Traurige Tröster - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Gesellschaft+Psychologie Umwelt+Natur

Traurige Tröster

Fast die Hälfte aller Psychiater und Psychotherapeuten hat nach eigener Einschätzung depressive Neigungen. Ein Fünftel leidet sogar unter akuten Depressionen, wie jetzt eine Studie deutscher Forscher zeigt. Daher ist es auch nicht selten, dass die Betroffenen sich von Kollegen behandeln lassen müssen: Vier Prozent der Befragten machten zum Studienzeitpunkt eine Psychotherapie, insgesamt 13 Prozent der Studienteilnehmer schluckten zudem regelmäßig Psychopharmaka, um den Depressionen zu entkommen. Der Grund für die Anfälligkeit ist nach Aussage der Forscher die hohe Belastung im Beruf. Auch der geschulte Blick für die eigenen Schwächen fördere die Niedergeschlagenheit.

Mehrere Studien hatten in der Vergangenheit bereits gezeigt, dass Ärzte oft unter Depressionen und Symptomen des Burn-out-Syndroms leiden: Sie fühlen sich emotional erschöpft, ihre Leistungsfähigkeit sinkt und sie entwickeln eine zynische Haltung gegenüber den Patienten. Um herauszufinden, inwieweit davon auch Psychiater und Psychotherapeuten betroffen sind, hatten die Forscher vor fünf Jahren eine Umfrage unter deutschen Nervenärzten auf dem jährlichen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in Berlin gestartet. Sie erkundigten sich bei insgesamt 1.089 Kongressteilnehmern nach deren Familienstand und die Arbeitssituation. Außerdem wollten sie wissen, ob und welche Medikamente die Psychologen und Mediziner einnahmen. Die Befragten waren zwischen 26 und 69 Jahren alt, knapp die Hälfte waren Frauen.

Das Ergebnis der Studie: 42 Prozent aller Nervenheiler hatten schon mindestens eine depressive Phase erlebt. 32 Prozent gaben an, dass diese von einem Kollegen diagnostiziert worden sei. Unter akuten Depressionen litt etwa ein Fünftel aller Befragten. Und 23 der Studienteilnehmer hatten sogar schon einmal versucht, sich das Leben zu nehmen. Demnach ist es nicht verwunderlich, dass Psychotherapeuten nicht nur heilen, sondern mitunter auch selbst behandelt werden müssen: Vier Prozent machten zum Zeitpunkt der Untersuchung eine Psychotherapie und etwa 30 Prozent aller Studienteilnehmer hatten schon im Rahmen ihrer Ausbildung an einer psychotherapeutischen Behandlung als Patient teilgenommen. 13 Prozent der Teilnehmer gaben zudem an, regelmäßig Medikamente zu schlucken, darunter Antidepressiva sowie Beruhigungs- und Schmerzmittel.

Die Wissenschaftler vermuten, dass die immense psychische Belastung, der Psychiater und Psychotherapeuten ausgesetzt sind, zu einem erhöhten Risiko für Depressionen führt. Vor allem die Behandlung von selbstmordgefährdeten und aggressiven Patienten belaste sehr. Gleichzeitig nehmen Psychiater den eigenen seelischen Zustand bewusster wahr und sind feinfühliger, wenn es darum geht, sich selbst zu beobachten. Dadurch fallen ihnen ihre eigenen Unzulänglichkeiten und Schwächen besonders deutlich auf, so die Annahme der Forscher.

Maxi Braun (Universitätsklinikum Ulm) et al.: Psychotherapy and Psychosomatics, doi: 10.1159/000319531 dapd/wissenschaft.de ? Peggy Freede
Anzeige
Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Dossiers

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Zoom  〈[zum] n. 15; Fot.〉 1 = Zoomobjektiv 2 das Zoomen ... mehr

Stre|cker  〈m. 3〉 1 〈Anat.〉 Muskel, der dem Strecken eines Gliedes dient; Sy Streckmuskel; ... mehr

PDF  〈IT; Abk. für engl.〉 Portable Document Format, ein Dateiformat, das einen unkomplizierten Austausch von elektronischen Dokumenten zwischen unterschiedlichen Plattformen ermöglicht

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige