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Umwelt+Natur

Verschwendung pur!

Laut Herbert Achternbusch gibt es Leute, die am Geld erfroren sind. Wer kennt sie nicht, die Menschen, die bei fast jedem Thema sofort ausrechnen, was es sie kostet oder was es ihnen bringt. Ob es sich lohnt. Und was sich auf keinen Fall rechnet. Augenblicklich sinkt die Raumtemperatur. Und das Gespräch ist auf kalte Quantitäten umgelenkt, wo gerade noch jemand erhitzt ein Anliegen vorgebracht hat. Es ist Fastenzeit. Sieben Wochen ohne … Rauchen? Alkohol?

Die Rede ist von der Schnäppchen-Mentalität, egal ob beim Essen oder beim DVD-Player. Wer auf diesen alltäglichen Sparfimmel verzichtet, der hilft auf breiter Front. Er hilft bei Tee, Trauben, Turnschuhen, oder T-Shirts, Qualität zu erzeugen. Er hilft Arbeitern (faire Löhne), Tieren (gute Haltung, gutes Futter), Bauern (faire Preise). Auf Geiz zu verzichten, hilft in den meisten Fällen, den Anstand zu wahren. Selbst die großen Elektronik-Läden wie Saturn und Media Markt haben gemerkt, dass der Schnäppchen-Boom vorbei ist. Plötzlich wird Qualität geil. Und der Ramsch-Jäger blöd.

Offenbar schwingt das Konsumpendel hin und her. Vom Heller und Pfennig oder wie viel ein Produkt kosten darf, zu dessen Qualität und wieder zurück. Will heißen: Die Menschen achten einige Zeit extrem auf jeden Cent, um sich dann wieder auf das Wertvolle zu besinnen. Marketingexperten meinen sogar Zeiträume beobachten zu können: Fünf bis sieben Jahre, so schätzt der Basler Wirtschaftswissenschaftler Professor Manfred Bruhn, dauere ein Zyklus. Dann kehre sich der Trend wieder um. Im Moment neigt das Pendel zu mehr Qualität. Auch deshalb wächst die Biobranche im zweistelligen Bereich, was heißt, dass längst auch die „Nicht-Ökos“ immer beherzter biologische Lebensmittel einkaufen.

Max Weber, der geniale Gesellschaftsanalyst schrieb mit schönstem Vokabular über den Geist des Kapitalismus, die Entzauberung der Welt, den Aufstieg des Fachmenschentums, die Tyrannis der Bürokratie und so fort. Er tat seinen Unmut kund über die „zunehmende Rechenhaftigkeit“ des Menschen, eine Entwicklung, die zu seiner Zeit begann und in den letzten Jahren noch mal richtig anzog. Ob es uns heute im Sinne der Nachhaltigkeit gelingt, uns wieder mehr auf das Wesentliche zu besinnen?

Übrigens: Nicht einmal beim Thema Wasser ist Geiz beziehungsweise Sparen angesagt. Zum Internationalen Tag des Wassers berichten wir, dass uns Deutsche Wassersparen teuer zu stehen kommt. Von Willy Brandt ist überliefert, er habe sich dereinst darüber mokiert, wie inbrünstig sich die Deutschen damit befassen können, ob sie beim Zähneputzen den Wasserhahn zwischendurch zudrehen und wie viel Wasser sie damit sparen können. Er kümmerte sich lieber um die großen Gesten. Das Rattern des Wasserzählers war ihm egal. Heute würde er lächeln und mit rauchiger Whiskey-Stimme raunen, ihm sei schon damals klar gewesen, dass Wassersparen uns nicht wirklich weiterbringt …

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