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Ursprung der HIV-Pandemie lokalisiert

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Credit: Thinkstock
Der AIDS-Erreger hat eine bedrückende Erfolgskarriere hingelegt: Seine Ausbreitung gipfelt heute bei etwa 35 Millionen HIV-Infizierten. Trotz medizinischer Fortschritte sorgt das Virus nach wie vor für Tod und Leid. Doch wie nahm die Katastrophe ihren Anfang? Dieser Frage sind internationale Forscher mittels genetischer Methoden nachgegangen. Ihren Ergebnissen zufolge entstand die Haupt-Form des Erregers um 1920 in Kinshasa, der Hauptstadt der heutigen Demokratische Republik Kongo. Vermutlich machten Prostitution und mangelnde Hygiene in der Medizin die boomende Stadt zur idealen Brut-Stätte für HIV. Durch die Rolle als Verkehrsknotenpunkt avancierte Kinshasa dann zum perfekten Hotspot für die Ausbreitung des Erregers.

„Bisher haben genetische Studien zur Geschichte von HIV nur fragmentarische Einblicke gewährt“, sagt Oliver Pybus von der Oxford University. „Wir haben nun zum ersten Mal alle zugänglichen Informationsquellen vereint und sie modernsten Analysemethoden unterzogen, um nachweisen zu können, wo die HIV-Pandemie ihren Anfang nahm“, erklärt der Forscher. Die Ergebnisse basieren dabei auf Analysen des genetischen Codes von verschiedenen HIV-Versionen. Bestimmte Veränderungen in den Erbanlagen lassen Rückschlüsse über die zeitliche Entwicklungsgeschichte der Erreger zu. Diese Ergebnisse kombinierten die Forscher mit Informationen zur räumlichen Verbreitung der verschiedenen HIV-Versionen sowie mit epidemiologischen Aufzeichnen.

Klar war bereits, dass das ursprüngliche HIV von Menschenaffen stammt. Die Erst-Übertragung passierte vermutlich bereits zu Anfang des 20. Jahrhunderts durch das Verzehren von Bushmeat – denn auch Affenfleisch steht in manchen Teilen Afrikas auf dem Speiseplan. Vermutlich brachten dann irgendwann Arbeitskräfte den Erreger nach Kinshasa. Die Ergebnisse der Forscher legen nahe, dass das Virus in der boomenden Stadt zwischen 1920 und 1950 optimale Entwicklungsbedingungen vorfand. Hier entstand dann schließlich auch die Form HIV-1 Gruppe M, die heute weltweit die meisten Infizierten tragen.

HIV reiste mit dem Zug

Den Forschern zufolge gab es in der Region einen bedeutenden Faktor bei der anfänglichen Ausbreitungsgeschichte des Erregers: Der Ausbau des Schienennetzes im Kongo-Gebiet mit dem Knotenpunkt Kinshasa. „Daten aus kolonialen Archiven dokumentieren, dass gegen Ende der 1940er Jahre jedes Jahr über eine Million Menschen die Stadt mit dem Zug besuchten“, sagt Co-Autor Nuno Faria von der Oxford University. In den Auswertungsergebnissen der genetischen Daten spiegelt sich den Forschern zufolge wider, dass sich HIV in der heutigen Demokratischen Republik Kongo entlang der Eisenbahnlinien verbreitete.

Zur massiven Ausbreitung kam es den Forschern zufolge aber erst nach 1960: „Wir glauben, dass soziale Veränderungen im Zusammenhang mit der Unabhängigkeit im Jahr 1960 dazu geführt haben, dass die anfänglich kleinen Gruppen von Infizierten größere Bevölkerungskreise ansteckten und das Virus schließlich zum Global Player avancierte“, so Faria. Es gibt den Forschern zufolge auch Hinweise darauf, dass die medizinische Versorgung in dieser Zeit eine fatale Rolle gespielt haben könnte: Projekte zur Bekämpfung von Erkrankungen in der Region könnten zum Einsatz nicht sterilisierter Injektionsnadeln geführt haben. Das hat dem Virus möglicherweise ebenfalls einen Karriereschub verpasst. Den Forschern zufolge sollten nun weitere Untersuchungen genauer mögliche Einflussfaktoren untersuchen, die am Anfang der HIV-Pandemie eine Rolle gespielt haben könnten.

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Originalarbeit der Forscher:

© wissenschaft.de – Martin Vieweg
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