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Virtuos durch Demenz

In manchen Fällen können Zerfallsprozesse im Gehirn offenbar verborgene Potenziale eines Menschen sichtbar machen. In der Fachzeitschrift „Neurology“ berichtet ein amerikanischer Neurologe über den Fall einer chinesisch-amerikanischen Künstlerin, die immer ausdrucksstärkere Bilder malte, während ihre Sprachfähigkeiten allmählich schwanden (Ausgabe vom 27. Mai).

Die Immigrantin, die Kunst an einer amerikanischen Oberschule unterrichtete, beherrschte sowohl westliche wie auch fernöstliche Maltechniken. Im Jahre 1985 stellten sich bei ihr Schwierigkeiten mit dem Gedächtnis ein, so dass sie ihren Unterricht nur noch schwer gestalten konnte und 1995 schließlich in vorzeitigen Ruhestand ging. Die Ärzte diagnostizierten bei ihr einen Verfall des linken vorderen Hirnlappens, in dem bei den meisten Menschen das Sprachgedächtnis verankert ist. Diese „frontotemporale Demenz“ genannte Krankheit ist in ihren Symptomen der Alzheimerkrankheit sehr ähnlich.

„Mit dem voranschreitenden Verfall wurden ihre Bilder freier, wilder und origineller“, schreibt Bruce Miller von der Kalifornischen Universität in San Francisco, der den Fall untersucht hat. „Von 1990 bis 93 schuf sie eine Reihe exquisiter Zeichnungen, die auf dem chinesischen Horoskop basierten und 1997 eine weitere Reihe von männlichen Aktzeichnungen.“ Spätere Zeichnungen verloren schließlich ihren realistischen Charakter, waren aber von einer starken emotionalen Intensität gekennzeichnet.

Im vorderen Hirnlappen sind neben den sprachlichen auch soziale Fähigkeiten verankert. Daher vermutet Miller, dass bei der Patientin mit dem Verfall dieser Gehirnareale andere Regionen der Großhirns von einer äußeren Kontrolle befreit wurden. Sie konnte ihren Emotionen freien Lauf lassen und die Gefühle in den Bildern ausdrücken.

Im Jahre 2001 gab die Künstlerin das Malen dann auf, berichtet Miller weiter. Doch obwohl sie nur noch eingeschränkte sprachliche Fähigkeiten hat, wird sie im Ausdruck immer noch klar und deutlich, wenn es um die von ihr geschaffene Kunst geht.

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ddp/bdw – Andreas Wawrzinek
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