Klimaszenario für Deutschland "Unsere Kultur wird sich ändern müssen" - wissenschaft.de
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Klimaszenario für Deutschland

„Unsere Kultur wird sich ändern müssen“

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Berlin © fhmedien_de - Fotolia.com
Erstmals haben Klimaforscher und Sozialwissenschaftler gemeinsam untersucht, wie sich der Klimawandel auf Deutschland auswirkt – und ein Szenario für 2040 entworfen. Der Soziologe Bernd Sommer sieht die Politik im Zugzwang.

Fotolia_43637493_XS_250.jpgnatur: Herr Sommer, wie wird ein Tag im Juli 2040 aussehen?
Sommer: Im Schnitt wärmer als ein üblicher Julitag heute. Uns stehen dann häufiger extreme und wochenlange Hitzewellen ins Haus – vergleichbar mit jener im Jahr 2003, die historisch einmalig war. Wochenlang lagen damals die Temperaturen über 30 Grad Celsius. Solche Hitzeperioden könnten zwischen 2031 und 2050 drei Mal auftreten.

Sie und Ihre Kollegen haben ein Szenario für das Jahr 2040 entworfen. Sie legen dar, wie der Klimawandel unseren Alltag prägen und was er dem Staat abverlangen wird. Wieso 2040?
Wir hatten zwei Überlegungen: Für klimatische Trends sind dreißig Jahre ein sinnvoller Zeitraum. Sie lassen sich ganz gut berechnen. Und was gesellschaftliche Entwicklungen angeht, da können wir annehmen, dass sich bis 2040 wenig Grundlegendes ändert: Deutschland wird voraussichtlich weiter eine Demokratie mit einer Marktwirtschaft und relativ stabilen Institutionen sein. Man kann auch einigermaßen absehen, wie sich die Bevölkerung entwickelt. Während schon Schätzungen des Staatshaushaltes unsicher sind. Letztlich erschien uns eine Prognose für 2040 als guter Kompromiss.

An der Studie haben Soziologen und Klimaforscher gemeinsam gearbeitet. Aber ist solch eine Prognose nicht ausgesprochen komplex und gewagt?
Ja, man muss extrem viele Wechselwirkungen beachten. Nehmen wir die Entwicklung des Tourismus‘ an der Ostsee. Man kann nicht einfach sagen: Wenn die Temperaturen in Deutschland um weitere 1,2 Grad Celsius steigen – zu den 0,8 Grad, die wir schon haben –, dann werden mehr Menschen ihren Urlaub an der See verbringen. Denn zugleich steigt auch das Risiko von Blaualgen, was zur Sperrung von Strandabschnitten führt. Voraussagen sind also kompliziert. Unsere generelle These ist daher: Der klimatische Wandel bringt nicht diese oder jene Folge mit sich. Vieles hängt von heutigen Entscheidungen ab und davon, wie sich die Gesellschaft auf den Wandel einstellt. Je nachdem, welche Vorsorge wir treffen, kann ein und dasselbe klimatische Ereignis später sehr unterschiedliche Auswirkungen nach sich ziehen.

Als Soziologe haben Sie untersucht, worauf sich Bevölkerung, Politik und Institutionen vorbereiten sollten. Sind denn überhaupt alle gleichermaßen vom Klimawandel betroffen?
Nein, es werden vor allem sozial schwache Menschen sein, die unter Extremwetter leiden. Sie leben in ärmeren Stadtteilen, wo die Häuser schlechter gedämmt sind, wo es weniger Klimaanlagen gibt und mehr Personen in einem Haushalt leben. Wichtige Naherholungsanlagen sind dort außerdem meist weiter weg. Man kann sagen: Je ungleicher eine Gesellschaft ist, desto weniger widerstandsfähig ist sie gegenüber dem Klimawandel. Die Ungleichheit wird dann zu einem Problem.

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Wird es nicht auch mehr alte Menschen geben?
Die Gesellschaft wird im Schnitt älter und insgesamt kleiner sein. Aktuell leben in Deutschland mehr als 81 Millionen Menschen. Bis 2040 dürfte die Einwohnerzahl – je nach Modell – auf 43 bis 76 Millionen sinken. Und die Zahl der Rentner wird von heute knapp 15 auf mehr als 20 Millionen ansteigen. Damit ist die Gruppe derjenigen, die besonders unter Hitzewellen leiden, also Alte und Kranke, relativ gesehen viel größer als derzeit. Man kann deshalb auch annehmen, dass es mehr hitzebedingte Krankheits- und Todesfälle gibt.

Wo in Deutschland wird sich der Klimawandel am stärksten auswirken?
Die Metropolen sind den steigenden Temperaturen stärker ausgesetzt als ländliche Räume. Städte sind Wärmeinseln. Am Tag heizen sich Luft und Oberflächen auf und kühlen nachts nicht so sehr ab. Aber auch die ländlichen Gebiete, und damit die Landwirtschaft, werden den Klimawandel zu spüren bekommen: Es kann beispielsweise im Januar wärmer sein als derzeit, im Februar aber trotzdem wieder Frost geben. Politik und Wirtschaft sollten auf solche Katastrophen vorbereitet sein: Wir brauchen zum Beispiel Versicherungen gegen Ernteausfälle. Aber da wird es kompliziert. Und verschiedene Interessengruppen, wie zum Teil die Agrarlobby, verweigern sich dem noch. Wenn wir aber solche Versicherungen nicht rechtzeitig schaffen, dann könnten bei einer Dürre oder anderen klimabedingten Ernteausfällen plötzlich ganze Betriebe in ihrer Existenz bedroht sein.

