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Skurrile Blüten

Verlockender Leichenduft

Aristolochia microstoma besitzt bräunliche Blüten, die nahe am Boden unter Laubstreu oder Steinen liegen. Die Blüten verströmen einen unangenehmen Geruch, um Bestäuber anzulocken und gefangen zu halten. (Bild: Thomas Rupp et al.)

Statt zarter Süße verströmt sie den Hauch des Todes: Eine skurrile Pflanze Griechenlands lockt Bestäuber mit einer bisher unbekannten „Parfum-Rezeptur“ in ihre fallenartigen Blüten, berichten Forscher. Der Duft diese Vertreterin der Pfeifenblumen vermittelt dabei die Botschaft: „Hier gibt es verwesende Insekten zu vernaschen“ und richtet sich an sogenannte Sargfliegen.

Rose, Jasmin, Nelke… – viele Blumen bezaubern uns mit süßlichen Düften. Doch es gibt bekanntlich auch einige Gegenbeispiele: Manche Blüten erscheinen uns völlig geruchlos, einige riechen eher wenig ansprechend und andere verbreiten sogar einen abstoßend wirkenden Gestank. Der Hintergrund: Die Geruchsstoffe sollen Bestäuberinsekten anlocken und dabei handelt es nicht immer nur um Insekten, die unsere Vorliebe für Süßes teilen. Viele Pflanzenarten werden hingegen von Käfern oder Fliegen mit ganz speziellen Geschmäckern bestäubt. In einigen Fällen handelt es sich dabei um Arten, die sich von Fäkalien oder Kadavern ernähren.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür ist die über drei Meter große Blüte der Titanenwurz: Die größte Blume der Welt ist zwar schön anzusehen, stinkt aber widerlich – sie verströmt einen Verwesungsgeruch, der Aaskäfer anlocken soll. Der Gestank beruht dabei auf der flüchtigen Substanz mit dem bezeichnenden Namen Cadaverin, die beim Abbau von Wirbeltierkörpern entsteht. Ähnlicher Gestank war bereits von einigen Vertretern aus der 550 Arten umfassenden Gattung der Pfeifenblumen (Aristolochia) bekannt. „Viele locken Fliegen mit Blütendüften an, indem sie zum Beispiel den Geruch von Aas oder Fäkalien von Säugetieren, verrottenden Pflanzen oder Pilzen imitieren“, sagt Erstautor Thomas Rupp von der Paris-Lodron-Universität in Salzburg.

Gestank der besonderen Art

Im Fokus der Studie der Forscher stand nun eine ungewöhnlich wirkende Vertreterin dieser Gewächse, die nur aus Griechenland bekannt ist: „Im Gegensatz zu anderen Aristolochia-Arten mit ihren auffälligen Blüten besitzt Aristolochia microstoma unscheinbare bräunliche Blüten, die horizontal, teilweise vergraben oder nahe am Boden unter Laubstreu oder Steinen liegen“, sagt Rupp. Wie er und seine Kollegen berichten, verströmt diese Pflanze einen für Menschen ungewöhnlich wirkenden Gestank. Was es mit dieser „Duftnote“ auf sich hat, hat das internationale Pflanzenforscherteam deshalb nun durch gaschromatografische Analysen untersucht.

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„Wir konnten zeigen, dass die Blüten von A. microstoma eine höchst ungewöhnliche Duftmischung ausströmen, die 2,5-Dimethylpyrazin enthält – ein Molekül, das weder in Wirbeltierkadavern noch in Fäkalien vorkommt, wohl aber in toten Käfern“, sagt Co-Autor Stefan Wanke von der Technischen Universität Dresden. Sein Kollege Stefan Dötterl von der Paris-Lodron-Universität Salzburg führt dazu weiter aus: „Es handelt sich damit um den ersten bekannten Fall einer Blume, die ihre Bestäuber austrickst, indem sie eher nach toten und verrottenden Insekten als nach Wirbeltier-Aas riecht“.

„Insekten-Geier“ in die Falle gelockt

Die Biologen berichten auch darüber, auf welche Insekten es die Pflanze abgesehen hat, und wie sie diese für ihre Zwecke benutzt. Demnach zieht der Gestank Fliegen aus der Gattung Megaselia magisch an. Diese auch „Sargfliegen“ genannten Winzlinge sind dafür bekannt, dass sie ihre Eier über Insektenleichen ablegen. Wie die Forscher berichten, werden die Fliegen in den pfeifenförmigen Blüten von A. microstoma nach dem Eindringen von Haaren nach unten zu einer kleinen Kammer geleitet, in der sich die Geschlechtsorgane der Pflanze befinden.

Darin gefangen, deponieren die Insekten den mitgebrachten Pollen, den sie zuvor bei einer anderen A. microstoma-Blüte aufgesammelt haben, auf den weiblichen Blütenstempeln. Erst danach reifen die Pollenträger der Pflanze in der Kammer und geben den Blütenstaub frei, der sich dann auf den Gefangenen absetzt. Anschließend verwelken die Haare dann, die den Eingang zur Kammer blockieren. So können die Bestäuber schließlich entkommen, und ein neuer Zyklus kann beginnen, berichtet das Pflanzenforscherteam über die ungewöhnliche Vertreterin der stinkenden Gewächse.

Quelle: Technische Universität Dresden, Fachartikel: Front. Ecol. Evol., doi: 10.3389/fevo.2021.658441

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