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Umwelt+Natur

Vergessene Kaffeeart könnte dem Klimawandel trotzen

Kaffee
Bisher dominiert der Arabica-Kaffee den Markt, aber ihm macht der Klimawandel Probleme. (Bild: amenic181/ iStock)

Geht es um hochqualitativen Spitzenkaffee, hat aktuell nur eine Kaffeart relevante Marktanteile: Coffea arabica. Dank ihres ausgezeichneten Geschmacks ist sie derzeit die wirtschaftlich bedeutendste Kaffeesorte der Welt. Doch der Klimawandel schränkt ihren Anbau immer weiter ein. Anders als weniger wohlschmeckende Sorten wie der Robusta-Kaffee tolerieren Arabica-Pflanzen nur mittlere Temperaturen. Wird es zu warm, brechen die Ernten ein. Doch eine seltene Kaffeeart aus Westafrika könnte womöglich in Zukunft eine Alternative bieten.

Die Kaffeeindustrie ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für viele tropische Länder und bildet die Lebensgrundlage für mehr als 100 Millionen Kaffeebauern. Die derzeit bedeutendste Kaffeesorte ist der hochwertige Arabica-Kaffee, der 2019/20 rund 56 Prozent der globalen Kaffeeproduktion ausmachte. Doch der Klimawandel stellt Kaffeebauern vor zunehmende Probleme. Die Spezies Coffea arabica stammt aus dem kühl-tropischen Hochland Äthiopiens und des Sudans und bevorzugt Temperaturen zwischen 18 und 22 Grad Celsius. Angesichts steigender Durchschnittstemperaturen sind jedoch immer weniger Anbaugebiete für sie geeignet, und schwankende Niederschläge und extreme Wetterereignisse gefährden die Ernten zusätzlich. Der Robusta-Kaffee (Coffea canephora), wächst zwar bei höheren Durchschnittstemperaturen, erfüllt aber nicht die geschmacklichen Anforderungen für höherwertigen Spezialitätenkaffee.

Blindtest gegen Spitzenkaffee

Ein Team um Aaron Davis von den Royal Botanic Gardens in Kew bei London, berichtet nun von einer möglichen Alternative: Die wilde Kaffeeart Coffea stenophylla, die in Sierra Leone, Guinea und der Elfenbeinküste heimisch ist. „Mehrere historische Referenzen aus dem Zeitraum von 1834 bis 1929 weisen darauf hin, dass diese Sorte einen ausgezeichneten Geschmack hat, möglicherweise besser als alle anderen Kaffeesorten, einschließlich Arabica“, schreiben die Forscher. Allerdings wurde die Sorte seit den 1920er Jahren nicht mehr angebaut, womöglich weil sie geringere Erträge brachte als der zu dieser Zeit aufkommenden Robusta-Kaffee. In freier Wildbahn sind die Pflanzen vom Aussterben bedroht und galten lange als verschwunden.

Erst Ende 2018 wurde Coffea stenophylla in Sierra Leone wiederentdeckt. 2020 gelang es Davis‘ Team, Proben von in freier Wildbahn gesammelten Bohnen zu bekommen. Um die historischen Berichte bezüglich des überragenden Geschmacks zu überprüfen, luden die Forscher 15 unabhängige Kaffeetester ein, die den aus diesen Bohnen gebrauten Kaffee in einem Blindtest verkosteten und bewerteten. Als Vergleich dienten dabei ein äthiopischer Arabica-Kaffee hoher Qualität, ein brasilianischer Arabica-Kaffee mittlerer Qualität, sowie ein guter Robusta-Kaffee aus Indonesien. Die Juroren wussten weder, um welche Arten von Kaffee es sich handelte, noch dass eine neue Sorte dabei war.

Aromen von Pfirsich und Honig

„Die Auswertung ergab, dass Stenophylla ein komplexes Geschmacksprofil hat mit natürlicher Süße, mittelhoher Säure, Fruchtigkeit und einem guten Körper, wie bei höherwertigen Arabica“, fassen die Forscher zusammen. Als Geschmacksnoten beschrieben die Tester Nuancen von Pfirsich, Honig, Jasmin, Nüssen, Karamell und Schokolade. 81 Prozent der Tester hielten Stenophylla für Arabica-Kaffee, verglichen mit 98 Prozent bei dem hochwertigen Arabica und 44 Prozent bei dem Arabica mittlerer Qualität. Die direkte Frage, ob es sich bei der Stenophylla-Probe ihrer Ansicht nach um eine neue Kaffeesorte handele, bejahten 47 Prozent der Experten. „Mit dieser sensorischen Bewertung für Stenophylla-Kaffee sind wir in der Lage, historische Berichte über einen überlegenen Geschmack zu bestätigen und zu demonstrieren, dass Stenophylla ein wünschenswertes Aroma analog zu hochwertigem Arabica-Kaffee hat“, so Davis und Kollegen.

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Die geschmackliche Ähnlichkeit zum Arabica-Kaffee sei insbesondere deshalb überraschend, weil die Sorten nicht nah miteinander verwandt sind, räumlich weit voneinander entfernt in unterschiedlichen Lebensräumen wachsen und eine unterschiedliche chemische Zusammensetzung der Kaffeebohnen haben, sagen die Wissenschaftler. Bestimmte geschmacksgebende Verbindungen seien allerdings beiden Sorten gemeinsam. So enthalten sowohl Arabica als auch Stenophylla einen hohen Anteil sogenannter Trigonelline, die beim Rösten des Kaffees zu Vitamin B3 werden. Der Zuckeranteil in Stenophylla-Bohnen ist etwas geringer als bei Arabica, aber höher als bei Robusta.

Neues Zuchtmaterial

Um die mögliche kommerzielle Einsatzfähigkeit von Stenophylla zu testen, analysierten Davis und Kollegen zum einen die klimatischen Bedingungen im Verbreitungsgebiet der Sorte. Zum anderen simulierten sie das Wachstum unter verschiedenen Einflüssen von Wärme und Niederschlag. Demnach kann Stenophylla bei einer mittleren Jahrestemperatur von etwa 25 bis 26°C wachsen – mindestens sechs Grad mehr als bei Arabica. Die Regenfälle im natürlichen Verbreitungsgebiet von Stenophylla sind höher als bei Arabica, doch den Simulationen zufolge toleriert die Sorte wahrscheinlich auch Schwankungen der Niederschlagsmenge. Überdies gibt es Hinweise darauf, dass sie eine gewisse Resistenz gegenüber der für Arabica gefährlichen Pflanzenkrankheit Kaffeerost aufweist.

Welche Erträge sich mit Stenophylla erwirtschaften lassen, muss sich erst zeigen. Doch auch, wenn die Sorte in ihrer Wildform nicht ertragreich genug ist, bietet sie dank ihres guten Geschmacks und ihrer klimatischen Widerstandsfähigkeit vielversprechendes Material für Züchtungen. Bisher werden in neugezüchtete klimaresistente Sorten oft Arabica-Pflanzen gekreuzt, die für guten Geschmack sorgen sollen, gleichzeitig aber wieder die Klimaeigenschaften verschlechtern. Stenophylla könnte hier einen Ausweg bieten. „Nun geht es darum, die Zukunft der Art in freier Wildbahn und außerhalb ihres ursprünglichen Lebensraums zu sichern und ihr volles Potenzial als klimaresistente, hochwertige Nutzpflanzenart und Zuchtressource zu bewerten“, so die Forscher.

Quelle: Aaron Davis (Royal Botanic Gardens, Kew, Richmond, UK) et al., Nature Plants, doi: 10.1038/s41477-021-00891-4

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