Unter Panzerknackern - wissenschaft.de
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Umwelt+Natur

Unter Panzerknackern

Kein Panzer ist fest genug, dass er nicht seinen Überwinder fände. Die harte Schale, in der ein großer Teil der Tierwelt auftritt, dient sowieso nur in zweiter Linie dem Schutz – in erster Linie macht sie mobil.

Sie heißt Calappa, und wenn man eine Meeresschnecke ist, geht man ihr tunlichst aus dem Weg. Denn in den Scheren dieser Unterwasserjägerin ist selbst ein solides Kalkgehäuse, an dem Menschenhände sich eine blutige Abfuhr holen würden, kein sicherer Schutz.

Calappa (deutscher Name: Schamkrabbe), die im Mittelmeer und anderen warmen Gewässern lebt, trägt am beweglichen Finger der rechten Schere einen nach unten weisenden Zahn. Ihm direkt gegenüber, am unbeweglichen Scherenfinger, bilden zwei lippenartige Vorsprünge eine Art Teller. Das orangerote, bis zu 20 Zentimeter große Krebstier ist ein wandelnder Büchsenöffner.

Was geschieht, wenn Calappa auf ihren Streifzügen auf ein Schneckenhaus passender Größe trifft, schildert Michael Türkay, Fachmann für Krebstiere am Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main: „Der Krebs nimmt das Schneckenhaus in die kleinere linke Schere und platziert es genau zwischen den ,Teller‘ und den Zahn der kräftigen Rechten. Dann drückt Calappa die rechte Zange zu – knack, hat das Gehäuse ein Loch. Jetzt dreht sie das Gehäuse mit der Linken ein Stückchen weiter – knack, stanzt sie mit der Rechten das nächste Loch, direkt anschließend an das erste. Und so weiter: drehen, stanzen, drehen, stanzen. Bis der Eingeweidesack der Schnecke erreichbar ist – die hat dann ausgespielt und wird verspeist.“

Ist ein steinharter Kalkpanzer nicht ein sinnloses Ergebnis der Evolution, wenn er doch keinen Schutz vor Fressfeinden bietet? Senckenberg-Forschungsleiter Türkay pariert mühelos: „ Fast jeder noch so harte Panzer in der belebten Natur findet seinen Überwinder. Aber wichtiger ist: Panzerungen sind in der Evolution gar nicht in erster Linie zu Schutzzwecken entstanden. Meist ist die harte Schalenkonstruktion ein notwendiger Teil des Bewegungsapparats.“

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Eine Muschel beispielsweise, die davon lebt, Plankton aus dem Wasser zu filtern, braucht dazu eine feste Schale: erstens als Widerlager für die Schließmuskeln und zweitens, um den Kiemenraum gegen das umgebende freie Wasser abzugrenzen und mithilfe von Wimpern einen nahrungshaltigen Wasserstrom durch die gitterartigen Kiemen zu strudeln. Die zweiklappige Schale bildet den äußeren Korb für diesen hoch komplexen Mechanismus.

Jede Pumpe, und nichts anderes ist das Bauprinzip einer Muschel, benötigt ein Gehäuse, um einen kontrollierten Kreislauf von Zu- und Ablauf zustande zu bringen. Zusammengehalten werden die Schalenhälften der Muschelpumpe von einem Schließmuskel, der an beiden Schalenhälften innen ansetzt. Ohne Schalen würde sich der weiche Muschelkörper bei Bewegungsversuchen lediglich selbst verformen.

„Dass die harte Schale auch gegen Angriffe schützt, ist nur ein Zusatznutzen“, erklärt der Meeresbiologe Türkay. Einen Panzer automatisch mit der Funktion einer Ritterrüstung gleichzusetzen, sei ein typischer Anthropomorphismus: die ungerechtfertigte Übertragung menschlicher Eigenschaften oder Verhaltensmuster auf nichtmenschliche Wesen oder Dinge. Nicht nur bei Muscheln, sondern auch bei Gehäuseschnecken, Krebstieren und dem Myriadenheer der Insekten sind die Panzerhüllen zunächst Ansatzflächen für die Muskulatur – und erst in zweiter Linie zum Schutz da.

Und der ist ohnedies begrenzt. In Jahrmillionen der Co-Evolution zwischen Panzerträgern und Panzerknackern haben beide sich ein frappierendes Repertoire an Tricks zugelegt.

Die härteste Auster ist geliefert, wenn die Netzreusenschnecke ihr auf den scharfkantigen Panzer kriecht und in unmittelbarer Nähe der Öffnung geduldig wartet. Irgendwann öffnet jede Auster mal ihren Deckel. Auch wenn der Spalt nur wenige Millimeter weit ist, kantet die Schnecke sofort einen Vorsprung ihres Gehäuses hinein – und hat für ihr Gourmetmenu den Fuß in der Tür. In dieselbe Kerbe haut ein Taschenkrebs im Mittelmeer: Er pirscht sich vorsichtig an eine geöffnete Muschel an und schiebt ihr rasch ein Steinchen zwischen die Schalen. Sie kann sich nicht mehr ganz schließen und wird verspeist.

Seesterne haben ihre eigene Methode, um Muschelpanzer zu überwinden. Sie kriechen über die Beute und ziehen mit ihren muskulösen Armen ausdauernd in Öffnungsrichtung an den Schalenhälften. Zeit spielt keine Rolle. Nach Stunden dieses Geduldsspiels erlahmen die Kräfte des Muschel-Schließmuskels mehr und mehr, und die Angegriffene muss die Schalen einen Spalt weit öffnen. Prompt stülpt der Seestern seinen Magen ins Innere der Panzerträgerin, sondert konzentrierte Verdauungssekrete ab und schlürft die sich auflösende Muschel auf.

Die Nabelschnecken ziehen den direkten Weg durch den Muschelpanzer vor – Methode Safeknacker: Sie ätzen zunächst mit einem scharfen Sekret eine Stelle der Kalkschale an und bohren dann mit ihrer hakenbesetzten Raspelzunge in aller Ruhe ein Loch hindurch. Die Muschel kann nichts tun als warten, bis am Ende der rüsselartige Siphon der Nabelschnecke sich durch das Loch hinabtastet und sie zu verspeisen beginnt.

Doch so hilflos sind Muscheln nicht immer. Miesmuschelschalen sind an ihrer Spitze, am gelenkfernsten Teil ihres Panzers, am dünnsten. Strandkrabben wissen das und versuchen daher genau an dieser Stelle ihr Glück. Ob sie Erfolg haben, hängt davon ab, was sich als härter erweist: die Muschel oder die Krebsscheren. Junge Miesmuscheln beeilen sich daher, der jährlich neu heranwachsenden Strandkrabben-Generation davonzuwachsen und durch Kalkeinlagerung in ihren Panzer rascher härter zu werden als die kleinen Strandkrabben – offenkundig mit Erfolg.

Manche Muscheln können ihren Bedrängern sogar davonlaufen. Kammmuscheln beispielsweise – Feinschmeckern ist vor allem die Jakobsmuschel ein Begriff – sind am Kiemenrand rundherum mit hoch entwickelten Augen bestückt. Sie sehen es, wenn sich ihnen ein Krebs bedrohlich nähert. Durch rasch aufeinanderfolgendes Auf- und Zuklappen ihrer Schalen ergreifen sie dann nach dem Rückstoßprinzip die Flucht.

Auch Miesmuscheln sind im Wasser nicht so unbeweglich, wie es dem Strandwanderer scheint. Er sieht sie nur im Sand liegen oder als schwarze Kruste, die, fest verankert, die ufernahen Felsen überwuchert. Doch auf dem Meeresgrund kriechen sie, auf der Suche nach einem lohnenden Ankerplatz, mit einer Geschwindigkeit von ein bis zwei Zentimetern pro Stunde umher.

Was ihnen jedoch keiner zugetraut hatte, bewies 1998 die Meeresbiologin Isabelle Côté an der University of East Anglia in Norwich durch Laborexperimente: Miesmuscheln können hungrige Hummer riechen – und entsprechend reagieren. Côté setzte einen hungrigen Hummer einen Tag lang in ein Aquarium. Dann legte sie Miesmuscheln in bestimmten Abständen in andere Aquarien und setzte – wiederum je einen Tag lang – eine Kontrollgruppe normalem Seewasser aus, die andere Gruppe aber dem Wasser mit Hummergeruch. Überzeugendes Ergebnis: Im Hummergeruch-Behälter waren deutlich mehr Muscheln aufeinander zugewandert und hatten schützende Klumpen gebildet als in der Kontrollgruppe – und fünf Stunden früher.

Meeresbiologen vertreten schon lange die These, dass das Zusammenklumpen zu fest verbackenem Muschelrasen kein zufälliges Phänomen ist, sondern zur Überlebensstrategie der Tiere gehört. Denn Krebse oder Vögel haben es so schwerer, aus der scharfkantigen Phalanx eine einzelne Muschel zu fassen zu kriegen. Nur war dieses Verklumpen nie als Reaktion auf äußere Einflüsse gewertet worden, sondern als „Grundprogrammierung“ der Muscheln.

Sowenig also unter Wasser allein das Gepanzertsein gegen das Gefressenwerden schützt, sowenig ist dies bei den Grenzgängern zwischen Wasser und Land der Fall: Ausgewachsene Krokodile beispielsweise können den Panzer einer erwachsenen Schildkröte durchbeißen, als wäre er eine Krokantpraline. Und ausgewachsene Krokodile und Kaimane landen ihrerseits im Magen von Netzpython oder Anaconda, um dort – am Stück – im extrem aggressiven Magensaft der Riesenschlangen verdaut zu werden.

Auch bei reinen Landbewohnern sind Panzerungen nicht immer mit dem nahe liegenden Motiv „Schutz vor Stärkeren“ zu begründen. „ Das ist immer ein Mosaik“, sagt Gerhard Storch von der Senckenberg-Sektion Säugetiere: „Verhaltensmuster oder körperliche Eigenschaften, die eine Tierart im Lauf der Evolution erwirbt, ziehen häufig Konsequenzen nach sich, die mit dem Ausgangspunkt nichts zu tun haben.“

Storch nennt als Beispiel die Gruppe der Schuppentiere – im tropischen Afrika, in Vorder- und Hinterindien lebende, urtümlich wirkende Säugetiere, die vom Kopf bis zur Schwanzspitze mit handtellergroßen Hornplatten bedeckt sind („Tannenzapfentiere“). „ Ursprünglich war das eine Anpassung an ihre spezialisierte Ernährung“, erläutert der Biologe: Schuppentiere brechen mit ihren großen Klauen Ameisen- und Termitenbauten auf und verleiben sich die Insekten mit der klebrigen, bis zu 40 Zentimeter langen Zunge ein. „Das sind zum Teil hoch aggressive Ameisen. Aber sie können sich nur in den Hornplatten verbeißen – das Schuppentier schüttelt sich hinterher kurz, um sie loszuwerden, und das war’s.“

Diese Anpassung an ihre Ernährungsweise machte die wandelnden Tannenzapfen in der „Nebenwirkung“ auch gegenüber großen Fressfeinden wie Raubkatzen zu wehrhaften Verteidigungskünstlern: Wenn sie attackiert werden, teilen sie schmerzhafte Schläge mit ihrem zackenrandigen Schwanz aus oder rollen sich zu einer Schuppenkugel zusammen, die selbst mit brachialer Gewalt kaum zu öffnen ist. Einige Arten sind durch ihr Hornkleid sogar zu Baumbewohnern geworden: Sie klettern an den Stämmen hoch, indem sie ihren zackigen Schwanz in Unebenheiten der Rinde verkanten und sich Stück für Stück hochstemmen.

Während der Mantel der Schuppentiere lediglich – wie beim Nashorn – aus verhornter Haut besteht, also im strengen Sinn keine (knöcherne) Panzerung ist, sind bei den Gürteltieren in Amerika tatsächlich Verknöcherungen („Dermal-Ossifikationen“) in die Haut eingelagert. Kopf-, Brust-, Becken- und Schwanzschild passen besonders bei den Kugelgürteltieren perfekt ineinander, wenn diese sich bei Gefahr einrollen. Mit der Knochenkugel wird dann höchstens ein Alligatoren- oder Schwarzbärenkiefer fertig – alle anderen scheitern mit ihren Durchbeißversuchen.

„Unter den Gürteltieren gab es früher in der Erdgeschichte Arten, die einen vollkommen unüberwindlichen Panzer trugen“, sagt Storch. Das Glyptodon beispielsweise, das vor zwei Millionen Jahren in Südamerika lebte, war mehr als 3 Meter lang, wog zu Lebzeiten rund 2,5 Tonnen und erinnerte an einen VW-Käfer mit einbruchsicherem, armdickem Schildkrötenpanzer und einem Drachenschwanz.

Und doch hat seine perfekte Panze- rung das Riesen-Gürteltier Glyptodon nicht vor dem Aussterben bewahrt. Ein dicker Panzer ist offenbar nicht alles. Manchmal wird er von fragilen Winzlingen überwunden – so wie bei Schildkröte und Fleischfliege. Die Fliege legt ihre Eier in die Nasenhöhle und die kombinierte Geschlechts- und Ausscheidungsöffnung („Kloake“) der Panzerträgerin. Und die schlüpfenden Maden fressen die Schildkröte von innen auf. ■

Thorwald Ewe

Ohne Titel

• Harte Schalen sind in der Tierwelt häufig Teil des Bewegungsapparats.

• Seit Jahrmillionen läuft eine Co-Evolution zwischen Panzerträgern und deren Fressfeinden.

• Das Repertoire der Panzerknacker reicht vom Löcherbohren bis zur List.

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