Vom Stachelschweinjäger zum Menschenfresser - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Umwelt+Natur

Vom Stachelschweinjäger zum Menschenfresser

Dieses Foto von 1965 zeigt einen Löwen, der wegen seiner Behinderung zum Menschenfresser wurde: Ein Stachelschwein-Stachel saß tief in seiner Nase. (Bild: Julian Kerbis Peterhans, Foto von John Perrott)

Das kann mit einem Stachel in der Nase enden! Forscher haben untersucht, was Löwen zur Jagd auf Stachelschweine verleitet und welche Folgen die riskante Beutewahl haben kann. Demnach wagen sich die Raubkatzen eher nur bei Futterknappheit an die bewaffneten Nager. Wenn sie Pech haben, steckt ihnen anschließend allerdings ein schmerzhafter Stachel im Fleisch. Den Forschern zufolge können derart behinderte Tiere dann zu „Problemlöwen“ werden: Sie suchen sich leichte Beute – Haustiere oder Menschen.

Löwen überwältigen bekanntlich sogar Riesen – 20 Kilogramm schwere Beutetiere sind somit normalerweise leichte Opfer – doch im Fall des Stachelschweins gilt das nicht: Um in den Savannen Afrikas zu überleben, setzt dieses skurrile Nagetier auf rabiate Verteidigung. Wird es angegriffen, konfrontiert es den Feind mit seinen über 30 Zentimeter langen Stacheln. Der Angreifer kann sich diese spitzen Gebilde beim Gerangel leicht ins Fleisch rammen, wo sie stecken bleiben und oft gefährliche Wunden verursachen. Ein Stachelschwein ist dadurch nicht nur ein unangenehmer, sondern auch potenziell lebensgefährlicher Gegner.

Es ist allerdings bekannt, dass Löwen das Risiko dennoch manchmal eingehen. Einige tragen dadurch schmerzhafte „Andenken“ an ihr Wagnis mit sich herum. Dem interessanten Thema „Löwe versus Stachelschwein“ hat nun ein Team des Field Museums in Chicago eine Studie gewidmet. Die Forscher durchforsteten dazu wissenschaftliche Literatur, historische Aufzeichnungen, Geschichten aus der Presse und YouTube-Videos. Stets waren sie dabei auf der Suche nach Hinweisen auf Interaktionen zwischen Löwen und Stachelschweinen. Außerdem führten sie im Rahmen ihrer Studie forensische Untersuchungen an Löwen durch, die von Stachel-Verletzungen betroffen waren.

Not und jugendlicher Leichtsinn

Unterm Strich dokumentierten die Forscher etwa 50 Fälle, in denen Löwen von Stachelschweinen verletzt oder sogar getötet wurden. Wie sie berichten, zeichneten sich in diesen Daten Muster ab. „Durch die Untersuchung von Löwen, die von Stachelschweinen verletzt wurden, konnten wir ein besseres Bild von den Bedingungen entwickeln, unter denen Löwen versuchen, Stachelschweine zu jagen, und was mit verletzten Löwen anschließend passiert“, erklärt Co-Autor Kerbis Peterhans.

Anzeige

Demnach scheinen vor allem die Löwen auf Stachelschweine als Nahrung zu setzen, die mit vergleichsweise kargen Bedingungen zurechtkommen müssen. Möglicherweise attackieren sie die gefährlichen Gegner, weil zu bestimmten Zeiten andere Beutetiere nicht zur Verfügung stehen. Aus den Fallanalysen ging zudem hervor, dass sich eher relativ junge Löwen an die bewaffneten Nager wagen. Außerdem sind die meisten von Stachelschweinen verletzten Löwen männlich, zeigten die Auswertungen.

Wie die Forscher berichten, reichen die Geschichten über Löwen, die durch Stachelschweine verletzt wurden, teils hunderte Jahre zurück. Bereits 1656 erwähnte etwa ein niederländischer Beamter in Kapstadt drei von Stachelschwein-Stacheln durchbohrte Löwen in seinem Tagebuch. In vielen Fällen zeichnet sich den Forschern zufolge ab, dass die Verletzungen es den Löwen schwer gemacht haben, zu jagen oder zu fressen. Einige wandten sich deshalb vergleichsweise leichter Beute zu wie Vieh – oder aber Menschen – die sie unter normalen Umständen meiden.

Zerstochene „Problemlöwen“

Offenbar war dies auch bei zwei Löwen aus dem Jahr 1965 der Fall, deren Überreste die Forscher im Rahmen ihrere Studie untersucht haben. „Wir waren wie Detektive“, sagt Co-Autor Gastone Celesia über die forensische Arbeit des Teams. Die CT-Scans zeigten: Bei einem der beiden Tiere steckte ein Stachelschwein-Stachel tief in der Nase. Bei dem anderen hatte sich eines der spitzen Gebilde in einem gebrochenen Eckzahn festgesetzt. Bei den beiden als Menschenfresser bekannten Löwen zeichneten sich zudem die Spuren von Knocheninfektionen ab, die ihnen sicherlich das Leben schwer gemacht haben, erklären die Wissenschaftler.

„Stachelschweinverletzungen können somit letztlich eine Ursache für Angriffe auf den Menschen darstellen“, resümiert Peterhans. Wie er betont, hat die Studie in diesem Zusammenhang auch eine ökologische Bedeutung: „Unsere Daten deuten darauf hin, dass wenn sich Löwen Stachelschweinen als Beutetieren zuwenden, es ein Problem mit dem lokalen Beutevorkommen gibt“. Ursache für die immer schlechter werdenden Lebensbedingungen für Löwen und ihre „normalen“ Beutetiere ist dabei in vielen Fällen der Mensch. In diesem Spannungsfeld kann sich somit die Stachelschweinjagd zu einem problematischen Co-Faktor entwickeln, geht aus der Studie hervor.

Quelle: Field Museum

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Dossiers

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Pap|pa|ta|ci|fie|ber  〈[–ti–] n. 13; unz.; Med.〉 in tropischen u. subtropischen Ländern heimische, mit Glieder– u. Muskelschmerzen verbundene Infektionskrankheit, deren Virus durch die Stechmücke Phlebotomus pappatasii übertragen wird; Sy Dreitagefieber ... mehr

so|zi|al|ge|schicht|lich  〈Adj.〉 die Sozialgeschichte betreffend, zu ihr gehörig

Se|kun|där|li|te|ra|tur  〈f. 20; unz.〉 Literatur über Dichtwerke; Ggs Primärliteratur ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige