Vampire sind treue „Blutsfreunde“ - wissenschaft.de
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Vampire sind treue „Blutsfreunde“

Forscher haben Vampirfledermäuse mit kleinen Näherungssensoren ausgerüstet. (Bild: Sherri ad Brock Fenton)

Skurril, ein wenig gruselig und offenbar erstaunlich sozial: Vampirfledermäuse knüpfen ausgesprochen beständige Freundschaften, zeigt eine Studie. Die persönlichen Beziehungen, bei denen die Tiere untereinander „blutige“ Nahrung austauschen, halten demnach auch starken Veränderungen der Lebensumstände stand: Freundschaften, die sie in Gefangenschaft aufgebaut haben, halten sie weiterhin aufrecht, nachdem sie in die Freiheit entlassen wurden.

Sie haben so manche Gruselgeschichte inspiriert: Die in den warmen Regionen Amerikas beheimateten Vampirfledermäuse (Desmodus rotundus) sind für ihre buchstäblich blutrünstige Ernährungsweise berüchtigt. Nachts landen die Flattertiere heimlich auf Kühen und anderen Opfern und lassen sie dann zur Ader: Mit ihren scharfen Zähnen ritzen sie ein Stück der Haut an und lecken dann das austretende Blut auf. Wenn sie 20 bis 30 Milliliter des Körpersaftes aufgenommen haben, kehren die nur bis zu 50 Gramm schweren Fledermäuse in ihre Quartiere zurück, um zu verdauen. Oft handelt es sich dabei um hohle Bäume, die Kolonien von bis zu mehreren Hundert Tieren beherbergen.

Blutige Sozialhilfe in der Vampirkolonie

Die skurrile Ernährungsweise der Vampirfledermäuse hat allerdings einen Haken. Sie leben stets am Rande des Hungertods, denn die vergleichsweise wenig energiereiche Nahrung hält nicht lange vor: Wenn die Vampire nicht in kurzen Zeitabständen Blut aufnehmen, verhungern sie. Um dieses Problem zu lösen, haben die geselligen Tiere eine erstaunliche Strategie entwickelt – sie besitzen eine Art Sozialhilfesystem: Sie geben an bedürftige Individuen ihres persönlichen sozialen Netzwerks heraufgewürgtes Blut ab. In einer früheren Studie konnten die Forscher um Gerald Carter von der Ohio State University in Columbus bereits zeigen, dass die Tiere sogar nicht verwandte Artgenossen durch „Blutspenden“ versorgen. Es handelt sich somit um Beziehungen, die den menschlichen Freundschaften ähneln.

„Seit einigen Jahren führen wir bereits Untersuchungen zur Nahrungsübertragung zwischen Vampirfledermäusen in Gefangenschaft durch. Dabei haben wir uns gefragt, ob die stabilen Beziehungen, die wir beobachten, lediglich von den unnatürlichen Bedingungen in der Gefangenschaft geprägt sind“, sagt Carter. So haben die Forscher im Rahmen der aktuellen Studie untersucht, ob die Beziehungen bestehen bleiben, wenn die Fledermäuse wieder in die Wildnis entlassen werden, wo sie sich frei entscheiden können, wohin sie fliegen und mit welchen Artgenossen sie interagieren.

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Hightech-Rucksäcke für Vampire

Um dieser Frage nachzugehen, haben die Forscher eine raffinierte Technologie entwickelt: Gemeinsam mit Elektrotechnikern und Informatikern haben sie einen kleinen Näherungssensor gebaut. Es handelt sich um einen Mini-Computer, der leichter ist als eine 1-Cent-Münze und deshalb von Fledermäusen wie eine Art Rucksack getragen werden kann. Die Geräte protokollieren dann alle Interaktionen zwischen den Fledermäusen einer sozialen Gruppe. „Vor einigen Jahren konnten wir nur davon träumen, das soziale Netzwerk freilebender Fledermäuse so detailliert zu verfolgen“, sagt Co-Autor Simon Ripperger vom Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung in Berlin.

Im Rahmen der Studie untersuchten die Forscher zunächst die sozialen Netzwerke einzelner Tiere in einer Gruppe von Vampirfledermäusen, die zwei Jahre lang in Gefangenschaft verbrachten. Die Tiere wurden dabei mit selektiver Nahrungsknappheit konfrontiert, wie sie auch in der Natur vorkommt: Nur einige Tiere konnten erfolgreich Nahrung ergattern. Damit die Versuchskolonie überleben konnte, war somit auch in der Gefangenschaft ein Austausch von Blutnahrung unter Freunden erforderlich. Um zu untersuchen, ob diese Beziehungen auch nach dem Freilassen erhalten bleiben, verpassten die Forscher 23 ihrer Versuchstiere jeweils einen Näherungssensor und entließen sie in ihre Ursprungskolonie in einem hohlen Baum auf einer Rinderweide in Panama.

Freundschaften – ähnlich wie beim Menschen

Die Auswertungen der von den Geräten gesammelten Daten zeigten: Individuen, die in Gefangenschaft enge Beziehungen geknüpft hatten, fanden sich auch in der über 200 Tiere umfassenden Freiland-Kolonie immer wieder zusammen und tauschten Nahrung aus. Es handelt sich somit um Beziehungen, die man vermenschlicht ausgedrückt, als tiefe Freundschaften bezeichnen kann, sagen die Wissenschaftler. „Vampirfledermäuse kooperieren auf ähnliche Weise wie Menschen oder andere Tiere in komplexen individualisierten Gesellschaften“, resümiert Carter.

Interessanterweise hielten aber nicht alle Beziehungen unter den Versuchstieren der Veränderung der Lebensumstände stand, berichten die Forscher. Dies erscheint ebenfalls ähnlich wie beim Menschen, sagt Carter: Wenn man beispielsweise zur Uni geht, freundet man sich mit anderen Studenten an. Nach dem Abschluss werden einige dieser Freundschaften erhalten bleiben – andere verblassen hingegen. Das kann von der jeweiligen Persönlichkeit eines Menschen abhängen oder den individuellen sozialen Erfahrungen, die man mit bestimmten Freuden gemacht hat“, sagt Carter. Es zeichnet sich somit ab, dass sich bei Vampirfledermäusen und Menschen unabhängig voneinander vergleichbare soziale Verhaltensweisen entwickelt haben, die helfen können, die Herausforderungen des Lebens besser zu meistern.

Quelle: Cell Press, Museum für Naturkunde, Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung, Fachartikel: Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2019.10.024

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