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Waschbär und Marderhund

Viel Eroberungs-Potenzial in Europa

Invasive Arten in Europa: Waschbär (links) und Marderhund (rechts). (Bilder: links: win247/iStock, rechts: Dorian Dörge)

Vielerorts haben die problematischen Exoten bereits Fuß gefasst, doch wie werden sich die Populationen von Waschbär und Marderhund nun weiterentwickeln? Den invasiven Kleinräubern bieten sich in Europa noch viele weitere Ausbreitungsmöglichkeiten, berichten Forscher. Sie haben die Gebiete erfasst, in denen ähnliche Klimabedingungen wie in den Heimatregionen der beiden Tierarten herrschen und damit ihr Ausbreitungspotenzial ermittelt. Wie die Wissenschaftler betonen, bedrohen Waschbär und Marderhund nicht nur die Artenvielfalt: Beide können auch Krankheiten auf Tiere und Menschen übertragen. Der Marderhund gilt dabei sogar als möglicher Träger von Coronaviren.

Die Welt ist im Wandel – das gilt auch für die Zusammensetzung der Arten: Der Mensch hat durch seine globalen Aktivitäten viele Tier- und Pflanzenarten von einem Ort zum anderen verfrachtet. In einigen Fällen landeten die Fremdlinge dabei gleichsam im Paradies: Sie konnten sich durch das Fehlen von Konkurrenten oder Feinden sowie üppige Nahrungsquellen stark vermehren und avancierten so zu invasiven Arten. Zwei berühmte Beispiele sind der nordamerikanische Waschbär (Procyon lotor) und der ursprünglich aus Ostasien stammende Marderhund (Nyctereutes procyonoides). Die beiden optisch ähnlichen, aber nur entfernt verwandten Vertreter der Hundeartigen (Caniformia) wurden im Laufe des 20. Jahrhunderts als Pelz- und Jagdtiere nach Europa eingeschleppt. In der Freiheit fanden sie gute Lebensbedingungen und konnten sich dadurch vermehren und ausbreiten. Waschbären kommen mittlerweile in 20 und Marderhunde bereits in 33 Ländern Europas vor.

Mögliche Lebensräume ausgelotet

„Waschbär und Marderhund sind flexibel, was ihren Lebensraum und ihr Futter betrifft. Zudem haben sie in Europa kaum natürliche Feinde. Man nimmt an, dass ihre Ausbreitung daher nur durch das Klima begrenzt wird“, sagt Judith Kochmann vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum an der Goethe-Universität Frankfurt. Um das entsprechende Ausbreitungspotenzial in Europa auszuloten, haben sie und ihre Kollegen anhand von acht Variablen analysiert, unter welchen Temperatur- und Niederschlagsbedingungen Waschbär und Marderhund in ihren Heimatregionen in Nordamerika beziehungsweise Ostasien leben. So konnten sie die Ansprüche beider Arten bestimmen. Anschließend untersuchten sie, welche Gebiete Europas Bedingungen bieten, die in den Toleranzbereich der beiden Einwanderer fallen und somit Ausbreitungsmöglichkeiten für sie bieten.

So zeigte sich: Weite Teile Europas sind als Lebensräume geeignet. „Da gibt es noch viel Luft nach oben“, so Kochmann. „Es ist daher wahrscheinlich, dass das Verbreitungsgebiet von Waschbär und Marderhund in Europa vermutlich noch beträchtlich größer wird“, sagt die Wissenschaftlerin. Im Detail geht aus den Karten zu den geeigneten Gebieten hervor: Viele Regionen bieten Waschbär und Marderhund gleichermaßen Ausbreitungspotenzial und könnten somit zu neuen Lebensräumen beider Arten werden. Doch es ist auch mit einem leicht unterschiedlichen Ausbreitungsmuster zu rechnen. Denn der Marderhund kommt offenbar etwas besser mit Kältespitzen zurecht und der Waschbär eher mit Wärme. Demnach könnte der „Amerikaner“ mehr Lebensräume im Süden erobern, der ostasiatische Einwanderer könnte sich hingegen noch weiter in Skandinavien und Osteuropa ausbreiten.

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Ökosystem-Vandalen und Krankheitsüberträger

Wie die Forscher betonen, könnten die beiden Kleinräuber in ihren neuen Lebensräumen nicht nur die Artenvielfalt bedrohen, sondern auch zu einem Gesundheitsrisiko avancieren. Denn sie sind als mögliche Träger von Krankheitserregern wie Parasiten und Viren bekannt, die teilweise auch den Menschen befallen können – Stichwort Zoonosen. „Welche Erreger die Arten in Europa in sich tragen, erforschen wir aktuell in unserem Verbundprojekt ZOWIAC ‚Zoonotische und wildtierökologische Auswirkungen invasiver Carnivoren’“, sagt Co-Autor Sven Klimpel von der Goethe-Universität Frankfurt.

Bekannt ist bereits: „Waschbären übertragen den Waschbärspulwurm und gelten als Reservoirwirte für das West-Nil-Virus. Marderhunde beherbergen ähnliche Erreger, darunter Lyssaviren, die Tollwut verursachen, canine Staupeviren sowie den Fuchsbandwurm“, sagt Klimpel. Besonders hebt der Parasitologe allerdings ein spezielles Risiko hervor: „Marderhunde stehen aktuell im Verdacht, als Reservoirwirte für Coronaviren – wie etwa SARS-CoV-2 – zu fungieren“, so Klimpel.

Vor diesem Hintergrund können die Modellierungen der potenziellen Verbreitungsgebiete nun auch aus epidemiologischen Überlegungen heraus wichtig sein, sagen die Wissenschaftler. Zudem können die Ergebnisse der Planung von Managementmaßnahmen zur Kontrolle der Waschbär- und Marderhund-Populationen in Europa dienen. Auch wenn sie sich offenbar bereits fest etabliert haben, lassen sich die pelzigen Gesellen damit vielleicht wenigstens etwas in Schach halten.

Quelle: Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen, Fachartikel: Mammal Review, doi: 10.1111/mam.12249

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