Vom Winde verweht - wissenschaft.de
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Vom Winde verweht

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Das winzige Rädertierchen Bdelloid entgeht mit einer einzigartigen Strategie seien Feinden: Es trocknet aus und tötet damit Parasiten und Pilze ab. Mit dem Wind treibt es dann in ungefährlichere Umgebungen und pflanzt sich dort durch Klonen fort. Bild: Kent Loeffler, Kathie T. Hodge, C.G. Wilson
Wenn die millimetergroßen Bdelloid-Rädertierchen von Krankheitserregern oder Parasiten angegriffen werden, trocknen sie aus und lassen sich vom Wind wegtragen. Mit diesem Trick entkommen sie ihren Feinden und können sich an einem ungefährlicheren Ort eine neue Existenz aufbauen. Das haben US-Forscher entdeckt, als sie die Überlebensstrategien der Tierchen untersuchten. Bisher galt es als Rätsel, weshalb die Bdelloid-Rädertierchen heute noch nicht ausgestorben sind: Sie reproduzieren sich ohne Sex, weshalb sich ihr Genmaterial kaum erneuert. Dadurch wären sie eigentlich sehr anfällig für Parasiten und Schädlinge. Nun konnten die Forscher zeigen, dass die Bdelloida schlicht und einfach eine andere Strategie verfolgen: Sie überleben, weil sie eine außergewöhnliche Fluchtkunst entwickelt haben.

Bdelloid-Rädertierchen sind wirbellose Tiere, die in Süßwasser und in feuchten Böden vorkommen. Sie vermehren sich nicht über Sex, sondern besitzen die Fähigkeit sich selbst zu klonen. Laut der so genannten Red-Queen-Hypothese dürfte es diese Tierchen aber gar nicht mehr geben: Lebewesen, die sich asexuell fortpflanzen, verfügen über einen relativ fixen Gen-Pool und werden deshalb von Parasiten und Erregern meist schon zu Beginn ihrer evolutiven Entwicklung ausgelöscht.

Um die Überlebensstrategie der Tiere zu untersuchen, infizierten die Forscher eine Population von Rädertierchen mit einem tödlichen Pilz. Alle befallenen Tierchen starben innerhalb weniger Wochen ab. In einem zweiten Versuch trockneten die Wissenschaftler die pilzinfizierte Population aus und beließen sie unterschiedlich lang in dieser feindlichen Umgebung. Es zeigte sich, dass die Rädertierchen besser mit der Trockenheit zu Rande kommen als die Pilze. Je länger die Forscher mit der Wasserzufuhr warteten, desto mehr Pilze verendeten und desto vollständiger waren die Bdelloida von ihrem Angreifer befreit. In einem dritten Experiment untersuchten die Forscher das Verhalten der Tiere in bewegter Luft: Sie gaben die Bdelloida in eine Windkammer und konnten so beobachten, wie die Rädertierchen vom Windstrom mitgerissen wurden, sich von den Pilzen lösten und neue, pilzfreie Kolonien bildeten.

„Diese Tiere spielen ein Such- und Versteckspiel auf evolutiver Ebene“, fasst Sherman das Ergebnis der Untersuchungsreihe zusammen. Die Bdelloida fliegen mit dem Wind mit und gründen neue, parasitfreie Populationen: Bis ihre Gegner sie erneut gefunden haben, sind sie schon wieder weg. Auf diese Weise entkommen sie ihren Feinden auch ohne sexuelle Fortpflanzung. Diese spezielle Überlebensstrategie ist von keinem anderen Tier her bekannt, schreiben die Wissenschaftler.

Paul Sherman (Cornell University, New York) et al.: Science, doi: 10.1126/science.1179252 ddp/wissenschaft.de ? Regula Brassel
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