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Umwelt+Natur

Unsterblichkeit

Auf der Suche nach dem molekularen Jungbrunnen. In jeder Körperzelle tickt eine molekulare Uhr, jede Zellteilung verkürzt das Leben. Krebszellen dagegen haben den Trick gelernt, ihre Lebensuhr immer wieder neu aufzuziehen, sie sind potentiell unsterblich. Mediziner versuchen, diese Fähigkeit der Krebszellen auf gesunde Zellen zu übertragen, um damit den Prozeß des Alterns zu stoppen.

Eine Fülle von oft widersprüchlichen Daten und Details haben die Gerontologen in den letzten Jahrzehnten angehäuft. Sie flossen in zwei große Theorien über das Altern ein: die Fehler- und die Programmtheorie. Für die Vertreter der Fehlertheorie ist Altern das unvermeidbare Resultat des Verschleißes von Zellen und ihrer Erbsubstanz aufgrund schädigender Einflüsse. Die Befürworter der Programmtheorie sind überzeugt, daß Altern und Tod ein ureigener Teil des Lebens sind: Von Anfang an in jeder Zelle installiert, läuft ein genetisches Alterungsprogramm nach einem arttypischen Muster ab. Der Zelltod: vorprogrammiert oder nur Verschleiß?

Unstrittig ist: Zellen altern – ob nun aufgrund sich häufender Fehler oder eines genetischen Programms. Neu ist: Zellen müssen nicht altern. Auch bei menschlichen Zellen ist Unsterblichkeit prinzipiell denkbar. Wie es möglich sein könnte, Zerfall und Tod zu entgehen, versuchen die Forscher von den einzigen Zellen des menschlichen Körpers zu erfahren, die unsterblich sind: Krebszellen. Denn ihnen gelingt, was anderen Zellen von Natur aus streng verboten ist: Sie ziehen eine innere Uhr, die bestimmt, wann die Lebenszeit abgelaufen ist, immer wieder auf. Wo genau diese Uhr des Lebens in den Zellen tickt, konnten die Wissenschaftler schon ausmachen – in den Telomeren, den kleinen Endabschnitten der Chromosomen. Der Begriff Telomer – vom griechischen Wort telos für „Ende“ und meros für „Teil“ – stammt von dem amerikanischen Genetiker Hermann Muller.

Nach der Geburt verkürzen sich die Telomere ungefähr parallel mit dem Alter. Als Grundregel gilt: Je größer die Zahl der durchlebten Zellteilungen, desto kürzer sind die Telomere; je kürzer die Telomere, desto älter ist die Zelle. In den letzten Stadien der Telomer-Schrumpfung verändern die Gene in der nun „greisen“ Zelle ihr Aktivitätsmuster, die Teilungsrate verlangsamt sich, schließlich teilt sich die Zelle gar nicht mehr und stirbt. Die „Telomer-Uhr“ in der Zelle tickt

Die Telomere gleichen also einer Zündschnur, die langsam abbrennt und am Ende den Zelltod auslöst. Wann dieser Zeitpunkt erreicht ist, variiert von Zelltyp zu Zelltyp und von Zelle zu Zelle: Das ist der Grund dafür, daß wir nicht eines Morgens unvermittelt mit grauen Haaren und runzliger Haut erwachen, sondern langsam – Zelle für Zelle – altern. Der Telomer-Hypothese nach sind wir nicht alt an Jahren, sondern so alt, wie die Telomere in den Zellen unseres Organismus lang sind.

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Ob die Maßeinheit „Jahre“ oder „Zeigerstand der Telomer-Uhr“ heißt – der Effekt bleibt gleich, mag der vor sich hin alternde Mensch resigniert denken. Der entscheidende Unterschied ist jedoch, daß wir die Zeit zwar gewiß nicht anhalten können – vielleicht aber die Telomer-Uhr in unseren Zellen. „Es ist theoretisch möglich, die Telomer-Verkürzung und mit ihr den Prozeß des Alterns zu verlangsamen“, erklärt beispielsweise einer der Größen der Telomer-Forschung, Prof. Jerry Shay von der University of Texas in Dallas. Erste Experimente, um diese Idee an menschlichen Zellkulturen zu prüfen, laufen. Shays Kollege Michael Fossel, Professor der Medizin an der Michigan State University, prophezeit sogar mutig: „Wir werden in 20 Jahren das Altern verhindern können und sogar eine Verjüngung erreichen.“ „In 20 Jahre werden wir Altern verhindern.“

Möglicherweise sind die Telomere aber genau das Gegenteil – eines notwendigen Mechanismusses nämlich, der dazu dient, Leben möglichst lange zu erhalten. „Die Zell-Alterung sorgt für die strikte Einhaltung der Wachstumskontrolle und reduziert die Wahrscheinlichkeit von Krebs“, meint etwa der amerikanische Telomer-Forscher Cal Harley. Danach ist das Altern nicht etwas, was einfach mit uns geschieht, wenn wir älter werden. Es dient vor allem dem Ziel, einen zu frühen Tod durch Krebs zu verhindern.

Ähnlicher Meinung ist auch Dr. Alexander Bürkle. Der Mediziner beschäftigt sich im Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg mit den Zusammenhängen von Altern und Krebs. Für ihn sind die Telomere eine Art „Notbremse“, die irgendwann gezogen werden muß, um Schlimmes zu verhüten. Denn im Laufe eines teilungsfreudigen Zell-Lebens wird die Zelle auf vielerlei Art und Weise geschädigt, irreparable Schäden und Fehler häufen sich, die Wahrscheinlichkeit einer bösartigen Entartung wird größer. Ohne Notbremse geht es nicht

Die TelomerVerkürzung zählt, wie oft sich die Zelle bereits geteilt hat – ähnlich wie der Kilometerzähler im Auto die Wegstrecke festhält. Ist eine kritische Grenze erreicht, wird die einzelne Zelle zum Wohle des Gesamtorganismus entfernt. Dieser wird dadurch zwar wieder „eine Zelle älter“, läuft aber nicht Gefahr, frühzeitig an defekten Zellen zugrunde zu gehen. „Ein Auto, das mehr als 500000 Kilometer gefahren ist“, veranschaulicht Bürkle, „würde der TÜV ja auch vorsorglich aus dem Verkehr ziehen.“

Claudia Eberhard-Metzger
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