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Umwelt+Natur

Verräterische Gesichtszüge

Rhesusaffen
Ein erwachsenes Rhesusaffen-Weibchen mit einem verwandten Jungtier (Foto: Klaus Leipholz / Anja Widdig)

An unseren Gesichtszügen zeigt sich unsere Verwandtschaft – meist sehen wir unseren Eltern zumindest auf gewisse Weise ähnlich. Jetzt haben Biologen herausgefunden, dass es bei Affen ganz ähnlich ist – auch sie tragen Merkmale ihrer Eltern im Gesicht. Während jedoch bei uns Menschen diese Ähnlichkeit schon in der Kindheit zutage tritt, ist sie bei den Rhesusaffen erst mit der Pubertät sichtbar. Dahinter steckt ein biologischer Grund: Weil die Affenväter nicht erkennen können, ob sie ihren eigenen Nachwuchs vor sich haben oder nicht, sind die Jungtiere vor der Kindstötung oder Aggressionen geschützt.

Ganz der Papa und die gleichen Augen wie die Mama! Wenn wir Menschen ein Kind mit seinen Eltern sehen, suchen wir oft unwillkürlich nach Ähnlichkeiten – und finden sie meist auch. Denn die Ausprägung unserer Gesichtszüge ist zum großen Teil erblich – und das hat durchaus eine biologische Funktion: Instinktiv erkannten so schon unsere Vorfahren, ob ein ihnen unbekannter Mensch zu ihrer Sippe gehörte und sie ihm daher Vertrauen entgegenbringen können oder nicht. Doch diese Familienähnlichkeit kann auch Nachteile haben – beispielsweise, wenn sie verrät, dass ein Kind ein Kuckuckskind ist. In manchen Gesellschaften kann dies dazu führen, dass der vermeintliche Vater den Nachwuchs verstößt oder schlechter behandelt.

Wann tritt bei Affen die Familienähnlichkeit zutage?

Ähnlich ist es auch bei Tieren. Hier kann es sogar zu Kindstötungen kommen, wenn ein Männchen Jungtiere als nicht von ihm abstammend erkennt. Umgekehrt aber ist es wichtig, dass sich Verwandte gegenseitig erkennen, um beispielsweise Inzucht zu vermeiden. Damit gleicht die Familienähnlichkeit einem zweischneiden Schwert – sie hat Vorteile, kann aber gerade für Jungtiere und Kinder sogar tödlich sein. Biologen gehen deshalb davon aus, dass die Natur je nach Sozialverhalten einer Spezies eine Art Kompromiss eingeht: Die Ähnlichkeit zu Vater oder Mutter tritt oft erst dann zutage, wenn der Nachwuchs aus dem Gröbsten raus ist. Je größer die Gefahr einer Vernachlässigung oder gar Tötung für die Jungtiere ist, desto später zeigen sich erst ihre Familienmerkmale.

Bei uns Menschen ist dies etwa in der Mitte der Kindheit der Fall, wie Experimente belegen. „Fehlende oder (noch) nicht erkennbare Hinweise auf eine Verwandtschaft bei Kleinkindern erzeugen eine Mehrdeutigkeit, die Kinder und Jugendliche vor Diskriminierung durch potenziell nicht verwandte Erwachsene schützt“, erklärt Anahita Kazem vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und der Universität Leipzig. Aber wie ist dies mit unseren engen Verwandten, den Affen? Das haben nun Kazem und ihr Team am Beispiel von Rhesusaffen untersucht. Für ihre Studie stellten sie menschliche Probanden vor die Aufgabe, digitale Portraits von Rhesusaffen-Jungtieren deren Eltern zuzuordnen. Aus Vorversuchen war bereits bekannt, dass Menschen Ähnlichkeiten zwischen einander verwandten Rhesusaffen erkennen können – zumindest bei erwachsenen Tieren. Die Frage war nun, ab welchem Alter die Gesichtszüge der Jungtiere ihre Zugehörigkeit zu einem Vater oder Mutter verrieten.

Affenvater und Sohn (links)
Wer ist der Sohn dieses Affenvaters? (Grafik: Kazem et al.)

Erkennbar erst in der Pubertät

Die Auswertung ergab: Zwar haben die Gesichter junger Rhesusaffen durchaus individuelle Eigenheiten und lassen sich daher gut wiedererkennen. Doch sie anhand ihrer Gesichtszüge ihren Eltern zuzuordnen, gelang es den Versuchspersonen bei den Affenkindern nicht. Mit zunehmendem Alter der Jungtiere klappte die Zuordnung jedoch immer besser. Aber erst, wenn der Nachwuchs fast die Pubertät erreicht hat, treten die Ähnlichkeiten klar erkennbar zu Tage, wie das Experiment belegte. Sind die Rhesusaffen-Kinder alt genug, um nicht mehr Opfer von Aggression und Kindestötung werden zu können, verraten ihre Gesichter, wer ihr Vater und ihre Mutter sind. Damit geschieht dies bei den Affen später als bei uns Menschen. Nach Ansicht der Forscher lässt sich dies dadurch erklären, dass sich bei den Rhesusaffen meist mehrere Männchen hintereinander mit einem Weibchen paaren. Solange ein Männchen aber im Unklaren über seine Vaterschaft ist, wird es die Jungtiere nicht attackieren.

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Wie die Biologen betonen, sind diese Ergebnisse der erste Beleg dafür, dass visuelle Hinweise auf Verwandtschaft bei Tieren erst verstärkt nachweisbar werden, wenn sie die Pubertät erreichen. „Unsere Forschung zeigt, dass Hinweise auf Vaterschaft und Mutterschaft in den Gesichtern von Rhesusaffen vorhanden sind, und dass die Tiere diese Informationen unter natürlichen Bedingungen spontan wahrnehmen“, erklärt Seniorautorin Anja Widdig vom Max-Planck-Institut. „In zukünftigen Studien möchten wir nun herausfinden, ob diese visuellen Informationen von den Affen tatsächlich genutzt werden und welche Vorteile es ihnen ganz konkret bringt, verwandte und nicht verwandte Tiere in unterschiedlichen Lebensabschnitten als solche erkennen zu können.“

Quelle: Anahita Kazem ( Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig) et al., Proceedings of the Royal Society B, doi: 10.1098/rspb.2018.1208

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