am Kadaver ihrer Mutter stand. Gleichzeitig könnte das intensive Beschnüffeln und Abtasten toter Artgenossen auch ein Ausdruck der engen und komplexen sozialen Beziehungen der Elefanten untereinander sein.

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Von den Dickhäutern ist bekannt, dass sie enge Bindungen zu Artgenossen eingehen, die über Jahrzehnte bestehen bleiben. Die Sozialstruktur ihrer Gruppen ist dabei komplex und durch verschiedene, enge und weniger enge Beziehungen geprägt, wie die Forscher erklären. Zudem wechselt die Zusammensetzung dieser Gruppen im Laufe der Zeit immer wieder. Dennoch zeigen Beobachtungen, dass sich Elefanten selbst nach langer Trennung wiedererkennen. Ihr gutes Gedächtnis hilft ihnen dabei. Bei solchen Wiedersehen fällt auf, dass die Elefanten sich längere Zeit intensiv beschnüffeln und immer wieder mit den Rüsseln berühren – so als wollten sie die Merkmale und das Befinden dieses Artgenossen noch einmal mit ihren Erinnerungen abgleichen.

Nach Ansicht von Goldenberg und Wittemyer könnte ein ähnlicher Prozess auch bei toten Artgenossen stattfinden. „Dieses Verhalten könnte es ihnen ermöglichen, ihre Informationen zum sozialen Kontext in dieser hochgradig wandelbaren Gemeinschaft zu aktualisieren“, sagen die Forscher. Die Elefanten nutzen demnach den engen Kontakt mit ihren Toten möglicherweise auch dazu, sie als verstorben in ihr Gedächtnis aufzunehmen. „Elefanten mit ihren Toten interagieren zu sehen, verursacht einem wirklich eine Gänsehaut“, sagt Wittemyer. „Es ist einer der vielen faszinierenden Aspekte der Elefanten, die wir zwar beobachten, aber nicht völlig verstehen können.“

Quelle: San Diego Zoo Global; Fachartikel: Primates, doi: 10.1007/s10329-019-00766-5

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