Und vor welchen Herausforderungen stehen die Städte, haben Sie da ein Beispiel?
Ein großes Problem kann die Kanalisation sein. Es gibt da Widersprüche, die sich kaum auflösen lassen. Im Ruhrgebiet wurde die Kanalisation im 20. Jahrhundert über Jahrzehnte aufgebaut. Aber seither hat sich das Ruhrgebiet, die Gesellschaft und die Art und Weise, wie wir Wasser nutzen, extrem gewandelt. Der Wasserverbrauch ist zurückgegangen, weil Industrie abgebaut wurde. Immer mehr Menschen nutzen wassersparende Geräte. Und wenn dann im Sommer tage- oder wochenlang kaum Regen fällt, fließt zu wenig Wasser durch die Kanalisation. Dann bleiben Unmengen an Unrat in den Leitungen hängen, sodass die Rohre zersetzt werden. Zudem stinkt es aus den Gullis. Einfach die Kanalisation zurückbauen geht aber auch nicht. Sonst würde es bei jedem starken Regen zu Überflutungen von Straßen und Kellern kommen.

Wir müssen also in eine neue Technik investieren. Wie auch immer sie letztlich aussieht.
Eigentlich ja, allerdings stehen die öffentlichen Haushalte schon heute unter Stress. Je mehr Schäden der Klimawandel mit der Zeit jedoch verursacht, desto größer werden die Kosten und damit auch die Herausforderungen für den Staat. Das Jahrhunderthochwasser an der Elbe führte 2002 zu einer Verschiebung der Steuerreform, und in allen großen Fernsehsendern gab es Spendenaufrufe. Wenn solche Fluten aber regelmäßig stattfinden, wird die Gesellschaft immer schwerer auf solche Katastrophen reagieren können.

Heißt das, dass uns schon der besagte Temperaturanstieg von 1,2 Grad Celsius bis 2040 überfordert?
Das hängt von den politischen Entscheidungen ab, die in den kommenden Jahren getroffen werden. Je länger wir diese hinauszögern, desto mehr verschärfen sich die Probleme gegenseitig. Sollte sich das Klima gar um drei, vier Grad erwärmen, explodieren die Kosten, und eine Anpassung wird kaum mehr möglich sein.

In der Studie wird ein positives Szenario für das Jahr 2040 entworfen. Unter anderem fällt das Schlagwort „Neue Gelassenheit“. Was ist darunter zu verstehen?
Sagen wir es so: Wir müssen lernen, auf eine andere Art zu leben. Heute praktizieren wir beispielsweise ein Maß an Hypermobilität, das sich 2040 nicht mehr aufrechterhalten lässt. Anders gesagt: Wir erwarten heute, dass alle Güter jederzeit überall zu kaufen sind. Und dass wir morgens in Hamburg aufwachen, dann zu einer Konferenz nach Frankfurt jetten und abends in München die Freundin besuchen. Wenn der Klimawandel virulenter wird, müssen wir nicht nur umdenken, sondern unsere Verhaltensweisen ändern – dazu gehört dann etwas, das wir heute noch als Verzicht verstehen: Wenn wir nicht mehr mal eben überall hinreisen können, werden Fernbeziehungen schwieriger. Am Ende könnte die in der Studie beschriebene „Neue Gelassenheit“ dann eine Art Gemütshaltung werden, die den angenehmen Nebeneffekt hat, dass das Leben weniger stressig ist.

Sollten wir also mittags eine Siesta halten?
Das wäre durchaus eine sinnvolle Strategie, um Hitzewellen zu ertragen. Aber so etwas lässt sich natürlich nicht verordnen, denn die Siesta beruht auch am
Mittelmeer letztlich auf kulturellen Traditionen. Ich denke: Mit dem Klimawandel wird sich auch eine neue kulturelle Praxis etablieren.

Das Interview führte Dirk Liesemer

nk03132Grad01_150.jpgDer Soziologe Dr. Bernd Sommer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Interdisziplinären Institut für Umwelt-, Sozial- und Humanwissenschaften an der Universität Flensburg. Zusammen mit drei weiteren Sozialwissenschaftlern sowie einem Team von Naturwissenschaftlern des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung hat Sommer ein bisher einmaliges Szenario entworfen: Was bedeutet der Klimawandel für Alltag, Wirtschaft, Sozialsysteme und unser Lebensgefühl?

 

 

nk03132Grad02_150.jpgZum Buch: Szenario 2040
Für die Studie „Zwei Grad mehr für Deutschland“ haben sich erstmals Klimawissenschaftler und Sozialwissenschaftler zusammengetan: Sie ergründen die Aussichten für unsere Gesellschaft in Zeiten der Erderwärmung.

Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe und Harald Welzer (Hg.): Zwei Grad mehr für Deutschland. Fischer Verlage. 320 Seiten, 12,99 €.

 

 

 

Fotos
Foto oben: Berlin © fhmedien_de – Fotolia.com
Porträt: privat
Cover: Fischer Verlag

© natur.de – Dirk Liesemer
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